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Region Delitzsch Delitzscher Ümit will um Platz in Behindertenwerkstatt kämpfen
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14:23 11.03.2018
Ümit Kocal will gerne in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten. Quelle: privat
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Delitzsch

Bald hat der 16-jährige Ümit Kocal seinen Schulabschluss in der Tasche. Und momentan sieht es so aus, als ob er damit nichts anderes machen braucht als den ganzen Tag zu liegen, den Fernseher dudeln zu lassen und sich von seiner Mutter Serife umsorgen zu lassen.

Schlechte Aussicht auf Förderung

Denn die Arbeitsagentur sagt, dass Ümit überhaupt nicht arbeiten kann. Entschieden wurde das nach Aktenlage. Die spricht erstmal gegen Ümit. Er kam mit der seltenen Muskelreifestörung myotubulärer Myopathie auf die Welt. In Deutschland sind etwa 30 Fälle bekannt. Dutzende Operationen hat der Teenager schon erlebt, die Skoliose macht es ihm nicht einfach, er ist auf künstliche Ernährung und Beatmung angewiesen, er hört schlecht.

Serife Kocal und ihr Sohn Ümit wollen für seine Zukunft kämpfen. Quelle: Wolfgang Sens

„Wir hätten gerne einen Job in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung“, sagt Mutter Serife Kocal. Sie zieht ihren Sohn alleine groß, sie haben schon viel gemeistert und zweifeln nun am System. Zwar gibt es auch in Delitzsch eine Fördergruppe, in der Menschen mit schwersten Behinderungen unterkommen, doch momentan ist nicht geklärt, welche Behörde überhaupt für die Unterbringung bezahlen würde und dazu bereit wäre, Ümit die Förderung zu ermöglichen. Die Familie selbst kann das nicht. Aus Sicht des Amtes aber ist es „nicht realistisch“, dass der 16-Jährige einer wie auch immer gearteten Tätigkeit nachgeht.

Junger Mann will kämpfen

Auch wenn die sozialmedizinische gutachterliche Stellungnahme der Arbeitsagentur momentan gegen ihn spricht, will Ümit kämpfen. Als nächstes wird wohl das Schulamt Post bekommen, weitere Schritte sind nicht ausgeschlossen. Denn Ümit hat Ehrgeiz. Mehr vielleicht als andere Jungs in diesem pubertären Wahnsinnsalter. Wo andere ihre Mütter mit Lust- und Antriebslosigkeit mürbe machen, kann Serife Kocal über ihren Jungen stolz sagen: „Er ist regelrecht süchtig nach Arbeit!“

Myotubuläre Myopathie

Myotubuläre Myopathie ist eine sehr seltene und schlecht erforschte Muskelreifestörung, bei der die Muskeln meist bereits im Mutterleib zu reifen aufhören. Hauptsächlich Jungs bekommen myotubuläre Myopathie.

Dank des Internets hat sich weltweit ein relativ großes internationales Netzwerk von Familien gebildet, die sich untereinander helfen und Erfahrungen austauschen. Meist geht man von einer Lebenserwartung von rund zehn Jahren aus, Ausnahmen wie 24-jährige mit der Myopathie gibt es. Es besteht erhöhtes Risiko für Infekte wie Lungenentzündungen, die zum frühen Tod führt. Auch kann es passieren, dass das Herz nicht richtig funktioniert. Jeder Fall dieser Behinderung ist anders – nicht alle sind auf Beatmung angewiesen. Nicht jedes Kind muss intensivmedizinisch betreut werden.

Infos: www.mtmx.de

„Ich will nicht nur an die Decke starren“, sagt Ümit. Momentan, fürchtet er, ist aber genau das seine Perspektive sobald er seinen Abschluss an einer Schule für Körperbehinderte in Leipzig in der Tasche hat. Dabei hat er in zwei Praktika bereits bewiesen, dass er sehr wohl arbeiten und seinem Traumberuf Techniker näher kommen kann als viele ihm zutrauen. Auch als er dieses Projekt anging wollte nicht mal seine Schule, an der er immer wieder mit seinem Ehrgeiz punktet, an ihn glauben und hätte das eigentlich im Lehrplan verankerte Praktikum für ihn am liebsten gestrichen. Ümit hielt dagegen und bestand darauf. Während seine Klassenkameraden oft zu den naheliegenden Praktika in Ergo- und Physiotherapien griffen, in denen sie selbst in Behandlung sind, wollte er sich beweisen. Für einen Patronen- und Kartuschenservice in Halle kümmerte sich Ümit um Daten und kleinere Reparaturen. Damit er nicht in die Saalestadt pendeln musste, wurden die Werkstücke in das Bobby-Brederlow-Haus der Lebenshilfe im Delitzscher Ortsteil Döbernitz geliefert. „Es geht also schon was“, sagt Serife Kocal. Das Wichtigste beim großen Wort der Inklusion sei eben, dass sich alle aufeinander zu bewegen.

Von Christine Jacob

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