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Delitzsch Delitzscher Videothek schließt
Region Delitzsch Delitzscher Videothek schließt
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18:45 23.02.2017
Ines Fiedler bereitet den Ausverkauf vor, die vielen DVD- und Blu-ray-Scheiben werden nicht mehr gebraucht, Videos sind schon lange passé. Quelle: Wolfgang Sens
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DELITZSCH

Vielleicht wäre „Spiel mir das Lied vom Tod“ in Endlosschleife passend. Der Film könnte oben auf dem Flatscreen in der Delitzscher World-of-Video-Filiale vis a vis des Unteren Bahnhofs laufen, unten würden die Ausverkauf-Schilder prangen, die Regale werden immer leerer und der Letzte macht das Flimmerlicht aus. Die Videothek, die einzige in Delitzsch, schließt zum 1. April.

Es sind wirtschaftliche Gründe, die nur den Entschluss zur Aufgabe zulassen. „Es reicht nicht mehr“, sagt Betriebsleiterin Ines Fiedler. Seit 2003 steht sie in der Franchise-Filiale hinter der Theke. Die „World of Video“ gehört zwei Brüdern, die das Unternehmen schon in zweiter Generation führen. Es werden nicht nur Filme, sondern auch Spiele verliehen – 13 000 Artikel sind es insgesamt im Delitzscher Laden. Dennoch, es ist nicht mehr die Zeit des Unternehmens. Rannten die Menschen kurz nach der Wende – da wurde auch diese Filiale aufgebaut und zog 1992 in die Eilenburger Straße 82 – so neugierig und eifrig wie in die ebenso neuen Baumärkte in die Videotheken, so dümpelt das Geschäft jetzt vor sich hin. Bundesweit soll es mal 8000 Videotheken gegeben haben, 2008 waren es dann noch etwa 3000, 2015 knapp 1000 – es geht weiter abwärts. Erst war das Video ganz groß, es kamen DVD und dann die Blu-ray – jetzt wird gestreamt. „Auch unsere Branche hat das Internet erwischt“, sagt Ines Fiedler. Sie hat 1989 angefangen, in Videotheken zu arbeiten und den Boom erlebt. Die vergangenen fünf Jahre mindestens habe sich der Abwärtstrend immer deutlicher abgezeichnet.

Internet setzt der Branche zu

„Die junge Generation hat ein völlig verändertes Freizeitverhalten“, weiß die 50-Jährige. Nicht nur die Jungen bleiben fern. Man ist stundenlang bei Facebook online, schaut Clips bei Youtube, leiht sich Filme und Serien online aus oder nutzt einen Streamingdienst. Hauptsache, es ist bequem. Und am besten noch kostenlos. Viele würden heute lieber Gratisangebote im Internet nutzen, egal wie voll die mit Werbung sind. „Früher kamen die Leute auch, um sich frei von Werbung zu halten, heute nimmt man es hin“, so Ines Fiedler.

Leihen Sie noch Filme in der Videothek aus?

Die Videothek in Delitzsch schließt zum 1. April. Die Kunden blieben aus, der wirtschaftliche Druck ist zu groß. Diese Entwicklung lässt nur noch den Schluss zum Schluss zu. Doch wie sehen das die Delitzscher?

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Stammkunden haben sie noch, der älteste ist 91 Jahre alt. Die Delitzscher seien sehr nett gewesen, doch es reicht nicht. Die World of Video konnte unter anderem damit überzeugen, dass man Geliehenes per Post zurückschicken konnte. Aber die Leute sind oft sogar noch zu bequem dafür. Und sie haben keine Zeit. „Wer Zeit hat, hat kein Geld. Und wer Geld hat, der hat keine Zeit“, sagt Ines Fiedler. Während der Winter früher die umsatzstärkste Zeit war und man sich im Sommer zunehmend so über Wasser halten musste, muss man das jetzt ganzjährig. Mietkosten, der Einkauf von Filmen, Technik und Spielen, der Mindestlohn – wirtschaftlich nicht mehr zu machen mit den paar letzten treuen Cineasten. Von Enttäuschung bis zu bösartigen Kommentaren reicht die Reaktion der Kunden auf das baldige Aus. Am Ende haben sie alle Verständnis für Ines Fiedler und ihre Leute.

„Papa, was ist eine Videothek?“

Sie und ihre drei Kollegen bereiten nun den Räumungsverkauf vor, der am 4. März starten wird. Sie alle werden vorerst weiter machen. „Wir sind alles Springer und arbeiten noch in anderen Filialen“, sagt die Frau aus Leuna. In Grimma und Merseburg haben die Läden noch Bestand. In Eilenburg wurde 2015 dicht gemacht, in Leipzig wurden auch Läden geschlossen. „Man hat erlebt, wie andere Videotheken geschlossen wurden und wusste, was auf einen zukommt“, nimmt es die Video-Händlerin hin.

Neulich hat Ines Fiedler ein Mädchen von vielleicht sechs oder sieben Jahren im Laden beobachtet, das mit seinem Vater kam. Die Kleine schaute sich um und fragte: „Papa, was ist eine Videothek?“ Tja, es wird eine Generation geben, die wird nicht mehr wissen, was das war.

Von Christine Jacob

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