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Delitzscher aus Island und Jakutien

Die Palssons Delitzscher aus Island und Jakutien

950 Menschen sind im vergangenen Jahr nach Delitzsch gezogen – fünf von ihnen sind die Palssons. Maria, Arnar, Maxim, Arthur und Palina kommen aus Island und Jakutien. Die Kleinen besuchen nun in der Loberstadt den Kindergarten, der Große die Oberschule, Arnar arbeitet bei DHL als Flugzeugmechaniker, Maria ist Hausfrau.

Arnar und Maria Palsson.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Gerade sind die Sturmtiefs „Thomas“ und „Wilfried“ durchs Land gezogen. Arnar Palsson hat die Unwetterwarnungen im Radio gehört, und dass man besser nicht das Haus verlassen sollte. Und er musste kurz schmunzeln. Draußen flattert die Markise vor dem großen Fenster im starken Wind, ein paar Bäume hat es ausgehebelt. Arnar nimmt es isländisch. „Sturm ist, wenn das Flugzeug auf dem Rollfeld wackelt – und zwar vor und zurück“, sagt der Flugzeugmechaniker. „Wenn man auf sowas achtet, kann man in Island gar nicht das Haus verlassen“, erklärt seine Frau Maria. „Man nimmt das Wetter hin.“ Die Jakutin kennt sich aus mit extremen Wetterlagen und hat trotzdem noch dazugelernt auf der kleinen Insel mit ihren rund 100 000 Quadratmetern und 320 000 Einwohnern – Island würde fast vierzigmal in die Fläche Jakutiens, eine Republik im asiatischen Teil Russlands, passen, dort leben aber auch nicht mal eine Million Menschen. Beide Länder haben sie gelassen gemacht. „In Island ändert sich das Wetter alle fünf Minuten. Wenn man da immer wartet, dass es schönes Wetter gibt, schafft man es nie raus“, lacht sie und rät dazu, sich das fürs Leben zu merken.

Alles im Leben ist doch ein großes Abenteuer, findet Maria. Und man muss die Abenteuer nehmen wie sie kommen. Immer wieder betont sie, dass man die Zukunft eh nicht planen kann. Sie hatte nicht geplant, einen Mann aus dem Ausland zu heiraten. Eigentlich wollte sie nicht aus Jakutien wegziehen. Doch das Abenteuer Liebe hat sie erwischt. Jetzt eben das Abenteuer Deutschland.

Mieten sind akzeptabel

Seit August lebt die Jakutin hier, in einer hübschen Wohnung in Delitzsch, die über zwei Etagen geht und Blick aufs Grüne bietet. Die Mieten in Delitzsch sind akzeptabel, die Kinderbetreuung leichter zu bekommen als in Leipzig, der Weg zur Arbeit für Arnar kurz und ein Haus schon in Aussicht. Bald wollen sie in einem Ortsteil eines kaufen. Die Sache läuft, die Umzugskisten in der Wohnung werden gar nicht erst groß ausgepackt – bald sollen sie im eigenen Haus stehen, wenn die Wahl final getroffen und alles in Sack und Tüten ist. Und meistens ist das Wetter gleichmütig in Delitzsch, es scheint ziemlich oft die Sonne.

Ehemann Arnar (44) arbeitet bei DHL. Sohn Maxim, 15 Jahre alt und ein ganz normaler Teenager. Der kleine Arthur (6) und Schwesterchen Palina (4) gehen in den Kindergarten und sollen bald die Grundschule besuchen. Ob das bei Arthur schon dieses Schuljahr oder eines später wird, steht noch nicht fest. „Dann bleiben sie eben noch ein Jahr im Kindergarten, ganz so wie sie es brauchen“, sagt Maria. Der 42-Jährigen ist die individuelle Förderung ihrer Kinder wichtig. Das gab es in Russland so nicht, in Island ist es gang und gäbe, sie wünscht es sich auch hier noch stärker.

Ende einer Fernbeziehung

Aber das Wichtigste: Endlich ist die Familie wieder beisammen. Zwei Jahre lang haben Arnar und Maria eine Fernbeziehung geführt. „Zwei Wochen war er in Deutschland und hat durchgearbeitet, zwei Wochen daheim in Island“, erzählt Maria in ihrem schnellen, flüssigen Englisch. Sie ist von Haus aus Lehrerin, hier in Deutschland ist sie Hausfrau und Mutter. Sie will anfangen, Deutsch zu lernen. So praktisch und international die englische Sprache auch ist, so sehr schätzt sie auch, dass die Deutschen ihre eigene bewahren. Und es sei gut, dass ihre Kinder zu Isländisch, Englisch und Russisch nun noch eine vierte Sprache lernen. Denn inzwischen sind ihr die Deutschen sehr sympathisch. Einmal in einem Türkei-Urlaub hat sie erlebt, wie deutsche Touristen ihre Liegen schon im Morgengrauen mit Handtüchern belegten. Und als Arnar ihr sagte, dass sie nun doch alle umziehen sollten, wollte sie nicht weg – ganz egal in welches Land. Aber einmal durchgeatmet, erinnerte sie sich wieder, doch allem im Leben eine Chance geben zu wollen und das Abenteuer anzunehmen.

Umzug nicht bereut

Sie hat es nicht bereut, nach Deutschland zu gehen. „Das war gut so, ich habe wieder viel gelernt“, sagt sie. Heißt es doch immer, dass die Deutschen so überpünktlich und organisiert sind, sind die meisten doch ganz lässig und gar nicht so drauf. Maria hat schon oft genug erlebt, wie Deutsche zu spät kamen oder total unorganisiert waren. „Man sollte nicht in Klischees und Vorurteilen denken. Menschen sind Menschen, mit all ihren Eigenheiten und Fehlern, das ist vielleicht gar nicht abhängig vom Land, das im Pass steht“, sagt Maria. Alles im Leben sieht sie positiv, sie sieht Herausforderungen, die einen stärker machen. „Ich begegne Herausforderungen gerne, sie helfen mir, mich zum Besseren zu entwickeln.“

Früher – vor Arnar – war sie selbst anders. Sie hatte für alles im Leben einen festen Plan, irgendwie aber auch immer Stress mit der eigenen Planerfüllung. In Island, wo die Familie zuletzt in Keflavíkurflugvöllur lebte, international Keflavík genannt, hat sie gelernt, locker zu lassen. Maria und Arnar sind überzeugt: Hinter allem steckt das Schicksal, ein großes Ganzes, irgendwas Höheres. Und das kann man eh nicht ändern, egal wie akribisch man seine To-do-Listen schreibt und ihnen hinterher hetzt. Einen großen Knall gibt es immer im Leben.

Liebe auf den ersten Eyjafjallajökull

Der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull im April 2010 war es, der Maria und Arnar zusammenbrachte. Der Fachmann war gerade in Jakutien eingesetzt. Maria war einer der wenigen Menschen, mit dem er sich in englischer Sprache unterhalten konnte. Sie zeigte ihm ihre Heimat. Alles war rein freundschaftlich und alles auch okay so. Er sollte wieder zurück nach Island fliegen, alles kein Ding. Dann kam ein Anruf. Er kommt nicht weg, kein Flug geht, die halbe Welt ist lahmgelegt, weil der Eyjafjallajökull seine Vulkanasche in den Himmel pustet und so eine bis dahin beispiellose Beeinträchtigung des Luftverkehrs darstellt.

So steht Arnar wieder vor Maria. Und plötzlich ist alles anders. Es ist keine Liebe auf den ersten Blick. Aber: „Es ist wie im Märchen“, sagt sie. Sie habe sich plötzlich gefühlt, als habe sie ihn schon in einem früheren Leben gekannt. In Jakutien glaubt man an sowas. Überall, sagt sie, waren doch Zeichen – die Passnummern-Bestandteile 3099 und 9903 zum Beispiel. Oder dass er am 12. Februar und sie am 12. November Geburtstag hat. Der Eyjafjallajökull. Sie wurden wegen ihm ein Paar, heirateten noch im gleichen Jahr – an einem Freitag, dem 13. August. Fast überall auf der Welt glaubt man, dass die 13 Pech bringt, auch in ihrer Heimat. „Für uns ist das eine glückliche Zahl“, sagt Arnar. Sohn Arthur ist ein Kind des Eyjafjallajökull. Wäre der Vulkan nicht gewesen, wäre alles wäre anders. „Wir sind die besten Geschenke füreinander“, sagt Arnar und dass sie ein wenig wie Feuer und Eis seien, eine Ergänzung zueinander. „Alles im Leben ist möglich“, sagt sie und dass Arnar der Beginn ihres neuen Lebens war. Maria wollte eigentlich den 10.10.10 als Hochzeitstag. Arnar organisierte noch einmal Feiern für den 11.11.11 und den 12.12.12. Maxim, Marias Sohn aus einer früheren Beziehung, akzeptiert Arnar an ihrer Seite, alle zusammen packen sie die Abenteuer an.

Deutschland wird zur Heimat

Deutschland wird zur Heimat, von Tag zu Tag ein bisschen mehr. Auch wenn sie Lamm aus Island und den Fisch aus Jakutien in Delitzsch doch vermissen. „Aber hier findet man eine gute Auswahl“, lobt Arnar. Manche Vorteile hat Island aber noch, erzählt er. Dort reicht es im Prinzip, wenn man seinen Namen nennt, um diverse bürokratische Vorgänge in die Wege zu leiten. Wenn man krank ist, verschreibt einem der Arzt etwas und dann geht man ohne Rezept in eine x-beliebige Apotheke und sagt seinen Namen. „Und dann gibt es die Medizin“, sagt der 44-Jährige. All der Papierkram fällt aus. In Island hätte er sich nie ein Portemonnaie zulegen müssen, eine Bankkarte in der Hosentasche reichte vollkommen. Das System sei etwas schneller und komfortabler als in Deutschland, wo jede Überweisung mehr Zeit kostet als in seiner Heimat. Wieder eine Umstellung, aber okay, das gehört zum Abenteuer Leben. Und eines, da sind sich alle Palssons einig, kann und muss alle Welt von Deutschland lernen – Mülltrennung. „Wir leben im 21. Jahrhundert, wir müssen alle mal an die Erderwärmung denken, erst recht wir im Norden merken das doch“, sagt Maria, „ihr seid so vorbildlich hier und so akribisch dabei, wir sollten uns alle ein Beispiel nehmen.“

Von Christine Jacob

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