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Delitzschs Oberbürgermeister Manfred Wilde über Bauboom, Umwelt-Zoff und Flüchtlinge

Interview Delitzschs Oberbürgermeister Manfred Wilde über Bauboom, Umwelt-Zoff und Flüchtlinge

Delitzsch steckt im Wandel wie seit Langem nicht. Abriss und Neubauten verändern das Stadtbild, Zuzüge von Familien, Arbeitnehmern, aber auch Flüchtlingen bringen neue Aspekte ins tägliche Miteinander. Im LVZ-Interview spricht Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos) über nützliche Fügungen und manche Ungereimtheit.

Manfred Wilde auf dem Rathausbalkon vor der Kulisse der Delitzscher Altstadt.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Delitzsch steckt im Wandel wie seit Langem nicht. Abriss und Neubauten verändern das Stadtbild, Zuzüge von Familien, Arbeitnehmern, aber auch Flüchtlingen bringen neue Aspekte ins tägliche Miteinander. Delitzsch steht vor großen Herausforderungen, aber auch Chancen, sagt Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos). Und spricht im LVZ-Interview über nützliche Fügungen und manche Ungereimtheit.

War 2015 ein gutes Jahr?

Eindeutig ja, weil wir viele Projekte zu Ende bringen und neue anschieben konnten, was uns auch 2016 weiter voranbringt.

2015 war geprägt von der Flüchtlingsthematik. Hat Delitzsch im neuen Jahr überhaupt noch genug Unterbringungsmöglichkeiten?

Der Flüchtlingszustrom war vergangenes Jahr noch nicht so stark, dass er sich auf Delitzsch hätte dramatisch auswirken können. Viele Asylsuchende waren noch in den Erstaufnahmeeinrichtungen, wurden noch nicht zugewiesen. Ich denke, wir werden die Auswirkungen 2016 auf kommunaler Ebene deutlicher spüren als bisher. Aktuell wohnen in Delitzsch rund 380 Flüchtlinge, davon 240 in der Gemeinschaftsunterkunft in Spröda. Die anderen leben dezentral in Wohngebieten, vorrangig im Norden der Stadt. Das funktioniert sehr gut. Deshalb wollen wir an der dezentralen Unterbringung festhalten. Die Kapazitäten sind vorhanden: Die Wohnungsgesellschaft hat einen Leerstand in Höhe von 6,5 Prozent, die Wohnungsbaugenossenschaft Aufbau von über 13 Prozent. Hinzu kommen weitere große Wohnungsverwaltungen. Problematisch wird es, wenn sehr viele Personen auf einmal unterzubringen sind. Der Landkreis arbeitet für solche Fälle an Pufferlösungen, wie etwa im Schullandheim Reibitz. Mit dem Landratsamt besteht eine gute Kooperation. Dieses Problem kann man nur gemeinsam angehen. Mein Appell geht an die Bürgermeisterkollegen im Landkreis, die sich bisher weniger beteiligt haben, sich der Aufgabe doch bitte solidarisch zu stellen.

Stichwort solidarisch: Wenn es um die aktive Integration von Flüchtlingen geht, entsteht der Eindruck, die Stadtverwaltung hält sich im Vergleich zu mancher Landgemeinde eher zurück.

Mit der wirklichen Integrationsaufgabe werden wir hier noch gar nicht konfrontiert. Bekanntermaßen verlassen viele Asylbewerber die Stadt in Richtung München, Hamburg, Ruhrgebiet, wenn sie ihre Aufenthaltsgenehmigung haben. Sie greifen verständlicherweise auf familiäre Netzwerke zurück. Unsere erste Aufgabe ist es, ein Dach über dem Kopf zu bieten und erste Alltagshilfe zu geben. Aber natürlich findet Integration statt: Die Beschulung der Kinder in den speziellen Deutschklassen klappt sehr gut, und gerade haben wir einen Wirtschaftsstammtisch zu diesem Thema durchgeführt, um Unternehmer mit den Möglichkeiten vertraut zu machen. Anfang Dezember gab es in der Stadtverwaltung eine interkulturelle Weiterbildung der Mitarbeiter. Insgesamt leben Bürger aus 25 Nationen in der Stadt, und viele, die schon seit Jahren hier wohnen, sind im Arbeitsprozess integriert, haben zum Teil sogar Geschäfte eröffnet. Andererseits haben wir das Angebot unterbreitet, zum Beispiel in der Servicegesellschaft zwei, drei Flüchtlinge zu beschäftigen. Auch im Tiergarten könnte ich mir das vorstellen. Aber da müssen die Voraussetzungen stimmen. Wenn die Abschiebung bevorsteht, wird nicht in feste Jobs vermittelt.

Delitzsch erlebt auch anderweitig Zuzug – von Familien und Senioren, verbunden mit Wohnungsneubau und Sanierungen. Geht der Bauboom 2016 weiter?

Auf jeden Fall. Wir sind dabei, gemeinsam mit potenziellen Investoren neue Gebiete vorzubereiten, zum Beispiel das Ex-Areal der Delitzscher Bau-Union in der Schkeuditzer Straße, wo wir inzwischen die Zwangsversteigerung angeschoben haben. Zudem haben mehrere einheimische private Bauträger Bauanträge gestellt. Der aktuelle Schwung in diesem Bereich wird anhalten. Aber in Form einer Verdichtung vorhandener Siedlungskerne. Wir wollen vermeiden, dass sich die Stadt wie ein Krebsgeschwür auf der grünen Wiese ausdehnt.

Böse Zungen bezeichnen Delitzsch als boomende Schlafstadt ...

Da empfehle ich einen Blick in den Veranstaltungskalender. Einfach mal vor Augen führen, was sich hier alles abspielt – im Kino, im Schlosskeller, in der Theaterakademie, im Ziehwerk, in den Kirchen, bei den über hundert Vereinen. Gegen die Schlafstadt sprechen auch die zahlreichen Neueinstellungen in Delitzscher Unternehmen, die Entwicklung des lokalen Arbeitsmarktes. Und die Neuaufstellung des Bundeswehrstandortes dieses Jahr, wenn die Münsteraner hierher ziehen.

Sie haben eingangs die gute Kooperation mit dem Landratsamt erwähnt. In der Zusammenarbeit mit der Umweltbehörde scheint aber eher dicke Luft zu herrschen. Einerseits der Vogelschutz-Zoff am Werbeliner See, andererseits der über Jahre aufgetürmte Schlackeberg am Biokraftwerk.

Dieses Spannungsverhältnis ist für mich eine große Herausforderung. Wir sind als Stadt vorrangig unseren Bürgern verpflichtet. Das bedeutet, dass die Interessen der Delitzscher Beachtung finden müssen, sowohl hinsichtlich der künftigen Seenutzung als auch beim Kraftwerksbetrieb, wo ich ernste Defizite sehe. Dort sollten die Kontrollinstrumente des Umweltamtes mit mehr Konsequenz eingesetzt werden. Es sollte mit Nachdruck auf den Eigentümer eingewirkt werden, dass der Missstand beseitigt wird. Wir haben Wohngebiete in Nachbarschaft des Kraftwerkes. Dort sind Schäden unbedingt zu vermeiden.

Noch ein Problem: Berichte über Einbrüche und Diebstähle im Stadtgebiet machen die Runde. Beschäftigt Sie das?

Ja. Es gab in jüngster Zeit eine Einbruchserie, und wir sind in engem, wöchentlichen Austausch mit den Polizeikräften vor Ort, auch zu immer neuen Gerüchten, die hier auftauchen. Darüber hinaus sollte jeder Bürger auf Schwachstellen an der eigenen Wohnung achten, die womöglich Einbrüche erleichtern. Auch Nachbarn sollten die Augen offenhalten. Wir haben es nicht selten mit auswärtigen Straftätern zu tun, zum Beispiel aus dem Raum Bitterfeld. Ich halte aber auch die Aufklärung über Suchtmittel an den Schulen für sehr wichtig. Viele Delikte sind auf Beschaffungskrimininalität zurückzuführen. Da gilt es, die Kinder frühzeitig stark zu machen, der Versuchung der Drogen nicht zu erliegen.

Wird Delitzsch 2016 einen Schritt nach vorn machen?

So wie es sich abzeichnet: definitiv. Schwerpunkte sind Investitionen in Bildungseinrichtungen. Die Bauarbeiten an der Oberschule Nord sollen starten, die Planungen für die Erweiterung der Kita Regenbogen, die Arbeiten für die Umnutzung der ehemaligen Westschule. Auch die Bewerbung ums Unesco-Weltkulturerbe mit der Genossenschaftsidee wird uns im Stadtmarketing weiter voranbringen. Dass die Mitarbeiter der Stadtverwaltung so ein gutes Team bilden und die Zusammenarbeit mit dem Stadtrat und zahlreichen anderen Akteuren vor Ort so gut gelingt, dafür bin ich sehr dankbar. Ich denke, wir können 2016 positiv in die Zukunft schauen.

Von Kay Würker

Delitzsch 51.525574 12.3380993
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