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Delitzsch Delitzschs dunkle Geschichte: Museumschef führt in alten Bunker
Region Delitzsch Delitzschs dunkle Geschichte: Museumschef führt in alten Bunker
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08:59 26.07.2016
Museumsleiter Jürgen Geisler zeigt im Taschenlampenlicht die Reste von Sitzbänken und deren in der Wand verankerten Rückenlehnen. Im Hintergrund die elektrische Lüftungsanlage aus DDR-Zeiten. Quelle: Wolfgang Sens
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Delitzsch

Es gibt Orte in Delitzsch, die kaum ein Einheimischer je zu Gesicht bekommen hat. Der Luftschutzbunker unterm Barockgarten ist so ein geheimnisvolles Plätzchen. Entsprechend rapide sind die Anmeldungen für die seltenen Führungen in die Unterwelt. Am 30. Oktober stehen die nächsten Abstiege im Kalender, organisiert von Museumschef Jürgen Geisler.

Der Bewahrer der Delitzscher Historie kennt jeden Winkel im alten Bunker. Und die Anekdoten, die sich um ihn ranken. Zum Beispiel die Geschichte vom Kindersandkasten, aus dem über Nacht der Sand verschwand: „Zu DDR-Zeiten befand sich auf dem Gelände des heutigen Barockgartens die Kindertagesstätte Bummi. Der Sandkasten lag genau über einem nicht mehr genutzten Bunkerausgang – die hölzerne Abdeckung faulte mit der Zeit durch, 1986 brach sie ein.“ Zum Glück hat’s kein Kind erwischt – das Loch wurde umgehend verfüllt.

Dass der Luftschutzraum knapp einen Meter unter der Erde überhaupt noch erhalten ist, gehe auf den sowjetischen Stadtkommandanten zurück, der nach Kriegsende entschied, das Bauwerk mit seinen vergleichsweise geringen Temperaturschwankungen als Lebensmittellager für die Soldaten zu nutzen. Fortan hatte der Bunker nur noch einen statt der ursprünglich drei Zugänge: auf dem Gelände des St. Georg Hospitals.

In den 1960ern wurde nachgerüstet

Eindrucksvoll öffnet Jürgen Geisler die beiden großen Schlösser, die die schwere Stahltür sichern. Einbrecher mühten sich daran mehrfach erfolglos. Zumal es drinnen ohnehin nichts zu holen gibt: Das einzig vermeintlich Wertvolle, die Elektroleitungen, sind aus Aluminium. Die Verkabelung ist ein Zeugnis aus den 1960er-Jahren. Wie vieles andere dort unten auch – die elektrische Belüftungsanlage etwa oder die nur noch in spärlichen Resten erhaltenen Kartenlesetische. „Anfang der 1960er-Jahre suchte die Atomkriegskommission der DDR nach Schutzräumen und ordnete diesen Bunker der Zivilverteidigung zu“, erklärt Geisler. Dass das Bauwerk einem Atomschlag standgehalten hätte, ist allerdings höchst fraglich.

1943, als französische Kriegsgefangene den Unterschlupf errichteten, galten andere Voraussetzungen. Der rund 150 Meter lange röhrenartige Bau, mehrfach verwinkelt und einst mit trennenden Zwischentüren versehen, sollte der Bevölkerung aus umliegenden Straßenzügen Schutz bei Fliegeralarm bieten. Doch vieles aus dieser Epoche liegt im Dunkeln. Wie sahen die alten Zugänge aus? Wie oft wurde der Bunker genutzt? Gab es Verantwortliche, die Listen führten und sich um die Bewirtschaftung kümmerten? „Es fehlt an Fotos, Dokumenten und Zeitzeugenschilderungen. Ich hoffe weiterhin, dass es Delitzscher gibt, die mir da weiterhelfen können“, ermuntert Geisler.

Luftfeuchte und Gruftis hinterließen Spuren

Doch auch mit Wissenslücken ist der Abstieg unter den Barockgarten eindrucksvoll. Von den alten Sitzbänken steht nur noch der Unterbau, das Holz ist von hoher Luftfeuchte zerfressen, Kondenswasser perlt an den Wurzeln der Pflanzen, die sich durch die Betondecke gearbeitet haben. Seitliche Kammern erinnern daran, wo früher die Toilette war oder die Liegen für die Kranken und Schwachen standen. Und selbst die Verewigungen von Jugendlichen und Grufties, die früher ihren Weg in den Bunker fanden, sind inzwischen ein Teil dieses düsteren Zeitzeugnisses.

Eventuelle Restkarten für die Führungen verkauft die Tourist-Information im Schloss, Telefon 034202 67237.

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Blick auf die Eingangstür.

Von Kay Würker

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