Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Der Weg ist das Ziel

Der Weg ist das Ziel

1100 Kilometer. Zu Fuß. Allein. Mit sich und ihren Gedanken. Doreen Ahrens ist den Jakobsweg von St. Jean Pied-de-Port nach Santiago de Compostela gegangen. Sie hat sich verändert.

Delitzsch. Der Weg, sagt sie, hat sie aber auch bestätigt.

Knappe vier Wochen – von Mitte Mai bis Mitte Juni – ist Doreen Ahrens unterwegs. Sich aufzumachen, den Jakobsweg zu gehen, das entscheidet man nicht zwischen Tür und Angel. „Das Thema ist lange in mir gereift“, sagt Doreen Ahrens. Schwere Schicksalsschläge hatte sie schon zu verkraften. So heftig, sie nicht schwarz auf weiß in einer Zeitung lesen zu wollen. Sie hat geliebte Menschen verloren, gilt als Kämpfernatur, die immer wieder aufsteht und ihre Ziele verfolgt. Vor drei Jahren lässt sie ihren Blumenladen immer wieder hinter sich, um eine Meisterausbildung in Dresden zu absolvieren. 44 ist sie heute, drückt drei Jahre lang mit Menschen die Schulbank, die ihre Kinder sein könnten, ackert an der Theorie und hat ihre Schwierigkeiten, sich zwischen Studentenleben und Verpflichtung von Geschäftsfrau und Mutter zurechtzufinden. „Ich kam immer wieder aus meinem gewohnten Rhythmus, sprang ins Wasser und kletterte wieder heraus.“ Die Ausbildung – für sie eine Herausforderung. Die Abmachung mit sich selbst: „Wenn ich das packe, laufe ich den Jakobsweg!“

Sie packt es. „Der Jakobsweg ist kein Weg, den man so einfach geht“, weiß sie. Sie läuft ihre Wanderschuhe ein, geht in ihrer Freizeit immer wieder lange Strecken in der Dübener Heide wandern. Sie packt einen elf Kilo schweren Rucksack. Ein paar Klamotten, dieses eine Stück Kernseife fürs Waschen von Körper, Haaren und Sachen, ein Schlafsack und ein kleines Handtuch – mehr nicht, das ist alles, was sie braucht. „Ich habe mich von materiellen Dingen gelöst“, sagt die 44-Jährige. Das ganze Umfeld hat die Vorbereitung mitgelebt, Abschied genommen. Viele kehren vom Jakobsweg nicht zurück, andere kehren ihrem alten Leben den Rücken. „Es ist fast wie Sterben“, sagt Doreen Ahrens. Nichts Ängstliches ist dabei in ihrer Stimme. Ihr Lebensgefährte bringt sie an die französisch-spanische Grenze und lässt sie ziehen, ohne zu wissen, ob und wie sie sich verändern wird, ob sie wiederkommen wird.

Los läuft die zierliche Frau in St. Jean Pied-de-Port am Fuß der Pyrenäen. Am ersten Tag, diesem 15. Mai, geht es von 200 auf 1400 Meter hoch. Es ist fünf Grad kalt, der Nebel so dicht, dass Doreen Ahrens ihre eigenen Füße nicht sehen kann, die Feuchtigkeit kriecht in die Knochen, alles schmerzt. Umdrehen? Nein. Sie will weiter. „Ich habe gespürt, wie wichtig das für mich ist.“ 30 bis 40 Kilometer jeden Tag, bei jedem Wetter ist sie bis zu acht Stunden täglich unterwegs. „Dabei arbeitet man alles auf“, sagt Doreen Ahrens.

Unaufhörlich mit jedem Schritt rauschen die Gedanken, Erinnerungen und längst verschüttete Erlebnisse. Leere im Kopf gibt es nur selten. Scheidung, die beiden Söhne, das Aufbauen des eigenen Geschäfts, das mittlerweile fast 20 Jahre Bestand hat, die eigene Kindheit, die Meisterausbildung, Verlust, vergangene Lieben. Vermeintliche Kleinigkeiten gesellen sich zu den großen Themen des Lebens. „Auch Dinge, über die man sonst kaum nachdenkt, kommen zum Vorschein“, erklärt sie. Wer den Jakobsweg geht, kommt körperlich und mental an seine Grenzen – und kann kaum fassen, kaum ausdrücken, was er da spürt. Die drei Mitarbeiter schenken Doreen Ahrens vor ihre Abreise ein Tagebuch, passend zum Jakobsweg wird es im Handel mit dem Titel „Ge(h)danken“ vertrieben. Wirklich Tiefgründiges habe sie nicht zu Papier gebracht, sagt Doreen Ahrens. Aber ewig wird sie sich erinnern: „Für alles, was man erlebt, verspürt man tiefe Dankbarkeit. Ich bin jetzt so erfüllt vom Glück. Ich hätte nicht gedacht, dass man das noch empfinden kann“, erzählt sie mit Tränen in den Augen.

Tagsüber ist sie oft ganz mit sich allein. Nachts schläft sie in Herbergssälen, die bis zu 250 Menschen Platz bieten. Wer den Jakobsweg geht, der hilft den anderen. Sie spendiert Leuten Essen, die es sich nicht leisten können. Erlebt selbst wie ihr geholfen wird. Auf dem Jakobsweg werden kurze Freundschaften geschlossen, man kann sich wildfremden Menschen öffnen, ohne jede Scham: „Ich habe erlebt, wie Männer Mitte 50 mir unter Tränen erzählt haben, wie lange sie keinen Sex mehr hatten“, berichtet die Floristin. „Aber nicht, um eine ins Bett zu bekommen, sondern einfach, um es jemanden zu erzählen“, weiß sie.

Der Jakobsweg - ein großes Gemeinschaftsgefühl, gelebt oft in der Einsamkeit des Weges. „Man muss lernen, mit sich selbst klar zu kommen. Es ist eine Grenzerfahrung. Es ist Menschwerdung.“ Es geht raus aus den alten Fesseln. Das Gefühl, schließlich die Kathedrale in Santiago zu sehen ist Abschiedsschmerz. „Die letzten Kilometer sind sehr hart, weil man eigentlich nicht ankommen will, man will nicht, dass der Weg zu Ende ist.“

Sie habe sich in diesen vier Wochen geändert, sagt Doreen Ahrens – früher sei sie spontan, ungerecht und stressanfällig gewesen. „Ich habe nun eine innere Ruhe, harre der Dinge, die da kommen werden.“ Und ihr sei klar geworden, dass ihr Leben das ist, das sie führen will. „Der Jakobsweg hat mich bestätigt“, sagt sie.

Und sie will wieder aufbrechen. Vielleicht nächstes Jahr. „Man muss nicht die volle Strecke gehen, es kann auch ein Teil sein“, sagt sie. „Der Weg ist das Ziel.“

Christine Jacob

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Delitzsch
  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Kommen Sie an Bord: Am Sonntag, 22. Oktober 2017, laden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse in das LVZ Verlagsgebäude ein. mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr

  • Sparkassen Challenge
    Logomotiv der Sparkassen Challenge 2017

    "Sport frei!" heißt es auch 2017 bei zahlreichen Wettkämpfen der Sparkassen-Challenge. Alle Events mit vielen Fotos finden Sie hier! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr