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Die Profis für Zebra-Wimpern

Die Profis für Zebra-Wimpern

Wenn bei Matthias Oehlert das Telefon klingelt, könnte das Schweizer Naturkundemuseum Bern dran sein. Oder die Humboldt-Universität Berlin. Auch an der Tür klingelt es fast täglich, wenn der Paketdienst mal wieder eine Lieferung aus Afrika bringt.

Delitzsch. Kein Wunder: Das unscheinbare Haus an der Bitterfelder Straße in Delitzsch ist eine in Fachkreisen europaweit bekannte Adresse. Matthias Oehlert führt dort eine fast 300 Jahre alte Gerberei. Wer vor dem Gebäude Nummer 10 steht, das schmal und gedrungen zwischen zwei Mehrgeschossern steckt, ahnt nicht, was sich dahinter verbirgt: ein ausgedehnter Wirtschaftstrakt auf mehreren Etagen, emsige Geschäftigkeit bis unters Dach. Die Gebäude haben Geschichte, wurden einst als Lohgerberei errichtet. Ein noch erhaltener Dachziegel, der jetzt an der Fassade prangt, erinnert an das Gründungsjahr des Traditionsbetriebes: 1738. Unter dem Namen „C. F. Richter – Häute und Felle“ startete das Unternehmen am Rande der Innenstadt. Und bis heute hat sich der Titel bewahrt, wird Matthias Oehlert immer wieder noch als Herr Richter angesprochen. Der 44-Jährige übernahm das Geschäft vom Vater – weiter zurück in der Chronik tauchen der Großvater, dessen Onkel und eine Familie Winkler auf. Matthias Oehlert weiß aber selbst nicht mehr so genau, wer den Betrieb an wen übergab. Sein altes Handwerk indes beherrscht er perfekt. Als Rauchwaren-Zurichter, wie es heute heißt, ließ sich der Delitzscher vor der Wende beim VEB Edelpelz Schkeuditz ausbilden, ist seit 1993 Inhaber der Firma. Jäger und Kleintierzüchter zählen zu seiner Kundschaft, die Schaf-, Fuchs- oder Wildschweinfelle aufarbeiten lassen – als Konfektionsware oder zur Dekoration. Seit einiger Zeit bekommt der Zurichter auch Aufträge von Museen. „Ich habe meine handwerklichen Fertigkeiten weiter verfeinert und kann deshalb auch die höheren Ansprüche der Museen erfüllen“, erzählt Oehlert. Und zeigt an einem Zebrafell, worauf es ankommt: Ob Wimpern, Lider, Nüstern oder die feinen Härchen an den Ohren – jedes Detail muss erhalten bleiben, wenn ein Fell für Ausstellungs- oder Belegzwecke zugerichtet wird. Dass die Delitzscher sauber arbeiten, hat sich offenbar herumgesprochen. Matthias Oehlert und sein sechsköpfiges Team erhalten inzwischen internationale Aufträge. Die vom Präparator bereits abgezogenen Felle erreichen den Betrieb gefaltet und getrocknet in Kartons verpackt. Im Erdgeschoss des Hinterhauses werden die Stücke zunächst in großen Behältern geweicht, um sie wieder in den ursprünglichen, biegsamen Zustand zu versetzen. Dann beginnt das, was Oehlert „reduzieren“ nennt: Das Unterhautbindegewebe wird zu großen Teilen verringert, um das Fell fürs Präparieren leichter und wendiger zu machen. Erst wird geschnitten, später gefalzt. Die letzten beiden Schritte schließlich spielen sich auf dem geräumigen und durchlüfteten Dachboden ab. Die Felle werden auf Rahmen gespannt und auf der Unterseite gefettet, danach folgt das Läutern: In einer Trommel mit Weißbuchenmehl dreht sich die kostbare Ware so lange, bis die Grannen weich und leicht glänzend ist. Matthias Oehlert und seine Angestellten arbeiten mit diesem Verfahren sogar für Welt- und Europameister im Präparieren, die in großen Wettbewerben ihr Können messen und dafür Felle höchster Qualität brauchen. Doch Oehlert hat Zweifel, dass er sein Geschäft irgendwann an einen Nachfolger geben kann. Die aktuelle Belegschaft ist älter als er selbst, die beiden Söhne gehen in den alten Bundesländern anderen Berufen nach, die achtjährige Tochter wäre die einzige Hoffnung. „Aber es ist nun mal so, dass die Zeiten für dieses Gewerbe schwierig geworden sind“, konstatiert der 44-Jährige. „Früher war Leipzig die Hochburg der Pelze und Delitzsch für Gerber günstig gelegen. Heute fehlt jedoch – im Gegensatz zu anderen Ländern – die Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Es wird zwar rege an der Fleischtheke eingekauft, aber Pelze haben ein schlechtes Image.“ Offenbar ist das der Grund, weshalb das Unternehmen C. F. Richter zwar international in Fachkreisen bekannt ist, bei vielen Delitzschern jedoch kaum.

Kay Wuerker

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