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Druckgrafik-Symposion in Hohenossig: Fünf Künstler zu Gast

Kunst Druckgrafik-Symposion in Hohenossig: Fünf Künstler zu Gast

Fünf Künstler, vier Drucker, sie alle kennen nur ein Ziel – Kunst schaffen. Ein Flachbau nur ein paar Meter weit weg von der dröhnenden Bundesstraße 2 wird damit zum künstlerischen Epizentrum Nordsachsens. Zumindest noch bis zum 18. August. Bis dahin läuft das nun schon 27. Sächsische Druckgrafik-Symposion.

Künstlerin Eva Walker holt sich Drucktipps bei Robert Schmiedel.

Quelle: Wolfgang Sens

Hohenossig. Die Striche von Spachteln, Schabern und Skalpellen kratzen, fräsen und ritzen über die Metallplatten, Bleistifte fliegen übers Papier, Feilen schleifen über Kupfer, Walzen rumpeln über Linien und Vertiefungen, Hände reiben über warme Platten. Es riecht nach Lacken, Farben, Säuren, nach Mull und Gaze. Unter den Fingernägeln klebt Farbe, die Hände sind beschmiert. Von draußen dringt sanft Lachen, die Kinder der benachbarten Kita spielen gerade im Garten. In der Küche wird Gemüse für das Mittagessen geschnippelt, abends sitzt man bei einem Gläschen Wein beisammen und diskutiert über Gott und die Welt, Kunst, Literatur. Inspiration und Ideen.

So vergeht ein Tag wie jeder andere beim Druckgrafik-Symposion. Arbeiten. Arbeiten. Arbeiten. Eine Kleinigkeit essen. Austausch mit den Kollegen. Weitermachen. Nichts und niemand stört. Vier Wochen lang haben so Jahr für Jahr im heißen August fünf Künstler die Gelegenheit, zusammen mit vier erfahrenen Druckern an ihrer Kunst zu werkeln – und zu wirken.

Zora Jankovic arbeitet mit Licht und Schatten, Konstruktion und Komposition

Zora Jankovic arbeitet mit Licht und Schatten, Konstruktion und Komposition.

Quelle: Wolfgang Sens

Hunderte Künstler haben sich seit 1990 in Hohenossig ganz ihrem Schaffen widmen können. Der Erntemonat August ist hier der Erntemonat für Grafiken in allen Facetten. Kunst kommt eben von Können, dem sich austoben können, dem „einfach machen können“ dank all der Möglichkeiten und Materialien in Hülle und Fülle. Möglich wird das beliebte Symposion in Kooperation mit dem Bund Bildender Künstler Leipzig und unterstützt von verschiedenen öffentlichen und privaten Förderern. Doch es wird immer schwieriger. In diesem Jahr ist die Finanzierung des mehr als 30­ 000 Euro teuren Symposions noch nicht abschließend geklärt, fehlen noch Euros. Das Symposion ist nicht nur aus diesem Grund vor allem Jeanette und Reinhard Rössler zu verdanken. Das Ehepaar stellt sich seit 37 Jahren in den Dienst der Künstler und seit 27 Jahren in den Dienst des Symposions, in ihrem Privathaus steht die Druckwerkstatt. Dank ihrer Erfahrung entwickeln sich Künstler weiter, können sich im besten Sinne fallen lassen, einen Monat so intensiv arbeiten wie sonst kaum möglich zwischen Alltagstrott und wirtschaftlichen Zwängen.

Fünf Künstler, vier Drucker

Sarah Deibele, Zora Jankovic, Eva Walker, B.C. Epker und Nikolaus Faßlrinner heißen 2017 die fünf Künstler, die – ausgewählt von einer Jury – noch bis zum 18. August beste Rahmenbedingungen für ein „intensives grafisches Wirken“ haben. „Es ist dieses Jahr eine junge Truppe“, freut sich Künstlerhaus-Chef Reinhard Rössler (71) über die Künstler im Alter von 30 bis Mitte 40. Die fünf Frauen und Männer stammen aus Deutschland, den Niederlanden und Slowenien. Sie schaffen ihre Kunst mal figürlich, mal comichaft, mal in Landschaften. Sie hören Musik beim Arbeiten und wuseln tanzend umher, sie verharren still, sie saugen alles um sich herum auf, sie blenden es aus. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein und sind doch alle eins – Künstler aus jener inneren Notwendigkeit heraus, die Kandinsky so treffend beschrieb. Künstler sein ist ein Muss, wie angeboren. Man ist eben, was und wer man ist. Sie alle können nicht anders, sie tun, was sie nicht lassen können. Alle(s) eins, das ist typisch Hohenossig.

Nikolaus Faßlrinner aus Halle zieht einen Abdeckbogen an der Druckmaschine wieder glatt

Nikolaus Faßlrinner aus Halle zieht einen Abdeckbogen an der Druckmaschine wieder glatt.

Quelle: Wolfgang Sens

„All in one“, alles in einem, alles eins – so heißt auch der Farbton, den Jeanette Rössler gerade von einer Platte von Sarah Deibele mit bloßer Hand wischt. Hart reiben Finger und Fläche der rechten Hand über das Metall. Hochliegende Druckfarbe wird so von der Platte genommen. „All in one“ kommt aus einer Dose, in der früher mal eine Körperpflegecreme war. Jeanette Rössler hat darin all jene Farben zusammengemischt, die eben so übrig waren. „Das mache ich immer so“, sagt die 65-Jährige, „und es kommt immer eine schöne Farbe heraus.“ Vielleicht könnte man die aktuelle „All in one“-Farbe noch ganz treffend mit „dunkler Möwenschiss“ oder „Dreckgrau“ umschreiben. Es ist ein Grau mit Drift ins Blaue und Schwarze. Es ist eine Farbe, die angekommen auf Papier angenehm für das Auge ist und die geradezu perfekt zum Drucken ist, es ist eine ultimative Nuance – Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Struktur und Fläche kommen besonders gut zur Geltung.

„All in one“ ist nicht alles. Zitronengelb, Königsblau, Tiefschwarz ... Dutzende Farbdosen sind auf den Tischen verteilt. In ausgedienten Joghurtgläsern stecken Pinsel und Stifte. In einem alten Sahneheringstopf sammeln sich die sogenannten „Frösche“ – Klammern aus Metall, mit denen die fertigen und frischen Drucke vorsichtig gegriffen und bewegt werden können. Alles hat seinen Platz. Alles hat seine Ordnung. „Nicht mit dreckigen Spachteln in die Farbe“, mahnt Reinhard Rössler. Er ist ein Meister des freundlich-bestimmten Redens. Mahnt er zur Disziplin, rollt keiner mit den Augen. Betritt er den Raum, scheint vollkommen unaufgeregt geballte Kompetenz mit ihm zu kommen. Sie alle schätzen, ja ehren ihn, den Meisterdrucker, der ihnen so viel gibt. Er wertet nicht, was er sieht. Wenn Reinhard Rössler auf die Arbeiten schaut, dann als Experte, der mit konstruktiver Kritik immer noch einen Punkt mehr herauskitzelt, zur Vollendung stupst – treiben ist nicht seins.

BC

B.C. Epker betrachtet seine bisher geschaffenen Arbeiten auf der Staffelei.

Quelle: Wolfgang Sens

Knowhow und Infrastruktur

„Das technische Knowhow der Drucker kombiniert mit der Infrastruktur hier ist großartig“, sagt Künstlerin Eva Walker aus Leipzig. „Es ist eine sehr konzentrierte Zeit, man kann viel lernen“, findet Sarah Deibele. Die Hallenserin steht gerade an der angewärmten Druckplatte im hintersten Raum des Flachbaus, dank der Wärme wird die Farbe geschmeidig und einzelne Farbpartien können ineinander gewischt werden. Bei einer kalten Druckplatte dagegen werden die Farben regelrecht steif und können umso präziser gewischt werden. Hier in Hohenossig geht jeder dieser Schritte wie von selbst, so mühelos wird das Kunstmachen hier. Sarah Deibele betrachtet die vier erfahrenen Drucker und all die Möglichkeiten als „Luxus“. Wer in seinem eigenen Atelier – mit Glück – nur eine kleine Presse hat, der kann hier aus dem Vollen von insgesamt fünf Maschinen schöpfen. Wer daheim immer wieder mit derselben Säurekonzentration arbeitet, der kann hier zwischen fünf- und zwanzigprozentiger Salpetersäure wählen. An der Wand hängt eine Skala, nach wie vielen Sekunden im Säurebad die Platte schlussendlich mit welchem Grauton reagieren wird und an der großen Wanduhr kann man die Zeit kontrollieren. Wer sonst immer wieder zu Kupferplatten greift, hat Zink zur Alternative. Die insgesamt vier Arbeitsräume im Flachbau sind groß und hell, optimal mit großen Magnettafeln zum Anheften der bisherigen Arbeitsskizzen ausgestattet. Während in zwei Räumen große Arbeitstische für den kreativen Fluss bereitstehen, sind ein Raum mit Druckpressen und der Raum mit den Säuren für die Arbeitsschritte mit Lacken, Farben und Lösungsmitteln vorgesehen. „Hier halten wir uns auch immer nicht lange auf“, winkt Eva Walker angesichts des intensiven Geruchs ab. Aber all diese Räume, all diese Tiegelchen und Töpfchen, Spatel und Pinsel werden gebraucht. Der fertigen Grafik gehen immerhin Dutzende Arbeitsschritte vom Putzen über das Feilen von Facetten und Entfetten, das Auftragen von Ätzgrund bis hin zur eigentlichen Radierung und dann der Versiegelung, Trocknung, Ätzerei, dem Spülen und Auswaschen der Lacke voraus. Erst dann kommt der eigentliche Druck.

Expertise in Hohenossig

Dieses Finale, jedes Mal so feierlich bewerkstelligt und betrachtet wie auch jeder echte Handwerker seine perfekten Brotlaibe, Holzschindeln oder Steinplatten auf der Welt begrüßt, liegt in den Händen von Jeanette und Reinhard Rössler, Robert Schmiedel und Gintare Skroblyte. An drei Pressen arbeiten sie im Haus der Rösslers, die Drucker stehen rund um die Uhr zur Verfügung, alles geht Hand in Hand, keiner muss lange warten. Zwei Pressen für Probedrucke stehen zudem im Flachbau mit den Künstler-Ateliers. Prüfend schauen Drucker und Künstler jede einzelne Arbeit und die Reproduktionen an, wobei doch jede einzigartig für sich ist – je nach Druckzahl nimmt die Intensität der Platte ab. Frisch gepresst gehen die Drucke in die Trockenregale. Immer wieder schauen Künstler und Drucker danach, tauschen sich über Techniken und Möglichkeiten aus – direkter Hohenossiger Draht eben.

Inzwischen haben sich Jeanette und Reinhard Rössler Hocker zugelegt, um bei der Arbeit sitzen zu können. „Da hätten wir schon viel eher drauf kommen können“, lacht Jeanette Rössler, dass sie ja nicht mehr die jüngsten seien. Auf Motoren an den Pressen haben sie ganz bewusst verzichtet und werden es weiterhin tun – Kunst ist Handarbeit. Wischen, Fräsen, Kratzen, Schaben, Reiben, Putzen, Waschen... Tag für Tag, Stunde um Stunde, vier Wochen lang... Alles ist eins, alles ist gut.

Von Christine Jacob

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