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Ein Tag als Buchhändlerin in Delitzsch

Jobpraktikantin Ein Tag als Buchhändlerin in Delitzsch

Wie ist das eigentlich in all den anderen Berufen? Diese Frage stellt sich Reporterin Christine Jacob (33) regelmäßig und geht der Sache dann als Eintagespraktikantin auf den Grund. Jetzt hat sich die gelernte Literaturwissenschaftlerin im Buchhandel einer ihrer Kernkompetenzen gewidmet … dachte sie zumindest.

Reporterin Christine Jacob als Buchhändler-Praktikantin.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Mein Tag als Buchhändlerin beginnt mit einer bitteren Enttäuschung. Es gibt keinen Mitarbeiterrabatt – sch...ade, die Buchpreisbindung… wieder ein Strich durch die Rechnung. Und dann steht da noch diese 28 Menschen in allen Tonstärken laute Schulklasse und will zum Welttag des Buches unterhalten werden. Und das eine Stunde vor der eigentlichen Ladenöffnung um neun Uhr. Buchhändler zu sein, ist also Kinderbetreuung, sprich Nachwuchsarbeit? Und überhaupt hatte ich mir das hier alles ein bisschen anders, ein bisschen entspannter für mich vorgestellt. Gestern saß ich gemütlich auf der Couch, sah im Terminkalender ab acht mein Eintagespraktikum in der Delitzscher Buchhandlung Engler blitzen und fantasierte mir einen Tag herbei, an dessen Ende ich in aller Gemütlichkeit jede Menge neuen Lesestoff für mich gefunden und auf keinen Fall was mit meinen Muskeln getan hätte. Von 100 Kilo Bücher bewegen und zwischen Buchrücken verklemmten Fingern war in meiner Fantasie keine Rede.

Jetzt stehe ich im Hinterzimmer und packe Kartons voller Bücher aus, staple sie auf den großen Tisch vor mir, sortiere sie und muss immer die Bestellliste im Blick haben. Ist alles da, was da sein muss? Stimmt der Lieferumfang auch bei der Anzahl der Exemplare? Hat der Großhändler aus Erfurt was eingepackt, was gar nicht hier sein sollte? Muss etwas direkt vor in den Laden? Oder erst zum offiziellen Erscheinungstag übermorgen? Bekommt es einen Aufsteller? Geht es in ein anderes der vielen Regale? Ist das jetzt eigentlich ein Jugend- oder Erwachsenenbuch? Ist das ein Krimi? Oder ein Thriller? Ist das ein Buch fürs Erstlesealter oder schon was für die vierte Klasse? Fragen über Fragen mit jedem neuen Karton und mit jedem neuen Buch.

Für Ausruhen ist eigentlich kaum Zeit

Für Ausruhen ist eigentlich kaum Zeit.

Quelle: Wolfgang Sens

Und immer wieder das Vertrauen in die Kontrolle: „Der elektronische Weg ist gut und schön“, sagt Chef Ingolf Engler, „aber man sollte ihn immer überprüfen“. Der 59-Jährige ist seit über 40 Jahren Buchhändler, seit 1980 am Standort, dort gab es schon seit 1971 eine Buchhandlung. Ingolf Engler führt sie seit 26 Jahren als Inhaber. Die Dinge haben sich gewandelt, vieles ist auch beim gedruckten Wort viel moderner und viel technischer geworden. Im November 2015 führte die Buchhandlung zum Beispiel ein neues Warenwirtschaftssystem ein, über 10 000 Wareneingangsrechnungen wegen solcher Pakete, wie ich gerade eines auspacke, sind allein seitdem wieder vorgenommen worden. „Es ist alles einfach, man darf nur nichts vergessen“, sagt Ingolf Engler zur Warenwirtschaft. Also ist volle Konzentration gefragt. Die neuen Bücher müssen, bevor sie im Regal landen, erst einmal registriert werden. Ein ganzer Datensatz muss in den Computer, damit alles stimmt. Und lang hin muddeln is nich: Wenn zum Beispiel ein Kunde über die Englerseite bis 16 Uhr ein Buch oder eine DVD oder sonst einen seiner Wunschartikel aus der bunten weiten Welt der Buchhandlungen bestellt, kann er es am nächsten Morgen schon abholen – das heißt, dass ich diese Artikel bis punkt 9 Uhr ins Abholfach geschafft haben muss. Das heißt: bei all der Ware muss ich immer noch die Dringlichkeiten im Auge behalten, ständig Prioritäten setzen, dabei zügig und gründlichst agieren. Buchhandel ist kein Job für Schluffis, die sich ewig Zeit lassen wollen. Ich habe heute Glück, statt der sonst üblichen 100 Kilo Bücherlieferung pro Tag ist heute mal nur die Hälfte zu stemmen. Da sage noch einer, Papier sei geduldig – es ist in erster Linie schwer.

Ein schwerer Job

Es müssen Tonnen sein, die so eine Buchhandlung auf die Waage bringt. 15 000 verschiedene Bücher sind am Delitzscher Roßplatz zu finden. Dazu kommen natürlich noch CDs, DVDs, Geschenkartikel, Schnick und Schnack, Zeitschriften – alles eben, was wir heutzutage in einer Buchhandlung erwarten. Eine Kollegin ist allein knapp eine Stunde vor Ladenöffnung damit beschäftigt, all die neuen Zeitungen und Zeitschriften zu registrieren, ins System einzupflegen und in die Regale einzusortieren. Weil mittwochs besonders viele Zeitschriften – vor allem Klatschblätter – kommen, fängt sie da sogar schon halb acht an. Das ist nötig, weil einige schon kurz vor Ladenöffnung vor der Buchhandlung stehen und dann mit dem Neun-Uhr-Gong der nahen Kirche zielstrebig auf ihre Wunschzeitschriften zusteuern – man kennt hier seine Pappenheimer...

Autsch

Autsch! Im Bücherregal kann man sich durchaus mal die Finger einklemmen.

Quelle: Wolfgang Sens

Die Leute gehen ein und aus, mal mehr und mal weniger Kunden schleichen entlang der Regale, der eine kommt ohne Beratung aus, der andere will am liebsten eine Inhaltsbeschreibung vom Buch, meine Kolleginnen wuseln ständig umher. Aber auch so scheint die Buchhandlung ständig in Bewegung: 70 Prozent der Bücher, die jetzt in den Regalen stehen, waren vergangenes Jahr um die Zeit noch nicht da. Ständig kommt was Neues dazu und muss was Altes raus, zurück zum Verlag. Und die fünf Beschäftigten, zwei davon in Vollzeit, haben das alles im Blick. Wie nur? „Es ist wie in einer Bibliothek, weil wir ständig räumen, haben wir auch jedes Buch mal in der Hand“, sagt Kollegin Liane Schreiber. Sie hat hier in der Buchhandlung vor fast 20 Jahren ihre Lehre absolviert. Wie sie kennen alle hier dieses Reich der Bücher wie ihre Westen- oder Handtaschen. Der Chef Ingolf Engler hat dazu sein Sortiment auch auf elektronischem Wege ständig im Blick, schaut täglich auf die Disposition. Was ist auf Lager? Was geht gut? Was interessiert niemanden? Was muss nachbestellt werden? Ist ein Klassiker wie „Faust“ gerade nicht mehr da? Welches Buch hat welche Resonanz und warum? Der Ratgeber für Jogginganfänger war kaum vom Verlag geliefert, da wurde er auch schon gekauft – ja, klar, es ist Frühjahr… Ein belletristisches Werk dagegen lag jetzt Monate unbeachtet im Regal, es kann wieder zurück, was wiederum Kosten für den Versand verursacht, die den Kunden dank Buchpreisbindung aber nicht kümmern müssen. So schmerzlich es auch sei, sagt auch meine Kollegin Elke Eckert, nicht jedes Buch hat eine Chance. Sie kennt sich bestens in der Belletristik aus, kümmert sich um die vielen Vertreter, die hier vor den Buchmessen und damit den neuen Verlagsprogrammen ein- und ausgehen. Vertreter von über 200 Verlagen besuchen die Buchhandlung. Dazu kommt die viele Arbeit mit der eigenen Marktbeobachtung, so kommt die Buchhandlung zu ihrem individuellen Sortiment. Und auch ohne die Vertreter, die ihre Listen anpreisen, ist in diesem Sortiment Rotation auszumachen: Zweimal im Jahr wird das Sortiment „bereinigt“, es wird aussortiert, was keiner kaufen mag. Als Buch mit Hardcover wird man nach einem Jahr zum Ladenhüter deklariert und fliegt wieder aus dem Regal, als Taschenbuch ereilt einen dieses Schicksal schon nach sechs Monaten. Hoffentlich ist Papier wirklich geduldig und fühlt sich durch solche Härten nicht verletzt…

Hier findet keine Erziehung statt

„Alles auch eine Ermessensfrage“, sagt die erfahrene Buchhändlerin. Das Ermessen hat natürlich ein Raster, vorgegeben oft auch von der Verlagsbranche. Von den jährlich knapp 100 000 Neuerscheinungen auf dem deutschen Buchmarkt werden nie alle die gleiche Chance bekommen. Macht ein Verlag groß und viel Werbung, wird das Buch gefragt sein. Wird es in Talkshows und in den Literaturbeilagen besprochen, wird von Kunden danach gefragt. Bekommt es vom Verlag einen eigenen Aufsteller extra für die Buchhandlungen gesponsert, wird es bestimmt auch mitgenommen. Taucht es einfach nur im Regal auf, muss es von einem Liebhaber gefunden werden oder es kann vom Buchhändler empfohlen werden, wenn der „Kunde König“ Wert und Acht auf seine Beratung legt. Und so machen die Buchhändler auch Bestseller, weil sie Literatur gut kennen, die neuesten Bücher lesen und gute Werke empfehlen, die sich dann bei den Leuten rumsprechen. Rumsprechen geht natürlich auch anders: „Was im Riverboat Thema ist, wird am Samstag drauf nachgefragt“, hat Elke Eckert hier in Delitzsch zum Beispiel schon beobachtet. Dabei gebe es so viele Bücher mehr, die es durchaus verdient hätten, gelesen und vielleicht auch zu Erfolgen auf den sogenannten Bestsellerlisten zu werden – „es ist alles Geschmackssache“, stellt sie klar, als Buchhändler zwingt man keinem seinen Willen auf. Man muss lernen zu akzeptieren, dass sich nun mal sehr viele Menschen für die Schreibversuche von Daniela Katzenberger und nur sehr, sehr, seeeehr wenige für schnörkellose Lyrik interessieren. Buchhändler sind nicht dazu da, Leute zu erziehen oder ihnen literarischen Geschmack aufzudrücken – es muss für jeden Geschmack was da sein, es ist ein Gemischtwarenladen mit Buchstaben. Man ist dazu da, Kunden zu beraten, kann Empfehlungen aussprechen, doch am Ende zählt natürlich immer der Kundenwunsch und nicht das eigene Verständnis von Literatur, stellt meine Kollegin klar.

Ich denke dran, als ich in der Kinderbuchecke stehe und das Regal mit der – nach meinem Dafürhalten – ziemlich verkitschten Disney-Schmonzette „Die Eiskönigin“ am liebsten komplett in einen Karton retour zum Großhandel schicken und lieber was von Astrid Lindgren, Erich Kästner und Michael Ende dort einsortieren würde. Dabei habe ich aber gerade einen Stapel mit Büchern aus der Conni-Reihe, Bilderbüchern und Sachen aus der beliebten Serie „Gregs Tagebuch“ unterm Arm. Die sind neu beziehungsweise wieder im Sortiment und die müssen jetzt in die Regale. Wohin? Ich sehe hier grad keine Lücke… „Wir handeln nicht mit Büchern, wir schieben Bücher“, scherzt Sortimenterin Annett Hampel und meint das ständige Aufräumen. Also ran ans Regal, das eine Buch eine Reihe tiefer, das neue rein, zwei unten raus und eins tiefer neu eingestellt, dafür andere an die Ursprungsposition. Und dazwischen machen Buchhändler wie Bibliothekare eine immer wieder gleiche ordnungsliebende Übung, die nach einem Tag deutlich im Unterarm zu spüren ist: Rantreten an die zur Seite kippenden oder aus der Reihe tanzenden Bücher, die linke Hand flach an die Buchrücken halten, die rechte an die Front der Bücher, mit rechts die ganze Reihe wieder in die Senkrechte schieben und mit links die Rücken auf eine Linie bringen – je nach Regalanordnung erfolgt natürlich der Seitenwechsel. Das Reden vom ständigen Stehen im Handel sei so also nicht ganz richtig, sagen meine Kolleginnen – man sei doch immer in Bewegung und es gibt immer was zu tun.

Neuer Lesestoff kommt, Ladenhüter gehen

Neuer Lesestoff kommt, Ladenhüter gehen.

Quelle: Wolfgang Sens

Remittieren, das Zurückgehenlassen und Zurückschicken von Ware zum Beispiel. Damit Ingolf Engler von seinem Remissionsrecht Gebrauch machen und unverkaufte beziehungsweise für ihn unverkäufliche Ware ohne dafür zahlen zu müssen zurücksenden kann, ist wiederum überaus gründliches Arbeiten gefragt. Findet der Großhändler oder Verlag zum Beispiel doch noch einen Hauch von Preisschild an Buch, DVD, Geschenk- oder Dekoartikel, könnte er das Remissionsrecht verweigern. Also fuddele ich mit meinen Fingernägeln Preisschilder ab, zur Not heize ich dem Kleber mit einem kleinen Föhn so lange ein, bis er nachgibt. Das Praktische aber: Nach einem Karton, in den ich die Osterartikel zum Rücksenden packen kann, muss ich nicht lange suchen, es kommen ja täglich neue. Mit tausenden Kleinigkeiten, die sich zum großen Ganzen zwischen Abkassieren von Kunden und zentraler Warenwirtschaft summieren, vergehen so die Stunden wie im Flug – bis 18 Uhr der Laden schließt.

Wirklich Feierabend hat man in diesem Job aber nie. Zwar verlangt kein Mensch, dass man – Stichwort 100 000 Neuerscheinungen – jedes Buch in- und auswendig kennt, aber Lesen ist hier kein Hobby, sondern Teil des Berufs. Jede einzelne der fünf Beschäftigten hat ihr Spezialgebiet von Koch- über Ratgeberbücher bis hin zu Thrillern, Romanen und Kinderbüchern. Lesen bildet, das weiß man ja, und es trennt die guten Buchhändler von einfachen Verkäufern. „Und wir lesen alle gerne“, versichern mir die Kolleginnen nach einem Tag voller tausendundeiner Aufgabe. Ab morgen komme ich trotzdem wieder nur als Kunde und presche gleich an mein Lieblingsregal – ich bin eben einer der Pappenheimer, die man hier schon bestens kennt.

Von Christine Jacob

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