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Eine Reibitzer Familie, die sich versteht

Ausländerheim Eine Reibitzer Familie, die sich versteht

Jeder einzelne junge Mann bringt seine eigene Geschichte der Flucht mit. Im Heim für unbegleitete minderjährige Ausländer in Reibitz werden derzeit 21 junge Männer betreut. „Sie wollen sehr viel und sehr schnell lernen“, weiß Heimleiter Ulrich Triller. Umgangssprache ist deutsch. Die Heimbesatzung fühlt sich wie eine Familie.

Sie wollen lernen und tun dies auch in Gemeinschaft. Die Bewohner des Flüchtlingsheimes In Reibitz.

Quelle: Wolfgang Sens

Löbnitz. Sie habe dem Ende der Ferien regelrecht entgegen gefiebert, weiß Ulrich Triller von seinen Schützlingen, die er als Leiter des Heims für unbegleitete minderjährige Ausländer mit seinen neun Mitarbeitern in der völlig sanierten ehemaligen Mittelschule in Reibitz betreut. Seit knapp acht Monaten hat die Einrichtung in Trägerschaft des Soziokulturellen Zentrums (SKZ) Delitzsch geöffnet. „Die meisten wollen schnell viel lernen, vor allem die deutsche Sprache“, erklärte Triller. Bis zu 25 unter 18-Jährige finden hier eine zeitweiliges Zuhause. „Momentan haben wir 21 Jungen im Alter von 16 und 17 Jahren“, teilte Heiko Wittig auf Nachfrage mit. Wittig ist Vorstandsmitglied des SKZ und war maßgeblich an der Umsetzung des Vorhabens beteiligt. Die Fluktuation der Bewohner ist relativ hoch. „Wer 18 Jahre alt ist, muss das Heim verlassen“, betonte Ulrich Triller. Sie würden dann zumeist in Gemeinschaftsunterkünften in Zschortau weiter betreut. Einzelnen konnte auch eine kleine Wohnung vermittelt werden.

Jeder hat sein Einzelschicksal

„Wir sind hier wie eine große Familie“, stellte der 17-Jährige Sohrad aus Afghanistan fest. Egal, woher jemand käme, man komme in aller Regel miteinander gut aus. Für Wittig sei das eines jener Phänomene, die beispielgebend sind. „Warum geht das nicht auch dort, wo man sich jetzt bekämpft?“ hinterfragte er.

Jeder einzelne junge Bewohner bringe seine eigene Geschichte mit, schleppt das mit sich rum, was er erlebt hat. Der 16-jährige Tarik ist Somalier. Seit anderthalb Jahren ist er in Deutschland, spricht schon sehr passabel deutsch. Über die Türkei und Griechenland sei er nach Deutschland gekommen. Allein. Mutter und Vater sowie sechs Geschwister hat er zurückgelassen. Was er auf seinen Weg mit Schleppern erlebte, darüber spricht er ungern. „Die Jungs unterhalten sich schon darüber, helfen sich damit auch“, weiß Wittig. Murteza, ein 17-Jähriger aus Afghanistan, ist einer von ihnen, mit dem Tarik gern zusammen ist. „Wir unterhalten uns in deutscher Sprache. Er kann kein arabisch, ich kein somalisch“, sagte er. „Wir verstehen uns.“ Murteza ist seit fast zwei Jahren in Deutschland, in Afghanistan ist er nicht zur Schule gegangen, tut es hier um so intensiver, auch wenn es manchmal schwer fällt, wie er sagt. Er kommt aus einem Dorf nahe Kabul. Sein Vater hält die Familie als Fabrikarbeiter im Iran über Wasser. Kontakt halten die meisten Jungen mit ihren Familien über Mobiltelefon oder Internet. Das klappe ganz gut, wie sie bestätigen.

Selbstversorgung im Heim

An den Wochentagen sind die Jungen gut ausgelastet. Um 7 Uhr fährt der Schulbus nach Delitzsch. Im Berufsschulzentrum besuchen sie das Berufsvorbereitende Jahr (BVJ) beziehungsweise Vorbereitungskurse zum Erlernen der deutschen Sprache. Vor 16 Uhr seien sie nicht im Heim. Danach hätten die Hausaufgaben Priorität. Einige haben sich auch in Vereinen der Umgebung angemeldet. „Sie haben weniger Zeit für sich als deutsche Jugendliche“, verrät Ulrich Triller. Das Besorgen von Nahrungsmitteln und auch das Kochen am Abend gehören zum Tagesablauf. „Hier ist Selbstversorgung angesagt.“ Nur in Ausnahmefällen übernehmen die Betreuer den Kochdienst.

Ausländerfeindliche Situationen haben sie längst kennen gelernt, und auch, wie man damit umgeht. Gewöhnen wollen sie sich nicht daran. „Die Deutschen sind nicht alle und nicht grundsätzlich gegen Ausländer“, stellte Sahrad fest. Er bedankte sich dafür, was die Deutschen für sie tun und bat nicht nur seine Landsleute darum, die komplett andere Kultur kennenzulernen, sie zu akzeptieren, sich anzupassen. „Wir müssen auch etwas für Deutschland tun, zum Beispiel einen guten Beruf lernen, um gut und unabhängig leben zu können.“

Es seien „gute Jungs“, die hier in Reibitz seien. Das hätten auch die Einwohner offenbar erkannt, sagte Heiko Wittig. „Wir haben keine Probleme.“

Von Ditmar Wohlgemuth

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