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Delitzsch Einmal Tiefpunkt und zurück: Eine Delitzscher Drogengeschichte
Region Delitzsch Einmal Tiefpunkt und zurück: Eine Delitzscher Drogengeschichte
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09:10 10.05.2016
Spritze und Crystal – jahrelang waren das Matthias Schmidts Begleiter. Quelle: privat
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Delitzsch/Leipzig

Freundlich und gutmütig. Keine besonderen Auffälligkeiten. So kennen ihn die Menschen, die mit ihm zu tun haben. Matthias Schmidt (Name geändert) ist ein angenehmer Gesprächspartner, jemand, dem man gerne zuhört. Er jobbt als Verkäufer, wohnt jetzt in Leipzig, hat dort mit seiner Freundin einen neuen Lebensmittelpunkt gefunden. Weitab von Delitzsch, der alten Heimat. „Ich kehre nur noch ungern dorthin zurück“, sagt er. „Das ist für mich alles verbrannte Erde.“ Matthias lebt in der großen, anonymeren Stadt sein zweites Leben. An Leben Nummer eins erinnern ihn nur noch kleine verblasste Tätowierungen an den Händen. Zeugnisse einer wilden Jugend, die ihn fast um den Verstand gebracht hätte.

Dabei fing es alles scheinbar harmlos an. An der ersten Zigarette zog Matthias im Alter von acht oder neun Jahren – heimlich mit Freunden abseits der elterlichen Obhut.

Mit 14 Jahren das erste Mal Marihuana

Mit 14 dann das erste Mal Marihuana. Nichts Besonderes in Delitzsch Anfang der 2000er-Jahre, sagt er. Viele Jugendliche taten das, meistens im Verborgenen, erinnert sich Matthias. Reihenweise machten Jugendliche auf Schulhöfen oder am Nachmittag im Freundeskreis erste Erfahrungen mit Marihuanablättern oder getrockneten psychoaktiven Pilzen. „Nur wenige haben diese Drogen über viele Jahre hinweg konsumiert. Einige hatten schon nach wenigen Versuchen die Nase voll von den Auswirkungen.“ Matthias aber blieb dran. Er baute zu dem Gras, zum Marihuana, eine fast philosophische Beziehung auf. Er las Bücher über die Wirkung. Die Schule indes interessierte ihn immer weniger. Sechs Fünfen und fünf Sechsen prägten sein letztes Zeugnis, mit dem er die Schule ohne Abschluss verließ.

Eine Katastrophe. Und zugleich der Moment seines bis dahin größten Glücks: Gerade 18 geworden, lernte Matthias seine damalige Freundin kennen. Die Beziehung änderte seinen Lebenswandel. An Gras und Pilzen verlor er das Interesse.

Doch die junge Beziehung ging in die Brüche. Und der Alkohol, der alte Weggefährte, kehrte zurück, hielt zu ihm, mehr denn je. „Ich habe jeden Tag gesoffen“, erinnert sich Matthias heute. Manchmal bis zu fünf Liter Wein pro Tag, fünf Jahre lang. Und wenn Schnaps greifbar war, auch den.

Nervenzusammenbruch und Entgiftung

Nach vier bis fünf Jahren verfiel Matthias in einen psychotischen Zustand, Angst- und Panikattacken plagten ihn, bis er nach einem Nervenzusammenbruch für sechs Wochen zu einer Entgiftung in eine psychiatrische Klinik ging. Eine Langzeittherapie stand als Option. Doch er lehnte ab, kehrte zurück zu den alten Freunden. Keineswegs verwahrloste Gestalten vom Rand der Gesellschaft. „Es waren auch Leute mit Jobs und gutem Elternhaus dabei. Man hat ihnen die Sucht nicht gleich angemerkt“, erzählt Matthias. Und mit der vermeintlichen Leichtigkeit des Seins wuchs der Leichtsinn. „Ich dachte mir damals, ich kann mich ja jederzeit wieder in eine Entgiftung begeben. Warum also nicht auch mal Spaß haben?“

Nicht zuletzt brauchte er nun immer mehr Geld. Völlig übernächtigt, romantisierte er sein Leben, schlüpfte er in die Fantasierolle des Robin Hood. „Ich hab übelst viel Zeug geklaut und dann verschenkt oder vertickt“, erinnert er sich. Das Klauen berauschte ihn fast so sehr wie eine Line.

Hinzu kamen die Ausflüge in eine Delitzscher Spielothek, in der Hoffnung, dort Geld zu bekommen. Manchmal hatte er tatsächlich Erfolg: „Einmal holte ich 300 Euro aus dem Jackpot.“ Doch das Geld wurde sofort verjubelt.

Verfall dokumentiert

Die Realität hat Matthias in erschreckenden Bildern und Videos festgehalten. Dort dokumentierte er seinen fortlaufenden körperlichen Verfall. Unter dem Namen „Illusion und Versagen“ bewahrt er diese Zusammenstellung bis heute auf. Unter Verschluss. Er will sich nicht öffentlich zeigen. Die Bilder seines zermarterten, abgemagerten Leibes, seines verhärmten Gesichts mit den hervorstehenden Wangenknochen – sie haben in seinem Leben nichts mehr zu suchen.

Doch er möchte reden. Um auch andere für den Weg ins zweite Leben zu ermuntern. Matthias fand ihn mithilfe seiner Eltern. Und mit Nachdruck der Justiz: Weil er immer wieder Diebstähle verübt hatte, hatte ihn ein Gericht zu einer Freiheitsstrafe verurteilt, ausgesetzt zur Bewährung. Die Auflage: Er sollte seiner Sucht mit fachlicher Hilfe ein Ende setzen. So tat Matthias mit 25 das, was er schon Jahre zuvor hätte beginnen sollen – eine Langzeittherapie außerhalb des gewohnten Umfeldes. Mit einer neuen Freundin, die er in der vorangehenden Entgiftung kennengelernt hatte, kehrte er zurück. Nicht nach Delitzsch, sondern in eine Leipziger Wohngemeinschaft zur Wiedereingliederung.

Von Alexander Prautzsch

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