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Delitzsch Fahrlässige Tötung: Geldstrafe nach tragischem Unfall bei Krostitz
Region Delitzsch Fahrlässige Tötung: Geldstrafe nach tragischem Unfall bei Krostitz
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11:40 20.08.2016
Ein tragischer Unfall ereignete sich im Mai vorigen Jahres auf der B2 in Krostitz Quelle: dpa
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Eilenburg/Krostitz

Warum hatte sie die Seniorin auf dem Rad nicht gesehen? Die Zeit hätte gereicht, um rechtzeitig vor der Radlerin zu stoppen, oder soweit abzubremsen, dass die 75-Jährige noch Zeit gehabt hätte, vorüberzufahren. Das sagt zumindest das Gutachten des Unfallsachverständigen. Doch für die 62-jährige Rackwitzerin schien die Frau, die sich plötzlich vor ihrem Auto befand, „wie vom Himmel gefallen“. Nun musste sie sich wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht in Eilenburg verantworten.

Am 21. Mai vorigen Jahres war sie gegen 15.15 Uhr mit ihrem VW auf der Bundesstraße 2 aus Richtung Ortslage Krostitz unterwegs. In einer Kurve wollte die Radlerin in Höhe eines in Richtung Beuden führenden Feldweges die Fahrbahn queren. Zuvor war sie offenbar auf dem Radweg parallel zur Bundesstraße gefahren. Sie hatte die eine Straßenhälfte passiert, wurde dann aber vom Pkw erfasst, erlitt einen Schädelbruch, an dem sie noch an der Unfallstelle verstarb.

Sie habe die Frau wirklich nicht gesehen, beteuerte die Angeklagte. Dabei gab es keine Ablenkung. Das Radio ging nicht, das Wetter war gut. Sie habe sich auch nicht mit ihrer Nachbarin unterhalten, mit der sie gerade vom Penny-Markt zurückfuhr, so wie sie das schon oft gemacht hatten. In Höhe der Tierpension sei sie extra langsam gefahren. Denn einige Wochen zuvor waren genau dort drei Kinder unvermittelt über die Straße gelaufen. Dieser Schreck wirkte noch nach.

Im Augenblick des Geschehens habe sie nicht realisiert, was da eigentlich passiert ist. „Doch dann habe ich in den ersten Wochen danach die Frau immer wieder vor mir gesehen, im Graben. Nach dem Unfall war nichts mehr, wie es war. Das ganze Leben ist aus dem Ruder geraten, ohne Medikamente komme ich nicht aus. Ich frage mich immer wieder, wie das passieren konnte“, erklärte sie auf die Fragen des Richters.

Bitte um Entschuldigung

Auf der innerörtlichen Strecke sind 50 km/h erlaubt. Sie sei nicht schneller als 40 Kilometer pro Stunde gewesen. Auch das bestätigte das Gutachten des Dekra-Unfalldienstes: Die Kollisionsgeschwindigkeit habe bei 35 bis 47 km/h gelegen. Es gab keine Anzeichen dafür, dass vorher gebremst wurde. Die Radlerin habe mit 10 bis 15 km/h die Straße überquert.

Sie sei keine Raserin, schätzte die Angeklagte sich selbst ein. In der Verhandlung wurde auch klar: Sie ist eine routinierte Fahrerin. An die 25000 Kilometer legte sie früher im halben Jahr zurück, war selbst bis zum Bodensee, nach Belgien, nach Luxemburg gefahren, hatte auch einen 7,5-Tonnen-Lkw gesteuert, war oft aus „Lust und Laune unterwegs“, schilderte die 62 Jährige, die inzwischen Rentnerin ist, ihre Fahrpraxis. „Seit dem Unfall fahre ich nur noch, wenn sie muss.“ Sie habe später versucht, sich bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen, doch die hatten die Begegnung mit ihr abgelehnt, erzählte die Rackwitzerin auf Nachfrage des Rechtsanwaltes der Nebenklage. Auch am Ende der Verhandlung bat sie die anwesenden Angehörigen noch einmal, ihr irgendwann zu verzeihen. Sie würde jene Augenblicke gern rückgängig machen.

Hoffnung auf Aufarbeitung

Auch die Nachbarin, die mit der Rackwitzerin im Auto gesessen hatte, wurde als Zeugin vernommen. Sie habe einen Radler oder eine Radlerin vor der Kollision wahrgenommen. Das bestätigte, dass die Möglichkeit bestanden hätte zu bremsen, so die Schlussfolgerung des Staatsanwaltes. Die Wahrnehmung der Angeklagten muss für die entscheidenden Sekunden eingeschränkt gewesen sein. „Der Tatbestand der fahrlässigen Tötung ist gegeben. Was eine Mitschuld der Unfallbeteiligten nicht in Abrede stellt.“

Richter Ruben Franzen verurteilte die Angeklagte schließlich zu einer Geldstrafe in Höhe von 2800 Euro, was in Anbetracht ihres niedrigen Renteneinkommens 140 Tagessätzen entspricht. „Es ist zu einem folgenschweren Unfall gekommen, der hätten von allen Beteiligten vermieden werden können“, so die Begründung. Die Seniorin auf dem Rad sei „vielleicht etwas zu mutig“ gewesen, die viel befahrene Fahrbahn zu queren. Vielleicht habe sie gerade, weil sich das Auto so langsam näherte, ihre Möglichkeiten überschätzt. Zwei Sekunden Unachtsamkeit mit schrecklichen Folgen. Die strafrechtliche Verfolgung könne deshalb nur symbolischer Art sein. „Ich kann nur hoffen, dass alle Beteiligten den Verlust und was sie über Fehleinschätzungen eigener Fähigkeiten erfahren haben, produktiv aufarbeiten können.“

Von Heike Liesaus

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