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Fliehende Frau festgehalten – Delitzschs Stadtchef sagt in Prozess aus

Amtsgericht Eilenburg Fliehende Frau festgehalten – Delitzschs Stadtchef sagt in Prozess aus

Eilenburger Amtsgericht spricht angeklagte Diebin wegen Zweifel an der Täterschaft frei. Die 33-Jährige soll versucht haben, in ein Haus einzubrechen und wurde nach Zeugenaussagen von Bewohner auf frischer Tat gestellt. Es fehlte jedoch der Nachweis, dass sie es war, die die Spuren an der Eingangstür hinterließ.

Das Amtsgericht in Eilenburg.

Quelle: Wolfgang Sens

Eilenburg/Delitzsch. „In dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten. So entschied nun die Eilenburger Amtsrichterin Carmen Grell. Sie sprach eine wegen versuchten Diebstahls angeklagte 33-jährige Frau frei. Die Verhandlung brauchte einen zweiten, sogenannten Fortsetzungstermin, zu dem weitere Zeugen geladen wurden – darunter auch der Delitzscher Oberbürgermeister Manfred Wilde. Denn das Stadtoberhaupt hatte die Frau, die damals versuchte zu fliehen, gestoppt und festgehalten.

Renate D. (Name geändert) wurde von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, im Sommer dieses Jahres an einem Sonntagnachmittag versucht zu haben, in eine Wohnanlage einzubrechen. Dazu habe sie einen Hebel, vermutlich einen Stechbeitel, benutzt und an der Eingangstür manipuliert. Dabei wurde sie von zwei Bewohnern des Hauses beobachtet und gestellt, später der Polizei übergeben.

Zum Prozess erschien Renate D. mit dem Delitzscher Rechtsanwalt Enrico Nuckelt. Der beantragte bei der Amtsrichterin unmittelbar nach der Eröffnung, seiner Mandantin einen Pflichtverteidiger zur Seite zu stellen. Seine Bitte stieß allerdings auf wenig Interesse und wurde abgelehnt. Carmen Grell begründete die Entscheidung kurz und prägnant: Es handle sich um einen einfachen Sachverhalt und es ist auch keine Strafe von über einem Jahr Freiheitsentzug zu erwarten. Deshalb sei ein Pflichtverteidiger, der von der Staatskasse bezahlt wird, nicht gerechtfertigt.

Bei der Beweiserhebung schilderte zunächst die Angeklagte Renate D., wie sie die Situation im Sommer erlebte. Schon zuvor hatte allerdings Rechtsanwalt Nuckelt im Namen seiner Mandantin erklärt: Sie bestreitet die Vorwürfe. Sie wollte nicht einbrechen. Sie wollte auch keine Gegenstände an sich nehmen.

Die Angeklagte sprach dann selbst und sagte, sie habe lediglich an der Tür gelehnt, als diese von innen plötzlich aufgerissen und sie selbst festgehalten wurde. Sie habe sich erschrocken, Angst gehabt und sei deshalb weggelaufen. Es wäre die Panik gewesen, die sie zu der spontanen Aktion trieb, ergänzte Rechtsanwalt Nuckelt.

Dass sie das Weglaufen im zweiten Versuch schaffte, bestätigten später auch zwei Zeugen, die eine vermeintliche Diebin und Einbrecherin auf frischer Tat gestellt haben wollten. Die Zeugen waren gerade aus der Tiefgarage gekommen, als sie bemerkten, dass sich jemand an der Tür zu schaffen machte. In dem Haus wurde in den vergangenen Monaten mehrfach eingebrochen und gestohlen. So sah dann auch die Tür aus, sie wies eine Vielzahl von entsprechenden Spuren auf. Welche allerdings die neuesten waren, konnte nicht geklärt werden. Zwar hatten Polizeibeamte die Spuren mit neu und alt gekennzeichnet, doch konnten sie nicht schlüssig begründen, warum.

Rechtsanwalt Nuckelt fragte fast schon monoton bei den Polizisten, die als Zeugen geladen wurden, nach, ob irgendwelche kriminaltechnische Untersuchungen vor Ort oder auch später stattgefunden hätten. Die Frage wurde jedes Mal verneint, lediglich eine Fotoakte wurde angelegt. Aus der ergab sich jedoch zwangsläufig nicht, ob tatsächlich Renate D. an der Tür mit einem Stechbeitel oder einem breiten Schraubendreher gearbeitet hatte.

Die Polizeibeamten, die die Ermittlungen vor Ort führten, kannten allerdings Renate D. Sie war ihnen schon bei verschiedenen anderen Delikten aufgefallen. Vier Vorstrafen wies dann auch der Bundeszentralregisterauszug auf.

Dass die vermeintliche Täterin bei ihrer Flucht Gegenstände über eine Mauer geworfen haben soll, bestätigte als Zeuge auch Delitzschs Oberbürgermeister Wilde. Er hatte die Frau, die ihm an diesem Tag geradezu in die Arme gelaufen kam, festgehalten, nachdem ihn die Bewohner des Hauses darum gebeten hatten. Auf eine Fixierung am Boden habe er verzichtet, weil sich die Frau relativ schnell beruhigte, teilte er dem Gericht mit. Keine zehn Minuten später sei die Polizei aufgetaucht und er nach Hause geschickt worden.

Für die Staatsanwaltschaft stand die Täterschaft fest. Sie forderte eine Freiheitsstrafe von vier Monaten bei einer Bewährungszeit von zwei Jahren und zusätzlich 80 Stunden gemeinnützige Arbeit.

Naturgemäß sah es der Verteidiger anders. „Der Tatvorwurf ist nicht nachgewiesen, meine Mandantin war es nicht. Ich fordere einen Freispruch“, sagte Enrico Nuckelt. Ist das gefundene Werkzeug tatsächlich ein Tatwerkzeug? Welche Spuren an der Tür sind tatsächlich frisch und womit sind sie verursacht worden? Antworten auf diese Fragen gab es nicht und damit begründete Zweifel, die schließlich zum Freispruch führten.

Von Ditmar Wohlgemuth

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