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Flüchtlingsansturm: Delitzsch hält trotzdem an Wohnungsabriss fest

Flüchtlingsansturm: Delitzsch hält trotzdem an Wohnungsabriss fest

Geplant ist es als ganz normaler Abbruch. Zwei Wohnblöcke in Delitzsch-Nord sollen weichen. Hundert Wohnungen.

Delitzsch. Die Eigentümer reagieren damit auf den anhaltenden Leerstand, wollen ihren Bestand bereinigen - nicht zum ersten Mal. Doch diesmal sind die Vorzeichen anders: Während der Vorbereitungen für den Abbruch hat sich der Flüchtlingszustrom drastisch verschärft, wird vielerorts händeringend nach Quartieren gesucht. Ist der Rückbau in der Alexander-Puschkin-Straße eine Fehlentscheidung?

Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos) hat darauf eine klare Antwort: "Wir haben in Delitzsch auf längere Sicht keinen akuten Mangel an Unterbringungsmöglichkeiten. Auch nach dem Abriss der beiden Blöcke wird es noch nennenswerten Leerstand geben. Somit können wir weiterhin auf künftige Anfragen des Landratsamtes reagieren."

Die beiden Großvermieter in der Stadt bestätigen das. Die Wohnungsgesellschaft (WGD) meldet einen aktuellen Leerstand von acht Prozent. Gemessen am Gesamtbestand, entspricht das rund 200 Wohnungen. "Wenn der Abriss in der Puschkinstraße erfolgt ist, werden wir bei etwa sechs Prozent sein", schildert WGD-Geschäftsführer André Planer. "Und in voraussichtlich zwei Jahren sind es wieder acht Prozent. Denn die Leerstandstendenz geht, demografisch bedingt, eher nach oben." Das Durchschnittsalter der Mieterschaft ist vergleichsweise hoch. Bei der Wohnungsbaugenossenschaft Aufbau ist gar von 16 Prozent verwaister Quartiere die Rede - bezogen auf die beiden Standorte Delitzsch und Rackwitz. "Unser fraglicher Block in der Alexander-Puschkin-Straße steht außerdem seit fast einem Jahr leer, ist weitgehend entkernt. Man müsste sehr viel Geld reinstecken, um ihn wieder bewohnbar zu machen", sagt Aufbau-Geschäftsführerin Anette Pittschaft.

Insofern steht die Entscheidung fest: Es wird abgerissen. Verschwinden soll sowohl der WGD-Block Puschkinstraße 1 bis 11 als auch das Genossenschaftsobjekt mit den Nummern 2 bis 8. Die Großvermieter haben den Auftrag gemeinsam ausgeschrieben. In Kürze wird der Zuschlag erteilt, noch im Oktober soll es losgehen.

Auch das Landratsamt interveniert nicht. "Delitzsch gehört zu den Kommunen im Landkreis, die ihrer Mitwirkungspflicht bei der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten gut nachkommen", würdigt Ordnungsdezernentin Angelika Stoye. Nordsachsens oberste Verwaltungsfrau in Asylfragen weiß von dem Abrissvorhaben. Es habe dazu bereits Gespräche mit der Stadtverwaltung und den Vermietern gegeben. "Natürlich ist die Entwicklung nicht auf Jahre hinaus absehbar. Man muss schauen, wie es weitergeht, wenn Asylsuchende anerkannt sind und dann eigenverantwortlich nach Wohnraum suchen", sagt Stoye. Einen Grund, die Abrisspläne anzuzweifeln, sieht sie jedoch nicht. Zumal Delitzsch, gemessen an der Einwohnerzahl, schon jetzt mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als manch andere Kommune im Landkreis. "Aktuell werden weitere Wohnungen bezogen, dann sind wir bei 145 Flüchtlingen in dezentraler Unterbringung. Hinzu kommen etwa 250 Menschen im Ortsteil Spröda", rechnet OBM Wilde vor. In den nächsten Monaten seien erst einmal andere Städte und Gemeinden am Zuge, betont er.

Und noch etwas spricht aus Sicht der Stadtverwaltung und der Vermieter für den Abriss: Zwei benachbarte Häuserzeilen in Delitzsch-Nord komplett mit Migranten zu bevölkern, berge Konfliktpotenzial. "Wir wollen eine Ballung oder gar Ghettoisierung vermeiden", sagt Wilde - erinnernd an die 1990er-Jahre, als schwere Auseinandersetzungen zwischen Rechtsradikalen und Spätaussiedlern der Stadt überregional einen zweifelhaften Ruf einbrachten.

Kay Würker

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