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Delitzsch Freispruch für Libyer und sechsfachen Vater
Region Delitzsch Freispruch für Libyer und sechsfachen Vater
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10:15 15.08.2017
Das Eilenburger Amtsgericht. Quelle: Wolfgang Sens LVZ
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Eilenburg

Würde er für das bestraft, was ihm die Staatsanwaltschaft vorwarf, würde es für den gebürtigen Libyer, der seit 2003 mit einer Deutschen zusammenlebte, sicher sehr schwierig werden, seine sechs Kinder auch weiterhin behalten und betreuen zu dürfen. Das war dem Vater von Anfang an klar und so war die Verhandlung am Eilenburger Amtsgericht eine emotionale Berg- und Talfahrt für ihn. Das Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Carmen Grell hatte zu entscheiden, ob die Vorwürfe, die mittlerweile schon Jahre zurückliegen, rechtens sind und er dafür bestraft werden muss. Dafür nahm es sich viel Zeit und prüfte gründlich. Zum einen legte die Staatsanwaltschaft dem 40-Jährigen zur Last, er habe eines seiner Kinder mindestens in zwei Fällen misshandelt. Zum anderen soll er seine damalige Ehefrau im Juli 2014 zweimal vergewaltigt haben.

Kinder leben beim Vater

Weil im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe im Raum stand, ordnete das Gericht dem Angeklagte eine Pflichtverteidigerin zu. Die Delitzscher Anwältin Sylvia Nowack übernahm das Mandat. Sie hatte den Libyer bereits in einer anderen Sache vertreten, kannte deshalb die Familie, wusste vom Lebenslauf des Familienvaters.

Die deutsche Ehefrau hatte den Libyer und ihre Kinder im August 2014 verlassen und jede Menge Schulden hinterlassen. Weil sie die Miete nicht zahlte, drohte auch die Obdachlosigkeit. Der damalige Vermieter hatte auf Räumung der Wohnung geklagt und gewonnen. Mittlerweile sind der Vater und die Kinder in eine Fünf-Raum-Wohnung in Delitzsch umgezogen. Die Situation sei stabil, schilderte die Anwältin. Die Kinder im Alter von fünf bis 13 Jahren besuchen Kindertagesstätten beziehungsweise gehen zur Schule, leben seit 2014 beim Vater.

Von Kriegserlebnissen traumatisiert

Im Verlauf der Verhandlung, die mehrere Termine beanspruchte, wurde deutlich, dass es tatsächlich einen Vorfall gegeben haben soll, bei dem der Libyer seine Tochter mit dem Stock auf den Fuß geschlagen haben soll. Das Jugendamt war 2012 darauf aufmerksam geworden. Das Kind soll Hämatome am Fuß gehabt haben. Das bestätigten auch Zeugen, die das Kind in dieser Zeit gesehen haben. Der Angeklagte räumte ein, an diesem Tag psychisch sehr angespannt gewesen zu sein. „Ich weiß aber nicht, wie es dazu gekommen ist“, sagte er der Richterin. An dieser Stelle hakte die Verteidigerin ein und verwies auf die Möglichkeit, dass er auf Grund seiner Kriegserlebnisse „vermindert schuldfähig“ gewesen sein kann. Der 40-Jährige muss im Bürgerkrieg in Libyen Schreckliches erlebt haben, über das er zunächst nicht sprechen wollte. Als die Rede darauf am letzten Verhandlungstag kam, bahnten sich Erinnerungen offenbar wieder Bahnen. In Tränen aufgelöst musste er den Saal verlassen und konnte sich nur schwer beruhigen. Um diese Erlebnisse zu verarbeiten, aber auch um der Aufgabe als Vater gerecht zu werden, besuchte der Libyer eine Beratungsstelle. Gut 50 Termine hatte er wahrgenommen.

Kurzschlusshandlung

Richterin Grell bat Verteidigerin und Staatsanwalt zu einem Rechtsgespräch ins Richterzimmer. Im Ergebnis wurde die vorläufige Einstellung des Verfahrens angeregt. Carmen Grell und die Schöffen gingen offenbar auch davon aus, dass die Kurzschlusshandlung, die in der Misshandlung Schutzbefohlener mündete, ein Ergebnis der nicht verarbeiteten Kriegserlebnisse sei. Als Auflage beschloss das Gericht, der Angeklagte müsse 150 Arbeitsstunden in einem halben Jahr leisten. Bei der Suche nach einer entsprechenden Einrichtung werde ihm das Gericht helfen. Zudem müsse der Libyer mindestens fünf Termine in der Delitzscher Beratungsstelle wahrnehmen. Die Gespräche hatte er dort abgebrochen, weil er meinte, jetzt selbst zurecht zu kommen.

Zeugin kommt nicht – Ordnungsgeld

Was die Vergewaltigung betraf, beantragte die Staatsanwaltschaft einen Freispruch. Die Zeugin und Geschädigte habe sich in den Vernehmungen in Widersprüche verwickelt und sich nicht glaubhaft dargestellt. Sie habe nicht um Hilfe gerufen, obwohl eine Nachbarin dann hätte eingreifen können. Diese Nachbarin wurde als Zeugin geladen, erschien aber nicht. Das Gericht verhängte ein Ordnungsgeld in Höhe von 100 Euro.

Verteidigerin Sylvia Nowack verwies ebenso auf die Widersprüche der Aussagen der Geschädigten. „Sie hat zwei unterschiedliche Orte des Geschehens genannt.“ Auch sie beantragte Freispruch. Richterin Grell und die Schöffen sahen den Tatvorwurf nicht zweifelsfrei nachgewiesen. „Es mag sein, dass der Geschlechtsverkehr vollzogen wurde, die Geschädigte dies auch nicht wollte“, sagte sie. Doch Gewaltanwendung oder -androhung, auch das Ausnutzen einer hilflosen Lage des Opfers lägen hier nicht vor.

Der Angeklagte bedankte sich beim Gericht. Er werde arbeiten, auch um das Gefühl zu haben, lebendig zu sein, am Leben teilnehmen zu können. Er hoffe, dass alle in Ruhe und Frieden leben können.

Von Ditmar Wohlgemuth

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