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Freizeitspaß statt Vogelschutz am Werbeliner See?

Pro und Kontra Freizeitspaß statt Vogelschutz am Werbeliner See?

Am Werbeliner See prallen Welten aufeinander. Mehr geht nicht, sagt Ulrich Fiedler, Dezernent im Landratsamt, kontra zu mehr touristischer Nutzung. Karl-Heinz Koch, Amtsleiter im Delitzscher Rathaus, hält mit seinem Pro dagegen.

Möwen fliegen in den Sonnenuntergang m Werbeliner See.

Quelle: Alexander Prautzsch

Delitzsch. Am Werbeliner See prallen Welten aufeinander: 2006 entschied der Freistaat Sachsen, 4650 Hektar zwischen Delitzsch und Rackwitz, Löbnitz und Wiedemar unter Vogelschutz zu stellen. Speziell für den Werbeliner See gelten verschärfte Regeln eines Naturschutzgebietes, verbunden mit Strafandrohungen bei Verstößen gegen das Badeverbot oder den Leinenzwang für Hunde. Unter anderem, weil in diesem europäischen Vogelschutzgebiet auch 23 bedrohte und geschützte Vogelarten wie der Seeadler leben. Die Anrainerkommunen des Sees demonstrieren Einigkeit. Delitzsch, Schkeuditz, Wiedemar, Löbnitz und Rackwitz unterzeichneten eine gemeinsame Erklärung. Tenor: Der Naturschutz gehört zum See, doch er kann nicht dessen ausschließliche Zukunft sein. Auch eine naturnahe touristische Nutzung im Sinne gelebter Bürgerbeteiligung müsse ermöglicht werden. Einiges ist bereits möglich: Wander- und Radwege sind entstanden, die auch mit Inlineskates benutzt werden und bis zum nahegelegenen Zwochauer See und Grabschützer See sowie Schladitzer See reichen. Weiterhin gibt es einen Naturlehrpfad mit Schautafeln. Mehr geht nicht, sagt Ulrich Fiedler, Dezernent im Landratsamt, kontra zu mehr touristischer Nutzung. Karl-Heinz Koch, Amtsleiter im Delitzscher Rathaus, hält mit seinem Pro dagegen.

Pro: Landschaft von Menschen für Menschen

Tiere, Pflanzen und Menschen leben von Anbeginn gemeinsam in Natur- und Kulturlandschaften. Warum soll das am Werbeliner See nicht möglich sein? Diese Frage stellen sich die Delitzscher Bürger auch im Wissen und Wollen, unsere wertvolle Natur zu schützen. Absurd wird es dann, wenn nicht einmal das Baden und weiterer sanfter Tourismus nach Auffassung der Naturschutzbehörde möglich sein soll. Alle überregionalen Planungen wie der Bergbaufolgesanierungsplan und die Regionalplanung hatten diese naturnahe Erholung zum Ziel. Noch absurder ist jedoch, dass selbst bei Ausbleiben allen menschlichen Handelns am See die Veränderungen in der Natur einigen zu schützenden Vogelarten den Lebensraum entziehen würden. Zunehmend besiedeln Tiere und Pflanzen menschliche Wohnbereiche. Viele Vogelarten haben sich mit uns arrangiert und besiedeln Städte. Fuchs, Waschbär und Wolf dringen in urbane Gebiete vor. Wir Menschen handeln ähnlich, suchen Erholungs- und Bewegungsräume in der freien Landschaft, um dem Stress des Alltags zu entfliehen.

Karl-Heinz Koch, Amtsleiter Stadt Delitzsch

Karl-Heinz Koch, Amtsleiter Stadt Delitzsch.

Quelle: privat

Die ausgeräumten Agrarlandschaften in der Delitzscher Region bieten dabei nur wenig Potenzial zur naturnahen Erholung. Wohl aber die früheren Tagebauflächen. Sie wurden saniert und rekultiviert, nach den von Gemeinden und Landkreis beschlossenen Entwicklungskonzepten. Von Menschen für Menschen, nachdem die Bevölkerung hier jahrzehntelang unter dem Bergbau gelitten hatte. Schon zu Beginn der Sanierungsarbeiten gab es klare Ziele für die Nutzung: Der sächsische Teil der Goitzsche sollte der Natur überlassen werden. Hier engagiert sich der BUND mit seinem Projekt „Wildnis Goitzsche“.

Im Norden von Delitzsch sollen der Erhalt und die Entwicklung natürlicher Lebensräume und ihrer Artenvielfalt im Fokus stehen. Gebietsbeschränkungen und Betretungsverbote schränken die Erholungsnutzung in diesen Gebieten bewusst ein. Dagegen hat man die Tagebaulandschaft im Süden von Delitzsch und hier insbesondere den Werbeliner See für Erholungs- und Sportzwecke gestaltet und saniert. Eine jahrzehntelange Entwicklung soll nun plötzlich abbrechen! Die in genehmigten Plänen verankerten menschlichen Nutzungen auf der einen und die naturnahen Entwicklungen auf der anderen Seite standen bis zur Ausweisung des europäischen Vogelschutzgebietes in keinem Widerspruch. Das Ziel aller Anliegergemeinden bestand immer darin, im neu entstandenen Kulturraum Landschaften zu schützen. Gleichwohl auch hier externe Eingriffe wie etwa durch Flugzeuge geduldet werden.

Die Bevölkerung aus einer sich dynamisch verändernden und von Menschen geschaffenen Landschaft auszuschließen, halte ich in diesem Fall für den falschen Weg. Nur, wenn man den Einwohnern Spielräume aufzeigt und keine strikten Verbote vorsetzt, wird es gelingen, die Natur im Einklang mit den Menschen dauerhaft zu gestalten und die Artenvielfalt zu bewahren.

Kontra: Im Vogelschutzgebiet ist der Vogelschutz das Maß der Dinge

Der Werbeliner See ist ein ökologisches Highlight sowie Rückzugs- und Brutgebiet für besonders seltene Vogelarten im Binnenland. Er sollte zur Sicherung des Naturhaushaltes der Allgemeinheit dienen und der Bevölkerung zum bewussten Erleben der Natur zur Verfügung stehen. Somit hat der See ein Alleinstellungsmerkmal im Ballungsraum Leipzig / Halle und bedarf deshalb des besonderen Schutzes.

Ulrich Fiedler, Dezernent Landratsamt Nordsachsen

Ulrich Fiedler, Dezernent Landratsamt Nordsachsen.

Quelle: Wolfgang Sens

Nach der Einstellung des Tagebaus Delitzsch Südwest im Jahre 1993 fiel in großem Einvernehmen frühzeitig die Entscheidung, weite Teile des Restloches nicht zu sanieren. Das entstehende Gewässer soll als Landschaftssee der Eigenentwicklung überlassen werden. Damit entstand ein großes, zusammenhängendes und außergewöhnlich vielfältiges Ökosystem. Bereits kurz nach Beginn der Flutung im Jahr 1998 fanden in dieser besonderen Landschaft viele seltene und in Mitteldeutschland bereits ausgestorbene Arten wieder neue Lebensräume. Darunter auch 23 europaweit gefährdete Vogelarten, die besonders geschützt werden müssen. Dieser Realität Rechnung tragend, meldete der Freistaat Sachsen nach Beschluss des sächsischen Landtages das Vogelschutzgebiet zum dauerhaften Schutz im Jahr 2006 bei der Europäischen Kommission an. Der Werbeliner See ist wesentlicher Teil dieses Gebietes. Durch die Kommission wurde das sächsische Fachkonzept geprüft und bestätigt. Damit ist der Vogelschutz auf europäischer Ebene endabgewogen und als überwiegendes öffentliches Interesse durch alle Eigentümer und Behörden zwingend zu beachten.

Zur rechtlichen Sicherung hat das damalige Regierungspräsidium Leipzig im gleichen Jahr die Verordnung zur Bestimmung des europäischen Vogelschutzgebietes „Agrarraum und Bergbaufolgelandschaft bei Delitzsch“ erlassen. Nur die bereits zu dieser Zeit bestehenden Betriebswege konnten mit Duldung des Eigentümers von der Allgemeinheit für eine naturverträgliche Erholung genutzt werden. Dies wird auch weiterhin möglich sein. Zunehmende Störungen, insbesondere am Ost- und Nordufer beziehungsweise durch freilaufende Hunde, das Verlassen der Wege und durch Badende führten zu dauerhaften Lebensraum- und Brutverlusten. Dadurch wurde das Handeln des Landratsamtes zwingend erforderlich. Das Gebiet wurde im Sommer 2016 als einstweiliges Naturschutzgebiet gesichert. Die endgültige Sicherung hat innerhalb von zwei Jahren zu erfolgen. Alle Planungsträger müssen bei der Zulassung von Vorhaben dafür Sorge tragen, dass keine Beeinträchtigungen entstehen. Vorhabenträger haben die Plicht, prüffähige Unterlagen vorzulegen. Abschließend ist die Zustimmung der Naturschutzbehörde erforderlich. Bauliche Anlagen bedürfen der Bauleitplanung. Bisher wurden von der Stadt Delitzsch, die seit Jahren Interesse an einer touristischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Gebietes bekundet, keine, diesen Anforderungen genügenden Unterlagen vorgelegt.

Von Frank Pfütze

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