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Gedenkminute in der Kaserne

Gedenkminute in der Kaserne


Delitzsch. Es ist fast auf den Tag genau 50 Jahre her, dass Feldwebel Erich Boldt, damals gerade 28 Jahre alt, mit einer beispielhaften Tat zwei Soldaten das Leben rettete, aber sein eigenes verlor.

. 1961 stand er bei einer Sprengübung mit zwei Soldaten im Deckungsgraben, als eine bereits gezündete Ladung vom Rand zurückrutschte. Boldt warf sich auf die Ladung, wurde tödlich verwundet. Die beiden ihm unterstellten Soldaten blieben nahezu unverletzt. Heute trägt die Delitzscher Kaserne, die die Unteroffizierschule des Heeres beherbergt, seinen Namen. Im November 1992 fand die Zeremonie desr Namensverleihung in Anwesenheit der Witwe und des Sohnes statt. Heute wird vor Ort seinem Tod mit einer Schweigeminute gedacht. 

 

Damals schrieb der damalige Bundesminister für Verteidigung, Franz Josef Strauß, an die Witwe: „Ihr Mann gab sein Leben in vorbildlicher Pflichterfüllung als Soldat und Vorgesetzter, um das Leben seiner Kameraden zu schützen. Aufgrund dieses Verhaltens wird er für die Soldaten der Bundeswehr als Vorbild weiterleben und in steter Erinnerung bleiben."

Die Kreiszeitung hat mit dem Sohn Thomas Boldt gesprochen. „Ich bin seit der Namensverleihung nicht wieder in Delitzsch gewesen", sagt er. Mittlerweile ist er 50 Jahre alt und selbstständiger Dachdeckermeister in Hamburg-Neugraben, hat eine Firma mit sechs Gesellen. „Eigentlich ist es eine Schande für mich", gesteht der Mann, der gerade mal acht Monate alt war, als er seinen Vater verlor. „Ich habe es einfach noch nicht geschafft." Erschwerend kommt für den Norddeutschen hinzu, dass es seit geraumer Zeit auch kein Grab seines Vaters mehr gibt. Seine Mutter habe es nach 25 Jahren auflösen lassen. Einen Kontakt zu seiner Mutter hat der Handwerker seit gut 20 Jahren nicht mehr. Die Ursachen seien vielfältig. 

 

Über einige will er reden. „Nicht über alle, die sind zu privat." Nach dem Tod seines Vaters habe seine Mutter sehr schnell wieder geheiratet. „Einen Beamten, mit dem ich überhaupt nicht klar gekommen bin", erinnert sich Thomas Boldt. Zudem durfte er den Familiennamen seines Vaters bis zum 14. Lebensjahr nicht tragen. Seine Mutter war dagegen. Auch über die Ereignisse im November 1961 habe sie ihn lange im Unklaren gelassen, wohl auch nicht die vollständige Wahrheit erzählt. So meint Thomas Boldt sich erinnern zu können, dass seine Mutter ihm gegenüber nicht so ein gutes Bild von der Bundeswehr zeichnete. Diese habe sich nach den Tod des Feldwebel kaum um die Familie gekümmert. Der Sohn schreibt diese Aussage der großen Verzweiflung seiner Mutter zu. Denn dem sei nicht so: „Die Bundeswehr hat Hilfe und Unterstützung angeboten", sagt Thomas Boldt. Von den Ereignissen im Detail habe er erst erfahren, als er schon 16 war. Damals sei ihm erst bewusst geworden, wessen Sohn er ist. „Ich habe einen ganzen Haufen Unterlagen zu Hause, die ich mir gerade in den vergangenen Wochen immer mal wieder durchgesehen habe. Natürlich haben meine Tante und mein Onkel aus der Boldt-Familie durchsickern lassen, was mit meinem Vater passiert ist. So richtig begriffen habe ich es erst mit dem Erwachsenwerden."

 

Angesprochen auf die Geschichte seines Vaters wird Thomas Boldt auch heute noch. Wie er erzählt, wissen viele im Dorf Neugraben von ihm zu berichten. Einige hätten gar noch unter ihm in der ehemaligen Röttiger-Kaserne im Süden von Hamburg gedient. „Ich tue derzeit auch vieles, damit die Geschichte meines Vaters nicht vergessen wird", sagt der Dachdeckermeister. Im Schützenverein des Ortes zum Beispiel. Überhaupt engagiere er sich im Ort. „Definitiv bin ich stolz auf meinen Vater." Umso mehr ist er froh, dass bei der Bundeswehr die Leistung eines Mannes, der Verantwortung für seine Unterstellten mit aller Konsequenz übernahm, nicht vergessen wurde. Auch wenn es gut 30 Jahre dauerte, ehe etwas passierte. „Er stand dazu und er hatte keine Wahl", ist sich heute Sohn Thomas sicher. Die Erziehung in der Familie war auf Konsequenz angelegt. Thomas Boldt hat nie eine Militäruniform getragen, sein Großvater und sein Onkel väterlicherseits schon. 

 

„Ich musste nicht zur Bundeswehr. Auf Grund des Vorfalls mit meinem Vater bin ich freigestellt worden", erzählt Boldt Junior. Er hatte damals gerade seinen Gesellenabschluss gemacht und sich dann für den Beruf entschieden. Thomas Boldt wird ernst: „Mein Vater hat damals die Existenzberechtigung der jungen Bundeswehr untermauert. Er hat der jungen Republik gezeigt, dass auch junge Demokraten ihr Leben opfern können und nicht nur fanatische Nazis. Das ist für mich das eigentlich Beeindruckende."

 

Eine große Feierstunde wird es am Mittwoch in der Kaserne nicht geben. Weil Feiertag ist. „Ich wäre gern nach Delitzsch gekommen", bekennt Thomas Boldt. Sein Vater habe eine Pflicht erfüllt, die ihm anerzogen war. Zu einem heroischen Helden will er ihn nicht stilisiert wissen. 

 

Der Vollständigkeit halber soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass die Delitzscher Kaserne bis zur Übernahme durch die Bundeswehr den Namen Kurt Bennewitz trug. Der in Eilenburg geborene kommunistische Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus wurde noch kurz vor Kriegsende von der SS ermordet. Zwei Jahre lang war die Kaserne namenlos.

Ditmar Wohlgemuth

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