Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Delitzsch Gericht kann Delitzscher Messerstecherei nicht aufklären – Freispruch
Region Delitzsch Gericht kann Delitzscher Messerstecherei nicht aufklären – Freispruch
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 01.02.2016
Im Landgericht Leipzig wurde in einem Prozess eine Messerstecherei unter Asylbewerbern vom 4. Oktober 2014 verhandelt. Quelle: André Kempner
Anzeige
Leipzig/Delitzsch

Am Ende hob der Vorsitzende Richter die Hände: „Sie sind freigesprochen, auch wenn Sie uns angelogen haben.“ Über mehrere Wochen hinweg hatte das Landgericht Leipzig versucht, die Details einer lebensgefährlichen Messerstecherei unter Asylbewerbern in Delitzsch zu klären. Am Donnerstag entließ die Justiz den Angeklagten als freien Mann. Die Zeugen, sofern sie erschienen waren, hatten sich in Widersprüche verstrickt. Und das Opfer, ein 34-jähriger Tunesier, ist abgetaucht.

Am 4. Oktober 2014 wäre der Nordafrikaner wohl gestorben, hätten ihn Delitzscher und Leipziger Mediziner nicht notoperiert. Eine Messerklinge hatte die Rumpfwand in Höhe der Brust komplett durchstochen, die Lunge war verletzt, dazu hoher Blutverlust wegen einer durchtrennten Schlagader in der Achselhöhle. Völlig blutverschmiert sei er gewesen, schilderte ein Zeuge vor Gericht, der an jenem Abend in der Bar am Unteren Bahnhof gesessen hatte, auf deren Vorplatz sich der Übergriff ereignete.

Was war passiert? Das Landgericht hatte sich viel Zeit genommen, um das herauszufinden. Angeklagt war ein 24 Jahre alter Algerier – der Tunesier hatte ihn des Angriffs beschuldigt. Ganz unvermittelt habe der Täter das Messer gezückt und ihm seitlich in den Brustkorb gerammt, berichtete Ben S. noch im Krankenhaus der Polizei. Die Staatsanwaltschaft bewertete das als versuchten Totschlag – darauf steht eine Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren. Said I., der Algerier, räumte auch ein, dass er der Messerstecher war. Doch er habe aus Notwehr gehandelt, weil ihn Ben S. zuvor gewürgt und ihm die Luft abgedrückt habe.

„Die Angaben des Angeklagten lassen sich nicht widerlegen, weil weder er selbst noch der Geschädigte und die Zeugen die Wahrheit sagen“, konstatierte der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf. Zwei Zeugen, ein Tunesier und ein Marokkaner, hätten sogar massiv gelogen – erkennbar an immer neuen Versionen in ihren Schilderungen. Einer behauptete, eine Gruppe von Nazis habe Ben S. so zugerichtet, widerrief das dann aber wieder. Andere Zeugen erschienen gar nicht erst oder mussten zwangsweise vorgeführt werden. Das Hauptproblem aber war das Opfer selbst: Laut Meldebehörde ist Ben S. nach Unbekannt verzogen. Möglicherweise hängt sein Abschied mit einem Haftbefehl zusammen – der Tunesier soll in anderer Sache eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen. Weil seine Aussage vor Gericht nicht mehr hinterfragt werden konnte, blieb nur der Freispruch von Said I.

Als sicher gilt, dass an jenem Oktoberabend Marihuana und sehr viel Alkohol im Spiel war. Und dass Said I. in Deutschland seit Jahren geduldet ist, weil er ohne algerischen Pass nicht ausgewiesen werden kann. Für die 15 Monate Untersuchungshaft soll er jetzt entschädigt werden. Das Verfahren bezahlt die Staatskasse, das Urteil ist rechtskräftig.

Von Kay Würker

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Hoffnungsschimmer überm Nordufer des Werbeliner Sees: Nach zwei Fehlanläufen ist ein offenbar viel versprechender Investor gefunden, der der Stadt Delitzsch das Areal abkauft. Entwickelt werden soll ein international gefragtes Zentrum für Pferdesport. Der Stadtrat befürwortete den Verkauf am Donnerstagabend mehrheitlich mit zwei Stimmenthaltungen.

29.01.2016

Ende des vergangenen Jahres hat die Ortsfeuerwehr Krostitz ein neues Hilfeleistungslöschfahrzeug erhalten. Bisher trainierten die Kameraden eifrig, um die Technik beherrschen zu lernen. Das neue Fahrzeug ist aufs Modernste ausgestattet und in seiner Bedienung völlig anders als sein Vorgänger. Am Mittwoch hatte das Fahrzeug den ersten Einsatz.

01.02.2016

Wenn es brennt, Unwetter toben oder schlimme Unglücke passieren, sind es längst nicht nur die Freiwilligen Feuerwehren, die den Menschen in Not helfen. Ob nun THW oder SEG, es gibt es neben der allseits bekannten FFW noch etliche Helfer mehr, die ausrücken, wann immer Menschen Hilfe brauchen.

01.02.2016
Anzeige