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Gericht kann Delitzscher Messerstecherei nicht aufklären – Freispruch

Widersprüchliche Aussagen Gericht kann Delitzscher Messerstecherei nicht aufklären – Freispruch

Am Ende hob der Vorsitzende Richter die Hände: „Sie sind freigesprochen, auch wenn Sie uns angelogen haben.“ Über mehrere Wochen hinweg hatte das Landgericht Leipzig versucht, die Details einer lebensgefährlichen Messerstecherei unter Asylbewerbern in Delitzsch zu klären. Die Zeugen, sofern sie erschienen waren, hatten sich in Widersprüche verstrickt. Und das Opfer, ein 34-jähriger Tunesier, ist abgetaucht.

Im Landgericht Leipzig wurde in einem Prozess eine Messerstecherei unter Asylbewerbern vom 4. Oktober 2014 verhandelt.

Quelle: André Kempner

Leipzig/Delitzsch. Am Ende hob der Vorsitzende Richter die Hände: „Sie sind freigesprochen, auch wenn Sie uns angelogen haben.“ Über mehrere Wochen hinweg hatte das Landgericht Leipzig versucht, die Details einer lebensgefährlichen Messerstecherei unter Asylbewerbern in Delitzsch zu klären. Am Donnerstag entließ die Justiz den Angeklagten als freien Mann. Die Zeugen, sofern sie erschienen waren, hatten sich in Widersprüche verstrickt. Und das Opfer, ein 34-jähriger Tunesier, ist abgetaucht.

Am 4. Oktober 2014 wäre der Nordafrikaner wohl gestorben, hätten ihn Delitzscher und Leipziger Mediziner nicht notoperiert. Eine Messerklinge hatte die Rumpfwand in Höhe der Brust komplett durchstochen, die Lunge war verletzt, dazu hoher Blutverlust wegen einer durchtrennten Schlagader in der Achselhöhle. Völlig blutverschmiert sei er gewesen, schilderte ein Zeuge vor Gericht, der an jenem Abend in der Bar am Unteren Bahnhof gesessen hatte, auf deren Vorplatz sich der Übergriff ereignete.

Was war passiert? Das Landgericht hatte sich viel Zeit genommen, um das herauszufinden. Angeklagt war ein 24 Jahre alter Algerier – der Tunesier hatte ihn des Angriffs beschuldigt. Ganz unvermittelt habe der Täter das Messer gezückt und ihm seitlich in den Brustkorb gerammt, berichtete Ben S. noch im Krankenhaus der Polizei. Die Staatsanwaltschaft bewertete das als versuchten Totschlag – darauf steht eine Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren. Said I., der Algerier, räumte auch ein, dass er der Messerstecher war. Doch er habe aus Notwehr gehandelt, weil ihn Ben S. zuvor gewürgt und ihm die Luft abgedrückt habe.

„Die Angaben des Angeklagten lassen sich nicht widerlegen, weil weder er selbst noch der Geschädigte und die Zeugen die Wahrheit sagen“, konstatierte der Vorsitzende Richter Hans Jagenlauf. Zwei Zeugen, ein Tunesier und ein Marokkaner, hätten sogar massiv gelogen – erkennbar an immer neuen Versionen in ihren Schilderungen. Einer behauptete, eine Gruppe von Nazis habe Ben S. so zugerichtet, widerrief das dann aber wieder. Andere Zeugen erschienen gar nicht erst oder mussten zwangsweise vorgeführt werden. Das Hauptproblem aber war das Opfer selbst: Laut Meldebehörde ist Ben S. nach Unbekannt verzogen. Möglicherweise hängt sein Abschied mit einem Haftbefehl zusammen – der Tunesier soll in anderer Sache eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen. Weil seine Aussage vor Gericht nicht mehr hinterfragt werden konnte, blieb nur der Freispruch von Said I.

Als sicher gilt, dass an jenem Oktoberabend Marihuana und sehr viel Alkohol im Spiel war. Und dass Said I. in Deutschland seit Jahren geduldet ist, weil er ohne algerischen Pass nicht ausgewiesen werden kann. Für die 15 Monate Untersuchungshaft soll er jetzt entschädigt werden. Das Verfahren bezahlt die Staatskasse, das Urteil ist rechtskräftig.

Von Kay Würker

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