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Glockenguss für Stadtkirche Peter und Paul: Heiße Minuten für die Ewigkeit

Glockenguss für Stadtkirche Peter und Paul: Heiße Minuten für die Ewigkeit

Für Delitzschs evangelische Kirchengemeinde ist es ein Jahrhundertereignis: eine neue Glocke für die Stadtkirche Peter und Paul, 230 Kilogramm schwer, 740 Millimeter im unteren Durchmesser.

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Der Moment des Gusses: Rund 1100 Grad heiße Bronze ergießt sich vom Kessel durch eine Rinne in die Öffnung der Gussgrube, wo sich die Glockenform aus Lehm befindet.

Quelle: Kay Würker

Delitzsch. Am Freitag, dem Tag des heiligen Nikolaus, wurde sie gegossen.

Es hätte sicher gemütlichere Tage gegeben als diesen stürmischen 6. Dezember, um zu einer Exkursion nach Lauchhammer aufzubrechen. Seit Monaten ist die neue Glocke im Gespräch - es hätte auch schon im Oktober so weit sein können. Doch bekanntermaßen gab es andere Dinge, die dringender waren als die Reise nach Brandenburg. Der Westturm der Stadtkirche ist Großbaustelle, immer wieder gab es böse Überraschungen und Verzögerungen. Das Mauerwerk war in weiten Teilen marode, die Balkendecken im Inneren von Hausschwamm befallen. Die Turmhelme mussten komplett neu aufgebaut werden. Und dazu die Nöte mit dem lieben Geld: Die Finanzierung - nicht zuletzt durch Spenden gestemmt - ist ein fortwährendes Ringen. Noch immer werden monetäre Zuwendungen aus Privathand dringend gebraucht.

Inzwischen aber ist der Bau weit fortgeschritten. Seit Donnerstag thront die neue Bekrönung auf den Turmspitzen, bis Jahresende sollen die Außenarbeiten am Turm weitgehend abgeschlossen sein. Das Gerüst kann zurückgebaut werden, auch der Hausschwamm ist trockengelegt. So rückt der Blick von der nüchternen Sanierung hin zum Sinneserlebnis, zum Charakter der Kirche. So imposant, wie sie das Stadtbild prägt, soll sie auch klingen.

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Delitzsch. Für Delitzschs evangelische Kirchengemeinde ist es ein Jahrhundertereignis: eine neue Glocke für die Stadtkirche Peter und Paul, 230 Kilogramm schwer, 740 Millimeter im unteren Durchmesser. Am Freitag, dem Tag des heiligen Nikolaus, wurde sie gegossen.

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Die evangelische Kirchengemeinde hat Großes vor: Statt eines Dreiergeläuts schwingen künftig fünf Glocken im neu gezimmerten Stuhl: die zwei Gusseisernen aus dem Jahr 1958, die historische Bronzeglocke von 1363 - die soeben in einem Schweißwerk im bayerischen Nördlingen eine neue Krone bekommen hat -, die Läuteglocke aus dem Erker und die Neuanschaffung aus Lauchhammer. Ein Glockensachverständiger hat lange mit Gemeindevertretern am Klang gefeilt. Per Computer wurde vorempfunden, was eindrucksvoll ins Ohr gehen könnte, welcher Glockenton das Ensemble sinnvoll ergänzen soll. Schließlich geht es um viel - neue Glocken werden nicht alle Tage geschaffen.

Groß ist also die Erwartung, als am Freitag der gechartete Bus mit der Delitzsch-Delegation am Gelände der Gießerei hält. Mitarbeiterin Olena Neverovska heißt die Gäste willkommen - in Lauchhammer sind derlei Besuchergruppen nichts Ungewöhnliches. Keine Kirchenglocke wird gegossen, ohne dass Gemeindevertreter den Moment vor Ort erleben. Zunächst aber soll Zeit sein für einen Augenblick der Besinnung. Mit einer Andacht will Pfarrer Stephan Pecusa auf das Ereignis einstimmen. "Glocken haben die wunderbare Aufgabe, Menschen zum Gottesdienst zu rufen. Aber sie sollen uns auch ermahnen, für Recht und Gerechtigkeit zu kämpfen. Daran erinnern, dass unsere Kirche offen steht für alle, die Zuflucht suchen", sagt Pecusa. Ein kurzes Innehalten in der kühlen Werkshalle, in die für diesen Moment Feierlichkeit einzieht.

In der Halle nebenan laufen derweil die letzten Vorkehrungen für den Guss. Seit mehreren Wochen ist darauf hingearbeitet worden - von den ersten Skizzen bis zur guss- bereiten Lehmschablone. Wer die Kunstgießerei besucht, findet keine großen Maschinen, keine hektische Betriebsamkeit, vielmehr die Aura einer Manufaktur, in der aus jeder Ecke der Charme der Vergangenheit grüßt. Ein Sammelsurium an Werkzeugen, Teilen und Materialien, etwas unübersichtlich, aber wohl sortiert. Auch Skulpturen, Tisch- und Wandschmuck werden hier gefertigt, weit häufiger als Glocken. Im Nachbarhaus widmet sich ein ganzes Museum der Gusshistorie von Lauchhammer, im Werksshop kann eingekauft werden.

Doch die Glocken sind und bleiben das Emotionalste, was der Flachbau am Rande der Stadt zu bieten hat. Das Herstellungs-Verfahren ist uralt. "Es hat seine Ursprünge schon im 12. Jahrhundert. Es gibt kein besseres", sagt Andreas Tietz, der Geschäftsführer der 3 A Kunstguss Lauchhammer GmbH.

Zunächst gilt es, das Glockenprofil zu errechnen. Zwei sogenannte Glockenformer bauen dann aus Lehmsteinen und -schichten den Kern, das Innere der Glocke. Direkt darüber entsteht die "falsche Glocke", eine Art Platzhalter fürs Original. Auf diesem Modell wird die Glockenzier aufgetragen. Filigrane Elemente aus Wachs, um deren Gestaltung sich für Delitzsch die Künstlerin Annett Schulz gekümmert hat. Dies ist der Augenblick, in dem die Glocke erstmals annähernd so zu sehen ist, wie sie später in Erscheinung treten soll. Deshalb waren Mitglieder der Delitzscher Kirchengemeinde bereits im Oktober in Lauchhammer, um erste Fotos zu machen.

Als die Delitzscher am Freitag erneut vor Ort sind, ist von dem begehrten Stück nichts mehr zu sehen. Über die "falsche Glocke" samt Schmuck-elementen ist ein weiterer Lehmmantel gelegt worden, die "falsche Glocke" wurde entfernt. Das Ergebnis ist ein Hohlraum zwischen Kernform und Mantel, bereit, um die Bronze hinein zu gießen.

Gespanntes Warten am Rande der Gussgrube: Es gilt, den Moment abzupassen, in dem die Bronze die Idealtemperatur von etwa 1100 Grad Celsius erreicht. Dann geht es recht schnell: "In Gottes Namen, wir gießen", ruft einer der fünf Arbeiter nach altem Brauch - binnen zehn Minuten fließt die heiße Legierung aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn in die Form. In den Reihen der Delitzscher Gäste herrscht staunende Stille. Vertreter des Kirchenrates schauen zu, auch Konfirmanden und Kinder aus der evangelischen Kita Morgenland, die für den Tag eigens kleine Glöckchen zum Umhängen gebastelt haben.

Und die Delitzscher sind an diesem Freitag nicht die einzigen Besucher. Auch eine Delegation aus Krögis ist gekommen, ebenfalls in Erwartung - insgesamt drei Kirchenglocken werden in einem einzigen Durchgang gegossen. Dass das an einem Freitag passiert, ist kein Zufall. "Wir gießen grundsätzlich nur freitags", sagt Geschäftsführer Tietz. Die kirchliche Tradition, angelehnt an den Karfreitag, sieht das so vor. So wie der tote Leib Christi in die Erde gesenkt wurde, soll die stumme Bronze in die Grube fließen - und auferstehen als Glocke, klingend lebendig.

Eine Tradition allerdings, die seltener geworden ist. Noch zu Beginn des Jahrtausends habe es in Lauchhammer an jedem Freitag Gusstermine gegeben, inzwischen nur noch etwa einmal monatlich, bedauert Andreas Tietz. "Der Guss hat nicht mehr den Stellenwert, den er mal hatte." Das mag an den knapper werdenden Finanzen der potenziellen Auftraggeber liegen. Schließlich kostet schon die vergleichsweise kleine 230 Kilogramm schwere Delitzscher Glocke rund 6200 Euro, wobei die Hälfte des Geldes allein fürs Material gebraucht werde, so der Geschäftsführer. Aber es liegt wohl auch am Lauf der Zeit: Die Jahre nach der Wende, in denen im Osten Deutschlands Versäumtes nachgeholt und von allerorten Glocken geordert wurden, sind vorbei.

In der Gießerei ist dieses Auf und Ab im Auftragsbuch immer wiederkehrender Teil der Chronik. Groß war der Bedarf auch nach dem Ersten Weltkrieg, da 1917 etliche Glocken von den Türmen geholt und eingeschmolzen wurden. Um 1941 wiederholte sich die Geschichte. Auch Delitzschs Stadtkirche verlor damals wertvolle Stücke - die beiden Guss- eisernen von 1958 sind der Ersatz dafür. Dass sie noch intakt sind, gilt als bemerkenswert. Denn jahrhundertelang haltbar ist nur Bronze. "Stahlguss spielt in unserem Hause keine Rolle mehr", sagt Andreas Tietz.

So dürfte auch Delitzschs neuer Glocke ein langes Dasein beschieden sein. Zumal sie aus bestem Hause kommt: Auch der 2,3 Tonnen schwere "Micha" im Halberstädter Dom entstand in Lauchhammer, einige Glocken gingen gar nach Indonesien und Tansania. Und drei in die Eilenburger Nikolaikirche, wo sie seit 2009 ebenfalls ein Fünfergeläut ergänzen.

Ob das Exemplar für Delitzsch gelungen ist, steht erst in ein paar Tagen fest. Übers Wochenende muss der Guss in der Grube erkalten, erst dann wird er freigelegt, poliert und von einem Sachverständigen auf Tonqualität geprüft. Cis''+6 - das ist die gewünschte Tonlage.

Wann genau sie erstmals zu hören sein wird, ist noch nicht ganz sicher. Sehr wahrscheinlich aber am Ostersonntag, prognostiziert Pfarrer Pecusa. Dann soll auch die Glockenweihe sein - der nächste große Moment im Kalender der Kirchengemeinde.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 07.12.2013

Kay Würker

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