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Delitzsch In 16 Tagen bis zum Nordkap und zurück
Region Delitzsch In 16 Tagen bis zum Nordkap und zurück
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00:18 22.07.2017
Vor der Abreise: Der 24 Jahre alte VW T4 ist präpariert und repariert. Michael Hambach, Rocco Ziemann (oben), Nicole Hambach und Andrea Ziemann (von links) nehmen ihre (vorläufigen) Plätze ein.
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Krostitz

Es passiert mitten in Russland. Auf der E 105 stellen die vier Krostitzer knackende Geräusche an der Vorderachse ihres VW-T4-Busses fest. Die Europastraße 105 verläuft über 3770 Kilometer in Nord-Süd-Richtung durch Osteuropa. Sie beginnt in Norwegen, führt über Sankt Petersburg, Moskau und die Ukraine zur Halbinsel Krim. Das Knacken wird lauter und gipfelt in einem platzenden Reifen etwa 100 Kilometer vor der alten Zarenstadt. „Wir haben den Fehler gemacht, auf eine defekte linke Achsmanschette zu schließen, dabei war es der rechte Vorderreifen“, wird Rocco Ziemann später sagen.

Ziemlich beste Freunde

Rückblick: Andrea und Rocco Ziemann fassen mit Nicole und Michael Hambach Anfang 2016 den Entschluss, an der „Baltic Sea Rallye“ teilzunehmen. Das heißt, mit einem mindestens 20 Jahre alten Fahrzeug in 16 Tagen die Ostsee zu umrunden. Die Reise soll über 7500 Kilometer durch 10 Länder führen.

Stück für Stück bereiteten die Krostitzer Ehepaare ihre Abenteuerreise vor. Beantragten Europäische Führerscheine und Visa, kauften Schlafsäcke und alles, was für die Reise sonst noch von Nutzen sein könnte. Das Quartett zeltete sogar ein Wochenende zur Probe im Garten. Die Ehepaare kennen sich über 13 Jahre, sind nicht nur Nachbarn, sondern auch Freunde. Mit den Ziemanns bestehe das geringste Risiko, sich auf der Reise auf die Nerven zu gehen, sagte Nicole Hambach damals.

Dann ist es soweit: Die letzten Vorbereitungen stehen an. Der 24 Jahre alte, mit dem offiziellen Logo der Baltic Sea Rallye versehene und mit Dachgepäckträgern ausgerüstete Volkswagenbus, wird beladen – fast überladen. In Hamburg geht es am 16. Juni los. Das Krostitzer ist eines von 225 startenden Teams.

Immer gen Norden

Die ersten 600 Kilometer spulen die beiden Ehepaare am Stück ab, fahren über Kopenhagen und die Öresundbrücke bis nach Südschweden.

Kilometer um Kilometer geht es in Richtung Norden. Genug Zeit, um die beeindruckende Landschaft zu bewundern, bleibt dennoch. Quelle: privat

Weiter geht es bis an den See Storsjön, wo das schwedische Ungeheuer – ähnlich wie das von Loch Ness – „Storsjöodjuret“ leben soll. „Witzigerweise trafen wir mitten im schwedischen Niemandsland auf zwei weitere Teams“, erzählt Michael Hambach. Zusammen grillen sie und tauschen sich über die ersten Erlebnisse aus. Die extra für die Reise angefertigte Weinbar – im Gewand eines unscheinbaren Koffers – kommt zum ersten Mal zum Einsatz. Was sich rasch herumsprechen soll.

Dann führt die Reise nach Norwegen über Tromsø und einem Besuch der Eismeerkathedrale bis zum nördlichsten Punkt der Tour – dem Nordkap. Im Ort Repvåg, etwa 70 Kilometer zuvor, kehren die vier Krostitzer vom Lerchenweg in ein Restaurant mit ganz eigenen Service-Regeln ein: „Wir saßen zwei Stunden in einem sehr urigen Restaurant, in dem die Innentemperatur gleich der Außentemperatur war“, erzählt Rocco Ziemann. „Das Restaurant hatte nur fünf Tische, aber anscheinend nicht für alle Geschirr und Besteck“, vermutet der 46-Jährige. Jedes Mal, wenn ein Tisch fertig war, habe es in der Küche nach Abwasch geklungen. Der Kellner, der auch den Posten des Kochs und des Rezeptionisten in Personalunion ausführte, brachte dann „das noch nasse Geschirr an den Platz“, erzählt Michael Hambach. Für viermal Kabeljau, dazu Kartoffelecken, Pommes und sechs Dosen Bier, bezahlten die Vier umgerechnet stolze 155 Euro. „Aber lecker war es!“, ergänzt Andrea Ziemann.

In Lappland, im Land des Volkes der Samen, treffen die Ehepaare auf mehr Rentiere als Menschen. „Erheblich mehr“, sagt Michael Hambach.

Zur Baltic Sea Rallye gehören auch Tagesaufgaben. Hier: Welches Team hat die beste Matroschka-Verkleidung? Quelle: privat

„Nur noch 1078 Kilometer bis Sankt Petersburg zeigte das nächste Straßenschild. Während der Fahrt ist mir aufgefallen, dass das Auto vibriert“, erzählt der 44-Jährige. Die kurze Inspektion ließ auf eine anscheinend defekte Achsmanschette schließen. Da sich der Schaden offenbar in Grenzen hielt, „entschieden wir uns weiter zu fahren und den Defekt regelmäßig zu beobachten“ erzählt Rocco Ziemann.

Auf den folgenden Kilometern wechselt der Straßenzustand zwischen exzellent und katastrophal. Das Vibrieren im Fahrzeug sei unterdessen stärker geworden. Und plötzlich: Der rechte Vorderreifen platzt. „Michael gelang es, den Wagen an den rechten Seitenstreifen zu fahren“, sagt Rocco Ziemann, „dann schauten wir uns das Malheur an: Ein völlig zerfetzter Reifen.“ Der Wechsel erfolgte dank Teamarbeit problemlos innerhalb einer halben Stunde. Einen neuen Ersatzreifen, für eine neuerliche Panne zu besorgen, sei die eigentliche Herausforderung gewesen.

Erst nach mehreren Anläufen wurden die Krostritzer fündig. Auch wenn der erhaltene Reifen nicht den gewohnten Qualitätsansprüchen gerecht wurde. „Wir haben uns auf eine Formulierung für die Ware geeinigt“, sagt Michael Hambach: „In Deutschland aussortiert, in Russland drauf montiert.“ Für nur 20 Euro inklusive Flicken erhielten die Krostitzer schließlich einen „Ersatz-Ersatzreifen“. „Ein paar Kilometer hätten wir im Notfall sicher damit zurücklegen können.“

Da ist das Malheur geschehen: Reifenplatzer etwa 100 Kilometer vor Sankt Petersburg. Quelle: privat

Die Entlohnung für alle Mühen folgte an einem Ort, an dem es die Nordsachsen niemals erwartet hätten. In dem kleinen Ort Chaplino, im Verwaltungsbezirk von Leningrad, wollte das Quartett ursprünglich wild zelten und hatten sich bereits einen Platz auserkoren. Doch dann:

„Ein Mann mit einem Husky spazierte durch den Ort“, erzählt Nicole Hambach. „Er sagte, dass es in einem Kilometer einen Campingplatz gebe.“ Doch die Straße war kurz danach unpassierbar. „Darum bogen wir in einen Feldweg ein und überlegten dort zu schlafen.“ Aber der Mann sei den Wildcampern in spe gefolgt. „Wir sollen hier wohl nicht zelten“, dachten wir uns, erzählt die 42-Jährige.

Rocco Ziemann: „Nicole ging ihm entgegen und kam strahlend mit der Nachricht zurück, dass er uns zu sich eingeladen hat. Wir haben uns wie Bolle gefreut und damit gerechnet, dass er uns bei sich im Garten zelten lässt.“ Doch die vier Nordsachsen wurden ins Haus gebeten. „Dann bekam jeder erstmal Hausschuhe“, erinnert sich Andrea Ziemann.

Nach dem Essen und Schnaps erfuhren sie, dass die beiden gastfreundlichen Hausherren eigentlich aus Sankt Petersburg kommen und dies ihre Datsche ist. Schließlich habe der Russe auch erzählt, warum es keine gute Idee gewesen wäre, auf dem Feld zu zelten: Kurz hinter der Dorfgrenze beginne das Gebiet der Elche, Wölfe, Schlangen und Zecken. Um zu beweisen, dass das kein Spaß ist, habe er ihnen sein Etui mit Gegengiften gezeigt, dass er immer bei sich trägt, sagt Michael Hambach.

Spaß mit Spenden

Am letzten Tag der Reise gab es für das Krostitzer Quartett noch eine besondere Überraschung. Permanent seien weitere Spenden eingegangen. Sieben bis acht allein zwischen Polen und Deutschland, erzählt Michael Hambach. Insgesamt 3020 Euro seien es am Ende geworden. Denn die Reise sei neben dem Spaß auch für die Spenden erfolgt. Mindestens 750 Euro sollten es pro Team sein. Das Geld geht nun an das Kinderhilfsprojekt „Die Arche e.V.“.

8760 Kilometer liegen am 1. Juli hinter den Ehepaaren Hambach und Ziemann. „Mit An- und Abreise haben wir in 18 Tagen über 9500 km zurückgelegt, das entspricht in etwa der Entfernung nach Kapstadt oder Rio de Janeiro – Luftlinie“, sagt Michael Hambachaugenzwinkernd.

Das Fazit der vier: „Die Østersjøen jordomsejling było eto hammare kokemus i meie dzive“. Der Satz setzt sich aus deutschen, norwegischen, dänischen, polnischen, russischen, schwedischen, finnischen,  litauischen, estnischen und lettischen Vokabeln zusammen. Frei übersetzt: „Die Ostsee-Umrundung war das Hammer-Erlebnis in unserem Leben!“

Von Mathias Schönknecht

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