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In Delitzsch lebt Schalke-Anhänger Detlef Cichon eine besondere Fankultur

Fußballleidenschaft In Delitzsch lebt Schalke-Anhänger Detlef Cichon eine besondere Fankultur

In Delitzsch fiebern, teils seit ihrer Geburt, Schalke-Fans mit dem Fußballclub aus dem Ruhrpott. Einige von ihnen sind so fasziniert von ihren Lieblingen, dass sie nicht nur Fankleidung tragen oder zu Spielen eine hunderte Kilometer lange Fahrt auf sich nehmen, sondern sie hüllen sogar ihre Grundstücke in königsblau-weiße Farbe.

Der Garten von Detlef Lau in Delitzsch-Ost ist für die Familie das Schalke-Domizil. Denny Lau macht das Wege-Schild an der Laube frei, mit dem sie dem ehemaligen Schalke Fußballer Ernst Kuzorra die Ehre erweisen.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Der Ruhrpott fiebert am Sonnabend einem großen Fußballfest entgegen, denn um 15.30 Uhr empfängt der FC Schalke 04 im Derby den Erzrivalen Borussia Dortmund. Doch auch in Delitzsch und Umgebung leben Schalke-Fans, die ihre Leidenschaft auf besondere Weise ausleben. Zu ihnen gehören Detlef Lau aus Delitzsch und Detlef Cichon aus dem Delitzscher Ortsteil Zschepen. Beide zeigen ihre Fußballliebe nicht nur, indem sie sich zu Spielen oder Fernsehübertragungen und auch außerhalb des Fußballgeschehens in Fanbekleidung zeigen oder in Bettwäsche in den Farben ihres Lieblingsvereins schlafen. Detlef Cichon hat seinen Drei-SeitenHof voll und ganz in den Farben Blau und Weiß gestaltet. Wie bei Cichon an der Hausfassade prangt auch bei Detlef Lau an der Laube im Kleingartenverein Delitzsch-Ost ein großes Emblem mit S 04. Den Weg, an dem seine Parzelle liegt, hat der Kleingärtner kurzerhand „Ernst-Kuzorra-Weg“ getauft, womit dem berühmten Schalker Fußballer der Vergangenheit ein ehrendes Gedenken gesetzt wird. Das Wegeschild ist am Gartenhäuschen umringt von blauen und weißen Fähnchen für jedermann deutlich sichtbar. Und natürlich weht normalerweise über dem Garten die Schalke-Flagge. Nur zurzeit nicht, weil sie der Sturm zerfetzt hat. „Mit Beginn der Gartensaison wird aber eine neue wehen“, versichert der 58-jährige Laubenpieper.

„Wir sind einfach hineingewachsen“

„Wie wird man Schalke-Fan?“, werden sich Unbeteiligte fragen. Schließlich liegt Gelsenkirchen, wo der Klub 1904 als ein Arbeiterverein gegründet wurde, gut 500 Kilometer von Delitzsch entfernt. Für Detlef Lau gibt es auf diese Frage nur eine einzige Antwort: „Schalke-Fan wird man nicht, sondern als Schalker wird man geboren.“

Als eine solche ist auch Enkelin Mia Lau zur Welt gekommen. Das hat ihr Opa 2010 in einer Anzeige in der Leipziger Volkszeitung mit den Worten „Ein Schalker ist geboren“ öffentlich verkünden lassen, nachdem Mia am 13. Juni, am Tag des WM-Auftaktspieles für die deutsche Elf gegen Australien, das Licht der Welt erblickte. Ähnliches erlebten seine beiden Söhne Denny (35 Jahre) und Patrick (29 Jahre), die wie der Vater selbst Fußball spielen beziehungsweise spielten. „Wir sind einfach so hineingewachsen, etwas anderes als Schalke gab und gibt es nicht, ob in der ersten oder zweiten Liga“, erzählt Denny. Er erinnert sich, dass er gleich nach der Wende, als das möglich geworden war, als Neun- oder Zehnjähriger mit Vater und Opa zu einem Punktspiel der Schalker nach Kassel gefahren ist. „Wir haben 0:2 verloren und Schalke spielte für uns unverständlicherweise in Rot“, ist das erste Live-Erlebnis mit seinen Lieblingen bei Detlef Lau in Erinnerung geblieben. Dennoch war die Fahrt für sie ein tolles Erlebnis.

„Auf Umwegen zu uns gekommen“

Nicht weniger schalkeverrückt ist Detlef Cichon, wenn er auch nicht wie die Laus als Schalke-Fan geboren wurde und damit, wie Detlef Lau sagt, „auf Umwege zu uns gekommen ist und die ersten Jahre verpasst hat“. Sportbegeistert ist der 61-Jährige seit seiner Kindheit. Er spielte zunächst Handball, ab dem 10. Lebensjahr dann Fußball bei Lok Delitzsch als Tormann in allen Altersklassen. Seine Lieblingsmannschaft in der DDR war Carl-Zeiss Jena, „weil sie guten Fußball spielte“. Als 1968 in der BRD 1860 München Meister wurde, erkannte Detlef Cichon den Torwart der 1860er Petar Radenkovic als sein Vorbild. Und als dann um 1970 herum ein Zweikampf um die Meisterschaft zwischen Bayern München und Schalke 04 entbrannte, faszinierten ihn die Königsblauen. „Einerseits hat mir das Schalker Spiel mit Akteuren wie Norbert Nigbur, Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann, Klaus Fischer oder den Zwillingen Erwin und Helmut Kremers gefallen. Andererseits hatte mein Vater im Sport prinzipiell eine andere Auffassung als ich. Er war Bayern- und Lok-Leipzig-Fan. Ich hatte und habe mit dem Leipziger Fußball und Bayern München wenig am Hut, und so verschlug es mich zu Schalke“, erzählt der langjährige Mitarbeiter eines Baumarktes.

„Keiner wollte den Vorsitz übernehmen“

Aber erst als er 1986 zu Traktor Selben wechselte, wurde seine Bindung zu Schalke intensiver, weil er in Selben auf mehr Gleichgesinnte traf. Nach der Wende mit den einsetzenden Fahrten zu Spielen des FC Schalke 04 begann er dann die Fankultur richtig auszuleben. „Wir sind eine Gruppe von rund 25 Schalke-Vereinsmitgliedern, die, wenn sie Karten bekommen, in einem Kleinbus zu Spielen fahren. Erst hat das Laui (Detlef Lau) organisiert, heute ist Michael Baxmann der führende Kopf der Truppe“, berichtet Cichon. Und bei den Fahrten wird ein Ritual gepflegt: Biegt der Bus auf die Autobahn ein, wird die erste Bierflasche geöffnet. Auch ein Fanclub sei schon im Gespräch gewesen, „aber es fand sich keiner, der den Vorsitz übernehmen wollte.“ So ist es eine lose Gruppe geblieben, die sich regelmäßig im Schalke-Keller bei Detlef Cichon trifft.

Übrigens ist der Zschepener derzeit im Fanbus ein eher ungern gesehener Gast, denn zuletzt hat S 04 selten Punkte erhascht, wenn er mit auf Tour war. Er sei auch etwas ruhiger und besonnener geworden, nicht mehr so emotional wie 2001, als sich die Schalker ein paar Minuten lang schon als Deutscher Meister fühlten und Bayern München ihnen die Schale doch noch wegschnappte. „Das war für mich die schwerste Stunde. Damals habe ich einen Tag lang geheult“, gesteht er.

„Etwas Auffälliges machen“

Dennoch sind Detlef Cichon und sein Sohn Pierre (31) durch und durch auf Schalke geeicht. Und das zeigen beide. Nachdem Detlef Cichon den Hof in Zschepen geerbt hatte, wollte er damit äußerlich ein Zeichen setzen, „etwas Auffälliges machen“, wie er sagt, denn ringsum wurden die Häuser saniert und immer bunter. Und so peppte er seinen Hof farblich auf, Fassaden wurden weiß, Tore und Türen blau gestrichen. Zudem zauberte Malermeister Andreas Thurow aus Krostitz, selbst Schalke-Anhänger, das Logo der Knappen auf den Giebel zur Straßenseite. Und wenn der FC Schalke ein Spiel gewonnen hat, leuchtet hoch über den Gebäuden ein Lichtkasten mit „S 04“. Selbst Cichons neuer Hofhund hat einen Bezug zu Schalke, denn der Appenzeller Sennenhund hört auf den Namen Veltins – bekanntermaßen heißt so auch die Brauerei, deren Getränke in der Veltins-Arena in Gelsenkirchen ausgeschenkt werden.

„Auf Schalke ist man per Du“

Sohn Pierre ist von klein auf mit Schalke aufgewachsen. Wie der Vater kennt er nur Schalke-Bekleidung, hat ein Schild an der Tür mit der Aufschrift: „Hier wohnt ein Schalker“ und sein Auto ist blau und trägt auf der Motorhaube in weißer Farbe das Schalke-Zeichen. Zudem zieren Tätowierungen seine Arme.

Den Schalke-Mythos haben sich auch Detlef und Denny Lau in die Haut stechen lassen. Gelsenkirchen steht auf Dennys Rücken, während sich Vater Detlef das Gründungsdatum 04.05.1904 und das Schalke-Logo auf der Haut verewigen lassen hat. „Meine Einstellung zum Verein ist wie eine Religion“, beschreibt der Vater den Mythos, der ihn fesselt. Und das ist für Denny Lau nicht vordergründig die Mannschaft, sondern der Verein der Bergbaukumpel und Malocher. Das Team sei eine andere Geschichte. „Das sind Angestellte, und wir würden uns wünschen, dass die Spieler die Ideale des Vereins manchmal stärker verkörpern und kämpfen bis zum Umfallen“, so der 35-jährige Lagerist. „Auf Schalke grüßt man sich mit Glück auf und ist grundsätzlich per Du.“ Deshalb ziert der Förderturm der Zeche Consoldation, in dessen Schatten der Schalke-Mythos geboren wurde, auch seine Wade. Mitglieder im Schalker Verein sind Detlef Lau und seine Jungs seit 1990. Die beiden Enkelinen Mia und Sophia wurden es kurz nach ihrer Geburt. Nur ihre Frauen haben keinen Mitgliedsausweis, tragen aber die Leidenschaft mit.

Detlef Lau sieht Parallelen zwischen dem Ruhrgebiet und Delitzsch. Beides waren Industrie- und damit Arbeiterregionen. „Vielleicht waren deshalb schon meine Eltern in Spröda, das als eine Schalke-Hochburg gilt, zu diesem Verein hingezogen und haben diese Leidenschaft auf mich übertragen“, sucht er nach den Wurzeln. Eins wird sich für ihn, seine Söhne und auch für Detlef Cichon nie ändern: „Einmal Schalke, immer Schalke!“ Und so bleibt die große Hoffnung für alle, die nach 1958 geboren sind, dass der FC Schalke 04 eines Tages wieder einmal eine Meisterschale erkämpft.

Von Thomas Steingen

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