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Kindererziehung: Immer öfter ist Hilfe nötig

Kindererziehung: Immer öfter ist Hilfe nötig

Während die Zahl Heranwachsender im Landkreis demografisch bedingt sinkt, steigt jährlich der Bedarf an Kinder- und Jugendhilfe. Und damit der Kostenfaktor. Die Ursachen liegen in prekären Familiensituationen, in denen Armut, psychische Störungen und in zunehmendem Maße auch Drogen die Hauptrollen spielen.

Kreisgebiet. Rund 42 000 junge Leute im Alter bis 27 Jahre leben aktuell in Nordsachsen. Demgegenüber stehen etwa 1000 aktenkundige Fälle, in denen im vergangenen Jahr behördliche Betreuung nötig war. Rein rechnerisch heißt das: Etwas mehr als zwei Prozent des Nachwuchses im Landkreis hat Kontakt mit der Kinder- und Jugendhilfe. Tatsächlich aber ist die Zahl höher. Denn hinter so manchem Fall verbergen sich ganze Familien, mit drei, vier oder mehr Kindern. Und auch die Arbeit der Beratungsstellen, wo Eltern und deren Sprösslinge Hilfe finden, kommt noch hinzu.

Nordsachsens Sozialdezernent Günter Sirrenberg macht kein Hehl daraus: Die Entwicklung ist Besorgnis erregend. "Die Ausgaben im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe haben sich in den vergangenen Jahren stetig erhöht. Die Hilfen zur Erziehung nehmen einen Hauptteil des Jugendamts-Budgets ein." Die Suche nach Ursachen gestaltet sich schwierig. Hilfen zur Erziehung sind kein Phänomen, das sich ausschließlich an einer bestimmten Gesellschaftsgruppe festmachen lässt.

Fest steht allerdings: Die meisten der Betroffenen leben von sogenannten Hartz-IV-Leistungen. "Wir haben es zum Beispiel mit sozial schwachen und sozial isolierten Eltern, mit geistig behinderten oder psychisch kranken Müttern und Vätern zu tun", erklärt Sirrenberg. Zudem sei der Drogenkonsum zahlreicher Eltern und auch Kinder rasant gestiegen: Zigaretten, Alkohol, Betäubungsmittel wie Crystal. Damit einher gehen Folgeprobleme wie Schulden, Wohnungsverlust, schwere Fälle von Vermüllung und Verwahrlosung. Und natürlich Erziehungsprobleme. Kinder aus den betroffenen Familien werden vielfach mit Versagensängsten, Schulverweigerung oder sozial-emotionalen Störungen auffällig.

Entsprechend aufwendig und vielgestaltig sind die Hilfen, die das Landratsamt in Zusammenarbeit mit mehr als einem Dutzend freien Trägern anbietet. In weniger verfahrenen Situationen genügen ambulante Handreichungen: Sozialpädagogische Familienhilfen geben auf Antrag der Eltern Unterstützung bei Erziehung, Geldproblemen oder Wohnungsunterhalt. Die ganze Familie wird einbezogen. Anders beim sogenannten Erziehungsbeistand, bei dem zum Beispiel Lernhilfen für ein einzelnes Kind zwischen 12 und 18 Jahren im Fokus stehen. Das Ziel: den Lebensraum Familie zu erhalten. Der Landkreis ließ sich diese ambulanten Hilfen im Jahr 2012 rund 1,4 Millionen Euro kosten. Im Jahr davor waren es noch 1,2 Millionen.

Tagesgruppen sind ein weiteres, teilstationäres Angebot, ausgerichtet auf verhaltensauffällige 6- bis 14-Jährige. Nachmittags und in den Schulferien werden sie dort betreut. Funktioniert die Familie jedoch gar nicht mehr, bleiben stationäre Lösungen. Mehr als 200 Kinder und Jugendliche leben derzeit in Heimen, rund 150 in Pflegefamilien (wir berichteten). Noch im Jahr 2011 lag die Zahl der Kinder in Pflegefamilien bei 110. Eine Ursache des Anstiegs ist auch die erhöhte Sensibilität in der Bevölkerung. Im Jahr 2012 wurden in Nordsachsen 347 Kindeswohlgefährdungen angezeigt, 2013 waren es bereits 380. Das Jugendamt leistet im Rahmen des Kinderschutzgesetzes Aufklärungsarbeit - an Schulen, Kitas und anderen Einrichtungen. "Wir haben zudem vier Mitarbeiter im aufsuchenden Beratungsdienst, der kostenlos zu Hause rund um Schwangerschaft, Baby und Familie berät", sagt Anett Jörke vom Allgemeinen Sozialen Dienst. "Dieses Angebot existiert im Landkreis seit zwei Jahren, wird von Land und Bund bezuschusst und ergänzt in komplexeren Fällen die von der Krankenkasse finanzierten Hebammen-Angebote." Solche Hilfen zur Erziehung, die von den Betroffenen freiwillig angenommen werden, gelten als die effektivsten. Mitunter bleibt die letzte Konsequenz dennoch nicht aus: Sind Kinder akut gefährdet, greifen amtliche Auflagen oder Beschlüsse des Familiengerichts. 2012 gab es 50 Sorgerechtsentzüge - 15 mehr als im Jahr zuvor.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 24.01.2014
Kay Würker

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