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Kunst auf dem Lande: Druckgrafik-Symposion in Hohenossig

Künstler in Klausur Kunst auf dem Lande: Druckgrafik-Symposion in Hohenossig

Fünf von einer Fachjury ausgewählte Künstler können sich derzeit in Hohenossig ungehindert von materiellen Zwängen beim 26. Sächsischen Druckgrafik-Symposion voll entfalten. Noch bis zum 26. August bietet ihnen das Künstlerhaus von Jeannette und Reinhard Rössler dafür beste Rahmenbedingungen.

Die Veranstalterund Helfer von links: Die Drucker Robert Schmiedel, Reinhard und Jeannette Rössler sowie Kuratorin Christine Dorothea Hölzig.

Quelle: Wolfgang Sens

Hohenossig. Nun schon seit drei Wochen entwickeln die Grafikkünstler Andreas Christian Beck aus Stuttgart, Christoph Feist aus Erfurt, Julia Gutkina aus Mannheim, Kazuki Nakahara aus Berlin und Kai Spade aus Leipzig im Krostitzer Ortsteil Hohenossig fleißig Ideen und setzen sie um. Sie versprühen, wie Christine Dorothea Hölzig, Kuratorin und begleitende Kunsthistorikerin des 26. Sächsischen Druckgrafik-Symposions, es nennt, „künstlerische Energie“. Die Stimmung ist sehr arbeitsbezogen, aber professionell herzlich. Noch bis zum 26. August können die fünf Teilnehmer des diesjährigen Symposions in den Werkstätten und Ateliers des Künstlerhauses sich entfalten. Hier finden sie abseits der Großstadt  ideale Rahmenbedingungen für ein intensives grafisches  Wirken, ohne sich über Materialkosten für künstlerische Vielfältigkeit Gedanken machen zu müssen. Ausgewählt wurden die fünf Künstler, die sich mit Originalgrafiken beworben haben, von einer Fachjury. Und „die Kunst bestand darin, interessante und qualitätsvolle Handschriften herauszufiltern“, so die Kuratorin.

Unterstützt werden die Künstler von den versierten Druckern Jeannette und Reinhard Rössler sowie den Gastdruckern Robert Schmiedel aus Leipzig und Gintare Skroblyte aus Münster. Die Bewerbungsarbeiten der Symposions-Teilnehmer sind in der Galerie des Künstlerhauses ausgestellt.

Das Symposion, das die zeitgenössische Druckgrafik fördern will, gibt es nun schon über ein Vierteljahrhundert. Und das nennt die Kuratorin einen großen Erfolg, denn es gebe wenige dieser Art, die so lange, kontinuierlich und in dieser hohen Qualität durchgeführt würden, begründet sie.

Das Symposion wird gefördert vom Kulturraum Leipziger Raum, von der Sparkasse Leipzig, dem Kulturamt der Stadt Leipzig, der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, von Firmen und privaten Spendern sowie von der Gemeinde Krostitz.

Christoph Feist: Figuren in der Natur

Christoph Feist ist mit klaren Vorstellungen zum Symposion nach Hohenossig gereist. Weil es sehr lange zurückläge, als er sich mit der Tiefdrucktechnik  beschäftigt habe, will er das jetzt auffrischen. „In den letzten Jahren habe ich viel gezeichnet und mich der Fläche zugewandt“, erzählt der 43-Jährige. Beim Symposion widmet er sich  in seinen Arbeiten den Linien.

Christoph Feist beim Einwalzen einer Platte

Christoph Feist beim Einwalzen einer Platte.

Quelle: Wolfgang Sens

Zwischen seinem Wohnort Erfurt und Leipzig, wo er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) eine Professur für Zeichnen begleitet, pendelt er hin und her. Schon als Kind in der Schule habe er gern gemalt, sagt er. Doch zunächst erlernte er den Beruf eines Schriftsetzers. So wurde er mit Druckprozessen vertraut und entschied sich für ein Grafikdesignstudium an der HGB, das er 2003 als Meisterschüler abschloss.

Nach Hohenossig hat Feist eine Reihe Entwürfe mitgebracht, mit denen er beim Symposion Grafiken zaubert. Sein Thema sind Figuren in der Natur, wobei die Ideen ihm irgendwann im Alltag begegnen. „Seine Arbeiten zeigen Situationen, wobei der Künstler an der Figur dranbleibt“, wie es Kuratorin Christine Dorothea Hölzig beschreibt. „Er lädt ein, sich in die Situation hineinzudenken.“

Andreas Christian Beck: Sammelsurien von Eindrücken

Andreas Christian Beck ist mit seinen 29 Jahren der jüngste im Kreise der  Symposions-Teilnehmer.  Sein Staatsexamen erwarb er an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, wo er 2007 bis 2014 studierte.  Zwei  ehemalige Mitstudenten hatten ihm empfohlen, sich für das Symposion zu bewerben, „weil  es hier absolut erfahrene Drucker gibt und besondere Technik zur Verfügung steht“, erzählt er.

Andreas Christian Beck liebt kleinformatige Arbeiten

Andreas Christian Beck liebt kleinformatige Arbeiten.

Quelle: Wolfgang Sens

Er arbeitet gern im Kleinformat. Die Druckplatte müsse in den Rucksack passen, weil er viel auf Reisen ist und dabei viel passiere. Zudem sei die Auseinandersetzung mit einer Grafik im kleinen Rahmen intensiver. In Hohenossig will er vor allem experimentieren und die vorhandene Technik nutzen. Er beschäftige  sich mit Arbeiten, die eher spielerisch wirken. „Es sind Sammelsurien von Eindrücken, die ich in einer neuen Szene zusammenfasse“, erklärt er. Dabei versucht er für Menschen und ihre Verhaltensweisen Symbole zu finden und lade somit den Betrachter ein, die Geschichte dahinter zu entdecken. Teils wirken seine Grafiken  skurril, so wie in einem  seiner Werke, in dem drei rote Schweinehintern ins Auge stechen. Und wenn sich Eichhörnchen mit Kühen paaren, ist das für ihn ein Ausdruck dessen, dass es in der Welt drunter und drüber geht.

Andreas Christian Beck ist freischaffend und als Student unterwegs. Nebenbei studiert er Politikwissenschaften und Philosophie/Ethik an der Universität Stuttgart.

Julia Gutkina: Abstrakte Schule des Sehens

Julia Gutkina arbeitet in ihren Bildern mit Abstraktionen. Diese findet sie jedoch bereits angelegt in der Landschaft. „Ich finde Motive interessant, wo die Natur sich selbst bereits abstrahiert hat“, beschreibt sie ihr Vorgehen. Dies können Spiegelungen im Wasser sein oder in der Architektur vorhandene Schatten, auch die von Bäumen. Im Kopf werden diese vorgefundenen Linien  weiter abstrahiert. Wenn der Betrachter die zugrunde liegende Landschaft im fertigen Bild gar nicht mehr erkenne, stört sie das nicht. „Ich lasse gern freien Raum zum Assoziieren. Deswegen vergebe ich auch selten Titel.“

Mehr Abstand durch Betrachtung im Spiegel

Mehr Abstand durch Betrachtung im Spiegel: Julia Gutkina

Quelle: Wolfgang Sens

Julia Gutkina wurde 1970 in Sankt Petersburg, damals noch Leningrad, geboren. Bereits dort ging sie auf ein Gymnasium, das an die Kunstakademie angeschlossen war. Mit 17 kam sie nach Deutschland, und in Karlsruhe studierte sie an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, wo sie auch Meisterschülerin war. Es folgten Arbeitsstipendien, Preise, das eigene Atelier in Mannheim, wo sie als freischaffende Malerin und Grafikerin lebt, die sie seit mittlerweile 20 Jahren ist. Daneben unterrichtet sie an der Freien Kunstakademie.

In Hohenossig arbeitet sie gerade an einer Zinkplatte. Diese hat sie mit Aquatinta verätzt. Bei dieser Technik werden bestimmte Flächen des Metalls jeweils unterschiedlich stark von einer Verätzung ausgenommen. Je nachdem, wie oft und wie tief Säure eindringen kann, entstehen so im fertigen Druckbild unterschiedliche Helligkeitsgrade und Schattierungen. Vor ihr an der Wand hängt auf mittlerem Format ein Probedruck. Er zeigt einen Ostseestrand mit Buhnen. Die aus dem Wasser ragenden Pfähle sind auf ihre quadratische Form reduziert. Daneben bestimmen die Linien der Wellen das Bild.

„In Hohenossig habe ich  mich direkt in die Arbeit gestürzt, mit Motiven, die ich  im Kopf hatte.  Eigentlich sei sie Malerin. Sie arbeite sonst vor allem mit Öl auf Leinwand. Was sie, verglichen mit ihren Kollegen, merke: Statt mit Linien arbeite sie bevorzugt mit Pinselstrichen auf dem Metall. In Mannheim hat sie sich vorbereitet, um die technischen Möglichkeiten, die das Künstlerhaus bietet,  nutzen zu können. Sie schätzt die hilfsbereite Atmosphäre im Haus, die es leicht macht, Neues und Ungewohntes auszuprobieren. Hinzu kommt das Experimentieren, das Abschauen bei und die Diskussion mit den Kollegen.

Kazuki Nakahara: Filigraner Flächenzauber

Kazuki Nakahara sitzt über einer Radierung. Mit einer harten Nadel ritzt er in eine weichere Kupferplatte. Vor sich hat er eine feinmaschige Struktur, die an ein Ornament erinnert. So eng und fein, wie sie verzahnt ist, ähnelt sie auch ein bisschen einem Gebiss, sagt er. „Ich zeichne sehr feine Linien, die später  gedruckt werden.“

Kazuki Nakahara verfeinert seine Arbeit mit einer speziellen Tusche

Kazuki Nakahara verfeinert seine Arbeit mit einer speziellen Tusche.

Quelle: Wolfgang Sens

Von 2005 bis 2011 studierte Kazuki Nakahara an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Malerei und Grafik. Radierungen gehörten auch dort zum Handwerk. Nach seinem Masterabschluss fehlten ihm jedoch die Möglichkeiten, um sich weiter intensiv dem Tiefdruck zu widmen. Neu ist für ihn ein Verfahren, bei der die Druckerplatte zusätzlich mit einer speziellen Tusche behandelt wird. Mit ihr lassen sich neben den feinen Einkerbungen, die die Kaltnadel erzeugt, auch Pinselstriche abbilden. „Diese Technik habe ich hier von Reinhard Rössler gelernt und möchte sie mit meinen feinen Zeichnungen kombinieren.“, beschreibt Kazuki Nakahara, was er gerade macht. Die Ausstattung der Werkstatt in Hohenossig ermögliche es ihm, konzentriert zu arbeiten. Dabei hilft auch, dass ihm viele Vor- und Nachbereitungen abgenommen werden. Auch deshalb habe er sich hier beworben.

Seit 2005 lebt und arbeitet der 36-Jährige, der in Tokyo aufgewachsen ist, in Deutschland. Sein Weg in die Kunst führte zunächst über die Schriftkunst.

Kai Spade: Geschichten mit offenem Ende

Kai Spade hat sich einen Zeitplan gesetzt. Der Leipziger möchte in Hohenossig mindestens drei Drucke fertigstellen. Die Kulissen, die er dabei gewählt hat, sind ein verwahrlostes Amphitheater, das eigene Wohnzimmer und ein altes Bauernhaus. „Ich arbeite mit großen Platten, deshalb musste ich im Sinne etwa der Motivauswahl vorarbeiten“, erklärt er. Zwei Drucke sind bereits fertig. Er will Techniken wie Aquatinta oder Mezzotinto „von der Pike“ auf lernen, ausprobieren oder vertiefen, denn sie wurden im Studium an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig nur angerissen.

Kai Spade arbeitet auf relativ großen Platten und probiert Tiefdrucktechniken aus

Kai Spade arbeitet auf relativ großen Platten und probiert Tiefdrucktechniken aus.

Quelle: Wolfgang Sens

Spade wurde 1980 im Harz geboren. 2008, mit der Geburt seiner Tochter, kam er nach Leipzig, wo er seit 2014  selbstständig arbeitet. Eigentlich komme er aus der Skulptur und Zeichnung. „Bis ins Bunte, Chaotische hinein.“ Erst in den letzten Jahren sei er mehr zur Drucktechnik übergegangen, erzählt er. Auf manche Ideen haben ihn erst die anderen Teilnehmer gebracht. Etwa wie Julia Gutkina großflächiger, dafür aber tiefer geätzt zu arbeiten. Oder mit einem Druck gleich mehrere Farben zu realisieren oder verschwimmend ätzen zu können, was ans Malen erinnere.

Kai Spade interessieren die Geschichten im Bild. Mit dem Hauptaugenmerk, dass sich diese nicht klar auflösen. Fragen sollen angestoßen werden je nachdem, wer gerade der Betrachter ist. So sagt er  über die beiden Zwillingsmädchen im bereits fertigen Druck: „Wo schauen sie hin? Was passiert da? Warum beobachtet die eine die andere?“

Von Thomas Steingen und Manuel Niemann

Hohenossig 51.4434037 12.4209002
Hohenossig
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