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LVZ-Redakteurin als Schulsekretärin: Vorübergehend Dauerstress

LVZ-Redakteurin als Schulsekretärin: Vorübergehend Dauerstress

LVZ-Reporterin Christine Jacob ist zwischen Januar 2012 und März 2013 nicht schlauer geworden. In ganzen 15 anderen Jobs fernab des Journalismus wie Müllfahrer, Polizist, Bibliothekar oder auch Kulturamtsleiter hat sich die 29-Jährige schon ausprobiert.

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Telefonieren, notieren, Computer an, Kaffee auf dem Tisch, Termine checken - das geht ja noch ganz gut, ist dem Journalistenjob nicht gänzlich unverwandt.

Quelle: Silke Frenzel

Delitzsch. Und sie hat im Reigen der Selbstversuche noch immer keinen anderen Job gefunden, der ihr so gut gefällt, dass sie die Sache mit dem Schreiben sein lässt. Also geht die Suche nach der langen Sommerpause weiter.

Vorübergehend. Vorübergehend mal hier. Vorübergehend mal dort. Vorübergehend zu. Vorübergehend unmöglich. Vorübergehend so. Vorübergehend anders. Vorübergehend ist ein sehr wichtiges Wort an der Grundschule am Rosenweg. An dieser Schule wird während des laufenden Betriebs bekanntlich gerade gebaut. Und zwar richtig. Es kommt ein Fahrstuhl an die Außenwand. Aber das war es dann noch nicht. Das gesamte Schulhaus wird so umfangreich saniert, dass gut die Hälfte der mehr als 300 Schüler in einem Interimsgebäude in der Schulstraße lernt. Per Busshuttle geht es täglich quer durch die Stadt. Die Lehrer pendeln zwischen A und B. Ein paar Klassen lernen schon in den fertig sanierten Gebäudeteilen - unter anderem die Erstklässler, denen die Sache mit der Pendelei erspart bleiben soll. Kurzum: Vorübergehend herrscht Chaos. Ich hatte es geahnt, ich wurde gewarnt - ich bin beeindruckt.

Beeindruckt von der Kraft, mit der das gestemmt wird. Denn vor allem zwei Frauen halten hier die Stellung und beherrschen das Chaos scheinbar mühelos. Es sind Macher. Schulleiterin Sylke Brendel und Silke Frenzel als Sekretärin. Wobei Silke Frenzel erst recht beweist, dass sie gut in kaltem Wasser schwimmen kann - denn sie ist "nur" Elternzeitvertretung, hat sich aber schnell in alles eingefuchst und den Durchblick. Ich nicht. Kurz vor sieben komme ich an diesem Montag in die Schule geschlurft. Die Bauarbeiter sind schon da, die ersten Hammerschläge zu hören - schließlich darf lautstark nur in Pausenzeiten gearbeitet werden. Im Keller sitzen die Kinder, die beim Projekt Brotzeit mit einem kostenlosen Frühstück versorgt werden. Ich könnte jetzt höchstens einen Kaffee gebrauchen. Vorübergehend sind Sekretariat, Schulleitung und Lehrerzimmer in einem Raum untergebracht. "Alles kurze Wege, das ist doch praktisch", schmunzeln Silke und Sylke. Die Wege zwischen brummelndem Kopierer, murmelnden Lehrern, dauerklingelnden Telefonen und - Gott sei Dank - blubbernder Kaffeemaschine sind vorübergehend wirklich sehr, sehr kurz.

Schulbeginn am Rosenweg ist 7.30 Uhr, im Interim eine halbe Stunde später. "Aber man ist automatisch schon lange vor sieben da, sonst schafft man es nicht", sagt Silke Frenzel. Da wären die Eltern, die morgens anrufen, um ihre Kinder krank zu melden. Und da wären die Busbegleiter, die sich krank melden. Dann muss Silke Frenzel den ganzen Plan umstellen. Schließlich können die Grundschüler nicht einfach mutterseelenallein durch die Stadt gondeln. Bewaffnet mit dem Bleistift macht Silke Frenzel Striche auf dem Busplan und murmelt mehr zu sich selbst "Wenn der die 2 a begleitet - dann kann die Frau hm-hm-hm nach der dritten Stunde da mitfahren - wäre dann um 11.50 Uhr wieder hier - nee, da muss sie rennen - aber wenn", um dann schlicht "passt" zu verkünden. Also ich habe jetzt nicht so richtig verstanden, was sie da gemacht hat. Das kann aber auch daran liegen, dass ich in diesen vielleicht zweieinhalb Minuten auch schon wieder telefoniert habe. Die Lehrer drüben in der Schulstraße müssen ja auch über die Krankmeldungen der Kinder informiert werden. Überhaupt klingelt hier permanent das Telefon. Ständig. Telefonieren kann ich. Krankmeldungen kann ich auch notieren. Ich kann einer jungen Mutter auch sagen, dass sie zur Schulanmeldung eine Geburtsurkunde des Kindes braucht - das habe ich mal in der Zeitung gelesen. Ansonsten bin ich für die meisten Anrufer die nette Stimme, die nur noch sagt, dass sie die Nummer notiert hat und dann jemand zurückruft, der wirklich Ahnung hat.

Silke Frenzel ist nämlich inzwischen mit Sylke Brendel verschwunden und koordiniert vor dem Schulhaus die Sache mit dem Busshuttle - ich soll die Stellung halten. Tja. Dumm für mich ist, dass heute auch noch der erste Tag ist, an dem künftige Abc-Schützen für die erste Klasse gemeldet werden können. Eigentlich geht es um acht los. Die ersten Eltern sind schon eine halbe Stunde früher da. Hilft nur eins: vorübergehend ein wissendes Lächeln aufsetzen. Silke Frenzel hat - vermutlich irgendwann im Morgengrauen - schon einen Tisch vorbereitet, auf dem sämtliche Unterlagen bereit liegen. Also kann ich mich darauf beschränken die Anmeldebögen und Kugelschreiber an die Eltern zu reichen. Als das Dreamteam Silke/Sylke wieder auftaucht, werde ich vorübergehend Meister im Kopieren. Ich kopiere immer und immer wieder Geburtsurkunden. Eigentlich soll die Schulanmeldung ja die ganze Woche gehen. Für mich aber fühlt es sich so an, als seien jetzt sämtliche Zahnlückenträger ganz Nordsachsens am Rosenweg einzuschulen. In Wirklichkeit waren es vielleicht 20 in der Zeit meiner knapp zweieinhalbstündigen Sekretariatserfahrung an der Grundschule am Rosenweg.

Nebenbei bearbeiten wir weitere Anliegen. Die Suche nach Akten gestaltet sich da vorübergehend schwierig. "Wir leben aus Umzugskartons, wir sind hier so oft von einem Raum zum anderen gezogen, dass wir schon Profis sind", sagt mir Silke Frenzel. Die wichtigsten Dokumente sind in den paar Schränken verstaut, die im Vorübergehend-Sekretariatslehrerzimmer stehen. Aber vieles ist auch in Kisten verstaut. Patronen für den Drucker zum Beispiel. So ist irgendwie jeder Tag auch ein bisschen Ostern. Ihre Pinnwand - quasi das Epizentrum der Organisation - hat Silke Frenzel vorübergehend unter dem Fenster stehen. So organisiert sie den Schulalltag auch mal auf Knien. Und der Alltag ist nicht planbar. Da sitzen gerade drei Mütter, um ihre Kinder für die Schule anzumelden - jede hätte da noch eine Frage, die ich nicht beantworten kann. Ich kann aber dem kleinen Jungen einen Lutscher zustecken. Aber da klingelt schon wieder das Telefon bei Schulleiterin Sylke Brendel, die heute noch eine Bauberatung zu absolvieren hat. Da will eine Lehrerin was wissen. Der Kopierer braucht neues Papier - wo ist das Papier, vorübergehend? Das Telefon im Sekretariat schrillt. Baulärm! Telefon! Lärm! Telefon! Frage! Telefon! Und es kommt ein Junge herein, der sucht nach einem Ball für die Hofpause. In welcher Kiste könnte der sein? Vorübergehend stehle ich mich einfach davon. Vorübergehend feige, aber ich mag nicht mehr.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 12.10.2013

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