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LVZ-Redakteurin hat Stress zwischen Aktendeckeln

Mein Tag als ... LVZ-Redakteurin hat Stress zwischen Aktendeckeln

Was genau ist eigentlich in all den anderen Berufen dieser Welt zu tun? Wie ist das Leben in einem anderen Job? Diese – und noch ganz andere – Fragen stellt sich Reporterin Christine Jacob (33) regelmäßig, als Eintagespraktikantin geht sie den Dingen dann auf den Grund. Diesmal hat es sie in die Kfz-Zulassungsbehörde verschlagen.

Mit einem Spezial-Spatel, der nicht wirklich funktioniert, kann der Mitarbeiter versuchen, ein Kennzeichen zu entwerten.

Quelle: Alexander Prautzsch

Delitzsch:. Eigentlich ist doch alles ganz entspannt. Halb neun am Morgen ist Dienstbeginn für mich. Die ersten Wartenden sind schon da, immer wieder kommen neue Leute dazu – Papiere und Autokennzeichen unter den Arm geklemmt. Ich arbeite heute in der Zulassungsstelle – korrekt nennt man das „Kfz-Zulassnungsbehörde“ - des Landkreises am Standort Delitzsch. Und damit bin ich eine von wenigen – gerade einmal 18 Mitarbeiter insgesamt hat die Behörde, Delitzsch und die Außenstellen Oschatz und Torgau zusammen gezählt. Dem gegenüber steht ein Fahrzeugbestand von 165 000 im Landkreis. „Zwei Mitarbeiter sind zudem nur im Außendienst unterwegs“, erzählt mir Sachgebietsleiterin Ellen Hartmann. Es bleibt also ziemlich wenig Personal für jede Menge Arbeit, während der Wartesaal immer voller wird ... Dass sich meine heutigen Kollegen häufig Anranzer wie „Sesselfurzer“ gefallen lassen müssen, kann ich nun schon nicht mehr nachvollziehen. Ellen Hartmann hat trotzdem Verständnis: „Wir hatten Wartezeiten von bis zu zwei Stunden“, erzählt sie, als sie mich durch den Flur hin zu einem Terminal mit Nummern führt. Dort werden die Nummern gelistet, die jetzt als nächstes zu einem Mitarbeiter können. Wer lange warten muss, meint sie, der wird vielleicht auch mal ungehalten und sagt dann Sachen, die er nicht so meint.

Online ist vieles besser

Die Warterei hat zwar kein Ende, aber sie ist deutlich besser geworden: Seit 1. Juni gibt es nämlich neue Öffnungszeiten in der Zulassungsstelle. Dienstags ab 16 Uhr und donnerstags ab 13 Uhr ist die Zulassung eines Fahrzeugs oder eine Änderung der Fahrzeugpapiere nur noch nach vorheriger Terminbuchung möglich, mittwochs zwischen 13 und 14.15 Uhr ebenfalls. Das klingt erstmal nach weniger Öffnungszeiten, ist aber vor allem gut gemacht. Statt auf Verdacht in die Richard-Wagner-Straße zu marschieren, eine Wartenummer zu ziehen und dann Minuten und Stunden ins Land ziehen zu lassen, kann ich mir jetzt auch einfach unter www.landkreis-nordsachsen.de einen Termin buchen. Im Abstand von 15 Minuten können die Dates mit den Mitarbeitern reserviert werden – und meist genauso flott kommt der Kunde dann auch dran.

Die Mitarbeiter arbeiten meist wie im Akkord. „Vor allem im Frühjahr ist hier Hochbetrieb“, verrät Verwaltungsfachangestellter Christian Noack. Dann kommen all die Landwirte, um ihre Maschinen anzumelden und die Motorradfahrer steigen auch wieder voll ein. Und zum Quartalsende ist ebenfalls mit verstärktem Verkehr in der Zulassungsstelle zu rechnen, wenn vor allem die Autohäuser mit den Tageszulassungen kommen.

Alles entspannt geregelt

Der große Vorteil der Arbeit: Es gibt nichts, was nicht geregelt ist. Hier arbeitet man streng nach Gesetz und ob nun Kennzeichengröße oder was drauf stehen beziehungsweise nicht drauf stehen darf, für alles gibt es eine Richtlinie. Christian Noack zählt mir ohne Mühe eine lange Liste von Gesetzen auf, in denen die Mitarbeiter hier absolut sattelfest sein müssen. „Wir müssen sofort entscheiden, wir können nicht erst in Gesetzestexten blättern“, betont mein Eintages-Kollege. Haftpflichtgesetz, Steuergesetze und Co. regeln den Verkehr auf unseren Straßen weit mehr als gedacht. Und das bringt der Zulassungsstelle weit mehr Arbeit als „nur“ das Schreiben von Fahrzeugpapieren. Ein Beispiel: Wer die Versicherung für sein Auto nicht bezahlt, der bekommt ziemlich fix Post von Christian Noack und seinen Kollegen. Geht derjenige wieder nicht darauf ein, lernt er dann die Mitarbeiter im Außendienst kennen, die das Kennzeichen entwerten und das Auto stilllegen. „Wir alle haben jeden Tag Leute wegen fehlendem Versicherungsschutz anzuschreiben“, sagt Christian Noack. Daher beginnt der Dienst in der Zulassungsstelle regulär auch schon um halb acht. 20 bis 50 Stilllegungsbescheide verschicken die Mitarbeiter manchmal täglich, jeden Tag werden Halter wegen fehlendem Versicherungsschutz angeschrieben. Dazu kommen Amtshilfen. Diese Arbeit läuft vor und hinter den Kulissen, vor und nach der Öffnungszeit und immer in den Pausen, falls mal grad keiner kommt. Manche Leute sind so hartnäckig unkooperativ, dass Fahrzeuge sogar zur Fahndung bei der Polizei ausgeschrieben werden müssen. Eine ganze Akte liegt in der Zulassungsstelle, die darin vermerkten Autos sind zur Fahndung ausgeschrieben, es gleicht der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Na und, was kümmert mich das?, könnte man nun fragen. Christian Noack zieht den Zahn gleich. „Nur mal angenommen Sie werden in einen Unfall mit so einem nicht versicherten Auto verwickelt, dann stehen Sie ziemlich dumm da!“

Dumm dasitzend fühle ich mich schon jetzt. Bekanntlich arbeite ich ja täglich mit der Tastatur, hier stelle ich mich plötzlich wie der erste Mensch im Volkshochschulkurs „Zehnfingertippen“ an. Ständig muss man zwischen Edv-Masken wechseln, hier und dort dieses und jenes Kürzel verwenden, Datenabgleiche beim Kraftfahrtbundesamt machen, das eine Papier so rum drucken und das andere andersrum scannen. Und ich bin zu langsam dafür, dass die Bürotür im Minutentakt geöffnet wird – es ist Quartalsende, ich hätte mir einen anderen Tag fürs Praktikum suchen sollen ... Ob nun die sechs Damen und der eine Herr im Großraum- oder Christian Noack und seine Kollegin in ihren Einzelzimmern, ständig werden hier Autos zugelassen, ab- oder umgemeldet. Ich kann nicht glauben, dass in Nordsachsen nicht mal 200 000 Fahrzeuge rollen sollen, es müssen Millionen sein ...

Ich bekomme wieder einen Fall auf den Tisch. In den Fahrzeugpapieren muss die neue Adresse der Frau eingetragen werden. Über den Aufruf des Kennzeichens im Programm komme ich an die Akte. Alles liegt inzwischen elektronisch vor. Als mein 38-jähriger Kollege vor fast 20 Jahren in der Zulassungsstelle zu arbeiten anfing, wurde noch mit Schreibmaschine gearbeitet und die Akten mussten in Schränken gesucht werden. So oder so: Ich muss die neue Anschrift in die elektronische Akte eintragen, die Daten müssen zum Kraftfahrtbundesamt, die Kosten müssen dokumentiert und am Kassenautomat vom Kunden gezahlt werden, die elektronische Akte muss ich gefüttert mit den neuen Daten wieder im elektronischen Archiv ablegen und dafür Scans wie die des Zahlungsbelegs anheften. Und die neue Adresse muss natürlich auch auf die echten Fahrzeugpapiere, die man später in Händen halten kann. Als ich noch denke „Glück gehabt, keine Tippfehler gemacht“, schmeiße ich mit der anderen Hand fast das Steuergeld zum Fenster raus. Fast nämlich hätte ich die Zulassungsbescheinigung falsch herum in den Drucker eingelegt – ups, das wären jetzt ruinierte 0,60 Euro gewesen, ein Fahrzeugbrief-Vordruck kostet sogar 3,60 Euro. Minuten um Minuten vergehen, ich stolpere von einer Edv-Maske zur nächsten und nach zehn Minuten habe ich die Frau auch in ihren Fahrzeugpapieren umgemeldet.

Zeit für ein bisschen Stolz bleibt nicht. Schon kommt die nächste, die Mitarbeiterin eines Autohauses will ein neues Auto für eine Kundin zulassen und die alten Kennzeichen sollen ans neue Auto dran. Also wieder: Kennzeichen aufrufen, Daten wie Anschrift und Fahrzeugtyp ausfüllen, Quittung drucken, Scan anfertigen und Archiv füllen, Fahrzeugpapiere drucken. Wieder zehn Minuten. Christian Noack braucht dafür zwei, drei Minuten. Ich verursache also gerade einen kleinen Behördenstau …

Noch dazu muss ich die alten Kennzeichen mit einer neuen Plakette für die Hauptuntersuchung versehen und die alte also erstmal runter bekommen. Dafür gibt es Spezialwerkzeug, eine Art Spatel aus gebogenem Metall. „Wir sollen neue bekommen, das funktioniert nicht wirklich“, tröstet mich Christian Noack als ich verzweifelt an dem Aufkleber fummle. Mit dem Spatel, der weit mehr an einen einfachen Schlitzschraubenzieher erinnert, geht es deutlich besser. Es macht Klopfklopf an der Tür, die nächste Zulassung muss über meinen Tisch. Als ob ich es nicht schon immer besser gewusst hätte, wird mir wieder bewusst, dass auch ein Bürojob einen ins Schwitzen bringen kann wie eine Baustelle.

Multitasking hinterm Schreibtisch

Und dann klingelt auch noch ständig das Telefon. Christian Noack mutiert in solchen Momenten zu einem Mann mit den Multitaskingfähigkeiten, die sonst nur Frauen zugeschrieben werden – er schreibt Akten, fuddelt Plaketten von Kennzeichen, druckt Fahrzeugscheine, scannt und beantwortet geduldig die Fragen des Anrufers. Anders geht es nicht, weiß er nach all den Jahren: „Wenn ich entspannt bin, ist der Bürger auch entspannt“, sagt er. Und dann bringen einen Anwürfe wie „Sesselfurzer“ auch nicht aus der Ruhe. Und die gibt es doch immer mal, berichten die Mitarbeiter. Sie müssen sofort entscheiden über die Fälle auf dem Tisch. Es kommt vor, da möchte jemand sein Auto zulassen, hat aber die Versicherungsbestätigung nicht bei sich und für den nächsten Tag schon die Urlaubsfahrt geplant. Wenn Christian Noack und seine Kollegen dann einen Strich durch die Rechnung machen, handeln sie sich postwendend den Groll ein. „Da muss man drüber stehen, wir arbeiten hier nun einmal nur nach Gesetz“, betont der Verwaltungsfachangestellte.

Ich ächze, da ist die Mittagspause noch nicht erreicht. Christian Noack hat Verständnis und lässt mich durchatmen, während ich eine kleine Stichprobe durchführe – ich rufe mein eigenes Fahrzeug auf. Und stelle fest: alle Angaben stimmen, alle Versicherungswechsel sind vermerkt, die Zulassungsstelle arbeitet wirklich einwandfrei. Ich widerstehe der Versuchung mir eine Tüv-Plakette bis 2020 von der Rolle zu ziehen oder einem x-beliebigen Kollegen mal aus Jux Behördenpost zukommen zu lassen. Und dann ziehe ich meinen Joker und gehe wieder in die Redaktion. Da klingelt zwar auch ständig das Telefon und immer mal kommt ein Bürger und schimpft, aber wenigstens kann ich dort mit dem Computer umgehen und das sogar noch flott. „Tja, nachmittags wäre es ruhiger gewesen“, schmunzelt Ellen Hartmann über meine Aufgabe. Klar, nachmittags sind ja nur die vergebenen Termine dran. Dieser neue Service hat eben für alle Seiten was Gutes.

 

Von Christine Jacob

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Bundesland: Sachsen

Landkreis: Nordsachsen

Fläche: 85,92 km²

Einwohner: 24.850 Einwohner (Dezember 2015)

Bevölkerungsdichte: 289 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04509

Ortsvorwahlen: 034202

Stadtverwaltung: Markt 3, 04509 Delitzsch

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