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Delitzsch Mehr als ein Hobby: Delitzscherin Jana ist Poledancerin
Region Delitzsch Mehr als ein Hobby: Delitzscherin Jana ist Poledancerin
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14:15 02.08.2017
Jana Sobotta braucht jeden einzelnen Muskel und viel Kontrolle überihren Körper, um die scheinbar schwere- und mühelosen Posen an der Stange hinzubekommen. Quelle: Wolfgang Sens
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Delitzsch/Leipzig

Kleine Schweißperlen haben sich auf der Stirn gebildet. Haut und Metall quietschen manchmal leicht im Kontakt miteinander, wenn Jana Sobotta die Stange hinabgleitet. Gerade hält sie sich kopfüber. Erst berühren ihre langen blonden Haare die Matte auf dem Boden, sie zieht den Nacken sanft ein, lässt Kopf und dann den Körper folgen. Die Delitzscherin lächelt, trotz der Anstrengung. Hier im Studio in der Plaußiger Straße in Leipzig ist die Delitzscherin in ihrem Element.

Frauen von 16 bis knapp 50 Jahre trainieren im Poledance-Studio. Quelle: Wolfgang Sens

Und auf Arbeit. Es ist das Studio von Josefine Köhler. „Poledance Leipzig“ hat die 25-Jährige ihr Baby getauft. Seit sechs Jahren ist die zierliche Leipzigerin begeisterte Poledancerin, seit zwei Jahren gibt sie ihr Wissen im eigenen Studio ausschließlich an Frauen weiter. Von 16 bis knapp 50 Jahre reicht aktuell die Altersspanne der Klientinnen. Sie alle machen Poledance nur für sich, nicht für jemand anderen.

Poledance ist ein Sport, die Arbeit an der Stange hat nichts mit Ausziehen zu tun. Wer diesen Sport machen will, braucht aber jede Menge mehr Rüstzeug als es eine einfache Joggingrunde verlangen würde. Kraft, Flexibilität, Ausdauer, Körperspannung, Balance, Koordination und jeder einzelne Muskel im Körper muss trainiert werden, damit an der Stange die Schwerkraft – zumindest scheinbar – besiegt werden kann. Zusammen mit Jana Sobotta (31) und Lehramtsstudentin Carmen Reinhardt (25) trainiert Josefine Köhler an sechs Tagen pro Woche Schülerinnen im Tanz an der Stange. Die Nachfrage ist groß, immer mehr wollen mit diesem Hobby fit werden.

Carmen Reinhardt zeigt den Superman. Quelle: Wolfgang Sens

Als Schüler haben auch Carmen und Jana angefangen. Sie alle haben eine sportliche Vergangenheit, haben so wie Josi Handball gespielt oder so wie Jana ihre Lektionen in Akrobatik gehabt. Aus dem Hobby Poledance wurde eine Berufung. „Ich kann mich hier verwirklichen“, sagt Jana Sobotta über ihren Job. Früher war die zweifache frisch verheiratete Mutter genau wie Josi Bürokauffrau. Die Arbeit mit Menschen hier im Studio liegt ihr mehr. Wenn sie abends zu Ehemann und Kindern in Delitzsch heimkehrt, ist sie ausgepowert von ihrem Arbeitstag mit einem durch und durch fordernden Sport – und nicht ausgebrannt vom typischen Gewusel deutscher Büros. „Ich arbeite gerne mit Menschen und gebe mein Wissen weiter“, schwärmt Jana.

Eiserner Wille nötig

Ruhig und gelassen erklärt die 31-Jährige ihren Schülerinnen die Übungen, sie ist wie immer die Geduld in Person. Zunächst stehen Erwärmung, Kräftigung und Stretching der Muskulatur an. Die muss schließlich gut gedehnt sein, um später die Beine an der Stange in den Spagat zu lüften oder die Arme wie Superman zu strecken. „Man braucht einen eisernen Willen“, rät Jana ihren Schülerinnen. Wer hart trainiert, der kann dann so wie sie der Schwerkraft trotzen, zumindest sieht es danach aus. Und eine gute Portion Humor schadet garantiert nicht, meint die Delitzscherin, wenn man Poledance macht. Am Anfang gleitet keiner so elegant wie Josi, Carmen oder Jana um die Stange, diverse nicht sonderlich anmutige Plumpser auf die zum Prallschutz ausgelegten Matten sind nicht ausgeschlossen.

Die Trainerinnen müssen gut gedehnt sein, um später die Beine an der Stange in den Spagat zu liften. Quelle: Wolfgang Sens

„Wir geben immer Hilfestellung, keine wird an der Stange allein gelassen“, betont Jana. Das nicht alles einwandfrei klappt, kann auch mal Profis passieren: „Es gibt gute und schlechte Tage“, sagt Jana. Und eines ist immer garantiert: „Wohlweh“ und „pole kisses“. Die Frauen, die hier trainieren, wollen mehr und mehr in ihrem Sport erreichen. Wer irgendwann den Spagat mit geraden Beinen beherrscht, der will einen Überspagat mit überstumpfen Winkel können.

Aufwärmen ist wichtig für den Sport. Quelle: Wolfgang Sens

Wer in der Grätsche seine Arme locker zwischen die Beine legen kann, der will den ganzen Oberkörper auf den Boden ablegen können. Wer die Muskeln wieder und wieder dehnt, schafft das auch – sanfte Dehnungsschmerzen der arbeitenden Muskeln eingeschlossen. „Pole kisses“ wiederum stehen für die blauen Flecken, die sich unweigerlich im fortwährenden Arbeiten mit der Metallstange bilden. Das gehört dazu, alles kein Problem.

Kein Sport wie jeder andere

Kein Sport sei vergleichbar mit diesem, betont Jana. Wie so viele haben die drei Trainerinnen etliche Sportarten vorher ausprobiert, sie waren joggen und Rad fahren, haben Gewichte gestemmt. „Da habe ich aber nur meinen inneren Schweinehund besiegt und Sport gemacht nach dem Motto ,Ich habe Sport gemacht, Haken dran’“, erzählt Josi, „Poledance dagegen ist Erfüllung und etwas, bei dem man aufblüht.“ So sieht es auch die Delitzscherin Jana: „Poledance ist Training für Körper und Geist, innerer Friede stellt sich ein“, erklärt sie. Das Gefühl kennen Turner, Akrobaten und Yogis: Wer es schafft, das eigene Körpergewicht nur mittels eigener Muskelkraft in scheinbar undenkbaren Posen für Sekunden und gar Minuten zu halten, der empfindet verknotet in sich selbst plötzlich nur noch Ruhe, der Geist schaltet vom Denken aufs Spüren, der Mensch versinkt in sich selbst und seinen ruhigen Atem.

Beim Poledance geht es um Körperspannung. Quelle: Wolfgang Sens

Mit der beim Poledance vermittelten Körperbeherrschung folgt die Kontrolle des Geistes, Kraftaufbau und Flexibilität der Muskeln führen fast automatisch auch zu geistiger Kraft und Flexibilität. Für jemanden, der vordergründig den Gewichtsverlust anstrebt, sei Poledance nicht geeignet, betont Jana. Darum soll es auch gar nicht gehen. Der Körper wird geformt, definierter und muskulöser, Kraft und Flexibilität werden gesteigert. Dünne Frauen haben erstmal nur den Vorteil, dass sie weniger Gewicht die Stange entlang stemmen müssen – die Kraft und Fitness, sich zu halten, bringen sie nicht auf. Trotzdem gibt es für die dünnen und nicht so definierten Damen dann leichtere Übungen, die zu einer flüssigen Choreographie zur Musik verbunden werden können. „Man braucht vor allem den Willen, dann schafft man es auch mit dem einen oder anderen Kilo mehr“, erklärt Josefine, „wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ Stolz erzählen die drei von Frauen, die sich weiterentwickelt haben – äußerlich und innerlich.

Koordinationsfrage: Alle drei Mädels an einer Stange. Quelle: Wolfgang Sens

Jana ruht dank Poledance in sich selbst. Jeden Tag im Studio stellt sich der innere Friede bei der 31-Jährigen ein. Gerne postet sie bei Facebook und Instagram Bilder von sich in Action, den Beinamen „Herkuline“ hat sie sich in den Netzwerken gegeben. Jana betont dort selbstbewusst Schlagworte wie „strong not skinny“ und „strong is sexy“ kontra Hunger- und Magerwahn und pro Gesundheit und Fitness. Die Resonanz auf die Posts der Delitzscherin unter ihrem Geburtsnamen Vorbach fällt immer positiv aus, Jana ist ein kleiner Influencer auch über die Loberstadt hinaus, ihrer hohen Präsenz allein im sozialen Netzwerk Facebook folgen knapp 2500 Menschen, bei Instagram sind es mehr als 200 000.

Bodenständig und gelassen

Die ganz private Jana unterscheidet sich nicht vom dort auf Tausenden Fotos gezeigten: Sie ist bodenständig, ruhig, gelassen und aufgeschlossen, ehrlich und aufrichtig freundlich zu ihren Mitmenschen, sie pflegt nicht ganz alltägliche Hobbys wie Klettern und Klippenspringen. Und eben Poledance. Zuhause hat sie übrigens keine Stange. Kommt Jana von der Arbeit heim, kocht sie leidenschaftlich gerne, pflegt ihre Passion für Tee, seine Geschichte und Vielfalt. Oder sie liest eines der Tausenden Bücher, die sich in all den Jahren als Bücherwurm angehäuft haben und genießt noch ein wenig Wohlweh bis zum nächsten Arbeitstag im Traumjob.

Von Christine Jacob

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