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Mit dem Wohn-Laster nach Albanien

Mit dem Wohn-Laster nach Albanien

Rollende Weltenbummler sind sie schon seit Jahrzehnten. Ob Griechenland, Türkei oder Litauen: Familie Meißner weiß, dass die schönsten Erfahrungen durchs Erfahren kommen.

Delitzsch. Im vergangenen Jahr reisten die Delitzscher mit ihrem selbstgebauten Wohn-Laster durch Bosnien, Montenegro und Albanien. Am Freitag erzählen sie davon bei einem Vortrag in der Stadtbibliothek. Wer das Gefährt von Jörg, Katja und Lena Meißner sieht, gerät in der Regel ins Staunen. Schon das Fahrzeug an sich ist ungewöhnlich für Delitzscher Verhältnisse: ein russischer Lkw des Herstellers Gaz, Allradantrieb, großer Dieselmotor. Doch noch bemerkenswerter ist der Kastenaufbau hinterm Führerhaus – ein rollendes Wohnzimmer der Marke Eigenbau. Bis auf die Tür hat Jörg Meißner alles selbst kreiert. Links neben dem Eingang die Küchenzeile, im Anschluss daran eine Nasszelle mit Duschbecken und Chemietoilette. Ein Tisch lässt sich aus dem Schrank herausklappen, faltbar ist auch das Bett über dem Sofa. In einer Ecke, sogar innenbeleuchtet, steht der Kühlschrank, der über Solarzellen auf dem Fahrzeugdach betrieben wird. Auch Gasflasche, Frischwassertank und Kraftstoffkanister dürfen nicht fehlen. Selbst an die „Waschmaschine“ wurde gedacht – der mit Wasser gefüllte Behälter auf dem Dach funktioniert durchs Rütteln und Schaukeln während der Fahrt. Nur das Nötigste darf mit, wenn es auf große Reisen geht – so lautet das Motto der Familie Meißner. Und das gilt auch fürs Platzangebot: Mehr als sechs Quadratmeter Wohnfläche gibt der fahrbare Kasten nicht her. Trotzdem sind Jörg und Katja Meißner zusammen mit ihrer zwölfjährigen Tochter Lena damit schon tausende Kilometer gefahren. Zuletzt in mehrere Staaten des ehemaligen Jugoslawien. Über Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Kroatien ging es im Juni und Juli 2009 nach Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Albanien, von dort aus nach Griechenland, mit der Fähre nach Italien und von dort zurück ins heimische Delitzsch. „Vor allem Albanien hat uns beeindruckt“, erzählt Katja Meißner. „Man erlebt dort ursprüngliche bizarre Landschaften. Und Menschen, die noch nicht wie andernorts vom Tourismus geprägt sind.“ Gastfreundschaft werde groß geschrieben. So wurde die Familie nicht nur immer wieder mal zum Essen eingeladen, sondern auch zu kleineren Ausflügen zu Sehenswürdigkeiten neben der Strecke. Der Routenplan, der Tagesetappen von durchschnittlich 80 Kilometern vorsah, er war schnell nur noch ein grober Richtwert. Vier Wochen tourten die Loberstädter durch den Südosten Europas. Und sie wären gar nicht so weit gekommen ohne ihren Aufsehen erregenden Wohn-Laster. „In Albanien waren bis 1990 keine privaten Autos gestattet, deshalb ist das Straßennetz sehr schlecht ausgebaut“, schildert Jörg Meißner. „Wir mussten weite Strecken durchs Gelände rollen, um voranzukommen.“ Der Familienvater saß am Lenkrad, seine Frau navigierte mit Kompass und Landkarten auf den Knien – russische Generalstabskarten aus der Zeit um 1940 mit genauen Topografie-Angaben, die Jörg Meißner im Internet erworben hat. Instinkt statt Kartenmaterial war hingegen an Grenzübergängen gefragt, wo manch korrupter Beamter Abzock-Versuche startete. Doch die Delitzscher manövrierten sich mit Russisch, Englisch und Gestikulationen durch alle Situationen – und zahlten unterm Strich dank funktionell-spartanischer Lebensweise nur ein paar hundert Euro für den gesamten Trip. Erzählen wollen sie davon am Freitag ab 18 Uhr bei einem Bildervortrag in der Delitzscher Stadtbibliothek. Die Chefin des Hauses, Regina Kittelmann, habe sie eingeladen. „Ihr war aufgefallen, dass ich immer wieder Reiseführer ausleihe, die andere Leute stehenlassen“, sagt Katja Meißner. „Auf diese Weise sind wir ins Gespräch gekommen.“ Tatsächlich seien die Reiseführer aus der Bücherei immer die erste Vorbereitung für ihre Abenteuerreisen durch Europa und Asien. „Ich lese nach, wo es sich lohnt hinzufahren, und mein Mann plant dann die konkrete Wegstrecke“, plaudert Katja Meißner. Sie sind eben ein eingespieltes Team, die 37-jährige Bankkauffrau und ihr 40-jähriger Partner, der als gelernter Schlosser, Lokführer und Vermessungstechniker das nötige Faible für Landkarten und Fahrzeugumbauten mitbringt. Seit 1990 gehen die beiden jährlich auf Reisen – erst mit Wohnwagen, später mit Dachzelt, nun mit Allradmobil. Auch Tochter Lena war bislang immer mit dabei. Sie kümmert sich ums Fotografien – viele der Bilder, die am Freitag gezeigt werden, sind von ihr. „Abenteuer Balkan“ ist der Vortrag überschrieben. Und wer glaubt, Land und Leute allein seien das Abenteuer, der hat noch nicht Jörg Meißners Berichte von haarsträubenden Autopannen gehört.

Kay Wuerker

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