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Delitzsch Modellprogramm bringt Flüchtlinge in Delitzsch auf den Job-Prüfstand
Region Delitzsch Modellprogramm bringt Flüchtlinge in Delitzsch auf den Job-Prüfstand
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08:00 03.04.2016
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Delitzsch

Die Bundesagentur für Arbeit geht in einem Modellprojekt neue Wege, um Flüchtlinge in Jobs zu vermitteln. In ausgewählten Kommunen finden Schulungen im kleiner Runde statt, verbunden mit Betriebspraktika. Auch Delitzsch gehört dazu – als derzeit einzige Stadt in Nordsachsen.

Der Seminarraum in der Altstadt liegt unauffällig zwischen Ladengeschäften. Keine Werbetafel, kein Eröffnungsspektakel. Nur der Name des Bildungsträgers auf dem Klingelschild verrät, dass in dem Objekt Unterricht stattfindet. Dabei ist das, worum es dort geht, bundesweit Gesprächsthema: Menschen, die im Lande ein neues Zuhause auf Zeit gefunden haben, sollen in Arbeit vermittelt werden. Der derzeit hohen Nachfrage an Auszubildenden und Fachkräften steht ein gewaltiges Personalpotenzial mit mehr oder minder großen Defiziten gegenüber. Diese beiden Komponenten zusammenzuführen, ist Gegenstand des Modellprojektes. Allerdings zunächst unter fast laborartigen Bedingungen. Deshalb die geringe Öffentlichkeit.

Zwölf Wochen Schulung und Praktikum

„Perspektiven für Flüchtlinge“ (PerF) heißt das Programm. Die Agentur für Arbeit Oschatz hat dafür in ihrem Einzugsgebiet zwei Standorte ausgewählt: Borna im Landkreis Leipzig und Delitzsch in Nordsachsen. „In Delitzsch haben wir das höchste Aufkommen an Asylbewerbern im Kreis“, erklärt Agentursprecher Volkmar Beier. „PerF dient dazu, ganz individuell deren Kompetenzen festzustellen, um zu wissen, worauf wir aufbauen können.“ Jeweils zwölf Wochen werden die Flüchtlinge geschult, nach ihren Fähigkeiten beurteilt und mit den Gepflogenheiten der deutschen Arbeitswelt vertraut gemacht.

Für Delitzsch und Borna gewann die in Bayern ansässige Transfer GmbH & Co. KG die Ausschreibung. Die auf Personalberatung, Weiterbildung und Integration spezialisierte Gesellschaft führt PerF vor Ort seit Oktober 2015 durch. „Jeweils zu Beginn der Maßnahme finden Einzelgespräche mit den Teilnehmern statt, um den Werdegang zu erkunden. Und es wird geprüft, welche Abschlüsse anerkannt werden können“, erklärt Sophia Leßmann, pädagogische Mitarbeiterin. Im Anschluss erhalten die Bewerber allgemeine Einblicke in die Funktionsweise des Arbeitsmarktes, bevor es konkret wird: eineinhalb Monate Betriebspraktikum stehen an. Den Flüchtlingen soll das Job-Erfahrungen bringen, der Arbeitsagentur weitere Erkenntnisse über Stärken und Schwächen ihrer Schützlinge. Sophia Leßmann ist in dieser Phase viel unterwegs, betreut nicht nur die Ausländer, sondern auch die Unternehmen. Für beide Seiten ist die Situation ziemlich ungewohnt – und das Gewinnen neuer Praktikumsbetriebe sei eine zunehmend Kraft zehrende Aufgabe, erzählt sie. „Aber es lohnt sich. Die Flüchtlinge, mit denen ich bisher zu tun hatte, waren im Wesentlichen fleißige und willige Leute.“

Gute Erfahrungen bei der Diakonie

Nur ein Bruchteil der Neuankömmlinge im Landkreis profitiert derzeit von PerF. Von der Arbeitsagentur ausgeschrieben wurden – für Delitzsch – zunächst drei vierteljährige Durchgänge mit je vier bis fünf Teilnehmern. Im Moment steht Runde zwei kurz vor dem Ende. Unter anderem hat die Diakonie zwei Praktikanten angenommen, einen 22-jährigen Pakistaner und einen 58 Jahre alten Libyer. Der Ältere, ein Maschinenbauingenieur, erledigt Hausmeister-Hilfsarbeiten im Altenpflegeheim, der Jüngere ist in der Tagespflege. „Er bringt sich ein, hat soziale Kompentenzen“, lobt Diakonie-Altenhilfechef Tobias Münscher-Paulig den Pakistaner. Eine Schulbildung hat er allerdings nicht. Der direkte Weg in eine Ausbildung zum Altenpfleger ist damit verwehrt.

Die Kompetenzprüfung für Flüchtlinge bringt die Realität auf den Punkt: Die Fertigkeiten sind sehr verschieden. Während zwei Teilnehmer aus dem ersten Delitzscher Durchgang, zwei gelernte Krankenpfleger, zum 1. April in ihren Praktikumsbetrieben regulär angestellt werden, brauchen andere noch so manche Brücke und Zwischenlösung. „Sprachkenntnisse und ein gewisses Bildungsniveau sind nun mal das Wichtigste“, sagt Volkmar Beier. Doch auch ohne diese Basis führe die Kompetenzfeststellung in Richtung Arbeitsplatz. Nur dass der Weg dann eben länger sei.

Mit leeren Händen geht keiner der Teilnehmer. Das Finale eines jeden Kurses bildet ein Bewerbungstraining, verbunden mit einer individuellen Bewerbungsmappe und neuem Selbstvertrauen. „Die Deutschkenntnisse werden in jedem Fall verbessert“, schildert Sophia Leßmann. Die Sprachvermittlung, möglichst berufsbezogen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Maßnahme.

Bis 17. Juli läuft die erste PerF-Periode in Delitzsch und anderen Kommunen. Doch Verlängerung ist schon in Sicht. „Am 9. Mai beginnt die nächste Phase“, kündigt Beier an. „Dann für etwa ein Jahr und mit größerer Teilnehmerzahl.“

Von Kay Würker

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