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Delitzsch Nach Essener Fall: Delitzscher Tafel hat andere Sorgen als Migranten
Region Delitzsch Nach Essener Fall: Delitzscher Tafel hat andere Sorgen als Migranten
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00:34 12.03.2018
Ob die Delitzscher Kunden der Tafel auch im nächsten Jahr noch eine Anlaufstelle haben, ist derzeit ungewiss. Quelle: Foto: Ditmar Wohlgemuth
Delitzsch

Die Mitglieder der Tafelvereine leisten eine aufopferungsvolle Arbeit, um Menschen, die in Armut geraten sind, mit Lebensmitteln zu unterstützen. Wie schwer es ist, die notwendigen Produkte aufzutreiben oder die Fixkosten für die Ausgabestellen und die erforderlichen Fahrzeuge abdecken zu können, bleibt oft unbeachtet und im Verborgenen. Der Essener Fall, wo der dortige Tafelchef auf seine Einrichtung mit der spektakulären Ankündigung, keine Flüchtlinge oder Migranten mehr zu bedienen, erregte sofort großes öffentliches Interesse, sorgte für einen Aufschrei, Empörung und Unverständnis.

Die Delitzscher Tafelchefin Jutta Faak sieht den ganzen Rummel um die Reaktion ihres Essener Kollegen einerseits skeptisch. Andererseits ist sie dankbar, dass das Thema Tafel damit in die Öffentlichkeit gerückt worden ist, denn ihrer Ansicht nach sei Armut und besonders die Altersarmut in unserem Land in der öffentlichen Wahrnehmung zu wenig präsent und es sei traurig, dass es sie in einem reichen Land wie Deutschland gibt.

Jutta Faak (links) und Mitarbeiterin Ramona Horber mit Lebensmitteln für Bedürftige (Archivbild). Quelle: Wolfgang Sens

Probleme wie in Essen kennt die Delitzscher Tafelchefin in diesem Ausmaß nicht. Dabei räumt sie durchaus ein, dass es auch in den zur ihrer Tafel gehörenden Lebensmittelausgabestellen in Delitzsch und Laußig schon Fälle gegeben hat, wo sich Flüchtlinge vorgedrängelt hätten. „Aber darauf haben wir sofort reagiert und mit den Leuten geredet, ihnen erklärt und gezeigt, wie sie sich anzustellen haben. In Laußig haben wir auch Unterstützung von Bürgermeister Dieter Schneider erhalten, der ebenfalls mit den Flüchtlingen gesprochen hat“, so die Tafelchefin. Er setze sich immer für die Tafel ein, habe ihr unter anderem in Laußig eine Unterkunft besorgt. Was den Umgang mit den Tafelkunden angehe, gelte der Grundsatz „Alle sind gleich“, da werde nicht unterschieden nach Nationalität, denn „Armut ist Armut“. Nur Familien mit Kindern genießen einen gewissen Vorteil, würden bevorzugt, wenn Lebensmittel mal knapp oder nicht für alle vorrätig sind. Wie Jutta Faak berichtet, bringen sich auch Flüchtlinge selbst ein. So hilft in Delitzsch ein alleinerziehender Syrier mit sechs Kindern ehrenamtlich bei der Lebensmittelausgabe. In Delitzsch kommen 20 bis 30 Migranten zur Tafel bei insgesamt 1850 bis 2000 Kunden im Monat. Damit sind Essen und Delitzsch nicht ansatzweise vergleichbar. Die Delitzscher Tafel hat aber andere, durchaus existenzbedrohende Probleme, denn die Immobilie, die die Delitzscher Tafel seit 2007 in der Leipziger Straße nutzt, steht zum Verkauf. „Deshalb haben wir, um die im Mietvertrag geregelte einjährige Kündigungsfrist einzuhalten, zum 31. Januar 2019 gekündigt. Wir brauchen also neue Räume mit einer Fläche von 300 bis 350 Quadratmeter mit Strom, Wasser und Kosten, die für die Tafel erschwinglich sind“, schildert die Tafelchefin ihr zurzeit größtes Problem. Der Verein stoße an seine Grenzen. Denn der symbolische Obolus, den die Tafelkunden für die erhaltenen Lebensmittel entrichten, reicht gerade, um die Fixkosten zu decken. Deshalb bittet die Tafel um Unterstützung seitens der Stadt Delitzsch und hofft, dass die Kommune bei der Suche nach Räumlichkeiten hilft.

„Finden wir keine neue, passende Unterkunft, gibt es die Tafel 2019 nicht mehr“, spricht Jutta Faak Klartext. Wünschenswert wäre für sie ein Domizil in zentraler Lage, das von den Tafelkunden zu Fuß erreichbar ist.

Eigentlich möchte die 75-Jährige altersbedingt die Verantwortung langsam in jüngere Hände legen. Doch mit dem offenen Raumproblem will Jutta Faak ihre potenzielle Nachfolgerin nicht allein lassen. Deshalb jetzt ihr Hilferuf an die Kommune.

Von Thomas Steingen

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