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Nach Messerattacke in Delitzsch: Algerier muss sich jetzt vor Gericht verantworten

Gefährliche Körperverletzung Nach Messerattacke in Delitzsch: Algerier muss sich jetzt vor Gericht verantworten

Es war der Tag des islamischen Opferfestes. Doch an jenem 4. Oktober 2014 endete die Festlichkeit beinahe tödlich. Ein Streit zwischen Asylbewerbern am Unteren Bahnhof in Delitzsch war eskaliert, ein Tunesier wurde niedergestochen. Seit Dienstag muss sich ein Algerier vor dem Landgericht Leipzig wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.

Der Angeklagte Said I. mit seinem Verteidiger Markus Czempik (rechts).

Quelle: André Kempner

Delitzsch/Leipzig. Es war der Tag des islamischen Opferfestes. Für Moslems auch in Delitzsch ein wichtiger Feiertag. Doch an jenem 4. Oktober 2014 endete die Festlichkeit beinahe tödlich. Ein Streit zwischen Asylbewerbern am Unteren Bahnhof war eskaliert, ein Tunesier wurde niedergestochen. Nur eine sofortige Operation rettete sein Leben. Ein Algerier, dringend tatverdächtig, muss sich seit Dienstag vor dem Landgericht Leipzig wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Ihm droht eine Verurteilung wegen versuchten Totschlags oder versuchten Mordes. An diesem Mittwoch wird der Prozess fortgesetzt.

Der abendliche Vorfall hatte damals für reichlich Aufregung am Bahnhof gesorgt. Der schwer verletzte Mann hatte noch versucht, in eine örtliche Bar zu gelangen, wurde aber abgehalten. Als der Rettungsdienst eintraf, saß er stark blutend auf dem Bahnhofsvorplatz. Im Bereich des Brustkorbes und der linken Achselhöhle klaffte eine tiefe Wunde. Wie vor Gericht geschildert wurde, hatte der Täter ihm gegen 22 Uhr direkt vor Ort ein Messer mit etwa zehn Zentimeter langer Klinge in den Leib gerammt. Nur knapp verfehlte das Metall Herz und Lunge, eine Schlagader wurde getroffen. „Der Geschädigte wird wegen Vernarbungen wohl dauerhaft Schmerzen haben. Einschränkungen der Atemfunktion sind möglich“, beschrieb die Staatsanwaltschaft den Gesundheitszustand des Opfers.

Der Auslöser dieser Gewalttat: offenbar eine Kleinigkeit. Eventuell ging es um einen Zoff bei einer Opferfest-Feier in Delitzsch-Nord. Als wahrscheinlicher zeichnete sich während der Verhandlung allerdings ein Konflikt ums Geld ab. Gestritten wurde vermutlich um zehn Euro aus einem Drogengeschäft. „Es geht doch immer um Drogen“, sagte ein Zeuge hinsichtlich seines Bekanntenkreises im Asylbewerberheim im Delitzscher Ortsteil Spröda. Marihuana-Konsum sei demnach ein alltägliches Phänomen, ebenso Gewalttätigkeiten und der großzügige Umgang mit Alkohol. Bier, Wodka, Marihuana – er konsumiere das, um zu vergessen, sagte der Angeklagte. „Ich weiß, es macht mich kaputt, aber ich bin gestresst. Weil ich hier nicht arbeiten darf.“

Der Alkohol spielte auch am 4. Oktober 2014 eine Hauptrolle. Sowohl der mutmaßliche, heute 24 Jahre alte Messerstecher als auch sein 34-jähriges Opfer waren stark betrunken. Ob und warum der Algerier zustach, darüber wollte er nicht sprechen. Er sitzt derzeit in Untersuchungshaft, wurde sechs Tage nach den Ereignissen in der Unterkunft in Spröda festgenommen. Ursprünglich hatte das Landgericht den Fall ans Amtsgericht verwiesen, weil es keinen Tötungsvorsatz erkannte und damit das zu erwartende Strafmaß geringer ist. Begründung: Der mutmaßliche Täter blieb nach dem Übergriff zugegen, bis der Rettungsdienst kam. Und er stach kein zweites Mal zu, obwohl er Gelegenheit hatte. Auch Notwehr steht im Raum. Die Staatsanwaltschaft ist dennoch von versuchtem Totschlag überzeugt – weil der Angriff unvermittelt und von hinten erfolgt sei. „Und der Angeklagte konnte einschätzen, wie gefährlich dieser Messerstich ist“, so die Anklagebehörde. Eine psychische Erkrankung wurde nicht attestiert. Die Staatsanwaltschaft holte das Verfahren deshalb per sofortiger Beschwerde ans Amtsgericht zurück. Es droht nun eine Freiheitsstrafe von mehr als vier Jahren.

Die weitere Aufklärung dessen, was sich am Unteren Bahnhof abspielte, dürfte sich allerdings schwierig gestalten. Eine erste Zeugenaussage ging mit Widersprüchen einher, ein Hauptzeuge erschien gar nicht. Und das Opfer? Ist nicht auffindbar, wird per Haftbefehl gesucht. Der Tunesier soll in anderer Sache eine Ersatzfreiheitsstrafe absitzen.

Von Kay Würker

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