Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -1 ° wolkig

Navigation:
Google+ Instagram YouTube
Neue Heimat Delitzsch – Ausstellung zeigt Schicksale nach Zwangsumsiedlung in der DDR

Lebendige Geschichte Neue Heimat Delitzsch – Ausstellung zeigt Schicksale nach Zwangsumsiedlung in der DDR

Fast ist es vergessen: 1952 kamen zahlreiche Bewohner des DDR-Grenzgebietes in die Loberstadt – gegen ihren Willen. In Delitzsch widmet sich die Sonderausstellung „Neue Heimat Delitzsch – Umsiedlung und Vertreibung“ auch diesem unrühmlichen Kapitel der Geschichte.

Museumsleiter Jürgen Geisler in der Ausstellung. Im Hintergrund ist ein typisches Zimmer zu sehen, wie Vertriebene in Delitzsch gewohnt haben.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Es ist eine fast vergessene Epoche, in die die Sonderausstellung „Neue Heimat Delitzsch – Umsiedlung und Vertreibung“ noch bis zum 5. November Einblick gibt. Die Schau, die am Mittwochabend im Delitzscher Barockschloss eröffnet wurde, macht bewusst, dass Flucht und Vertreibung nichts sind, was die Menschen erst bewegt, seitdem Geflüchtete über den Balkan versuchen, nach Deutschland zu gelangen. Die Ausstellung setzt weit davor an, etwa mit den Niederländern, die im 16. Jahrhundert vor dem Krieg in ihrer Heimat flohen. Dass Delitzsch ein Zufluchtsort war, aber auch ein Ort, zu dem Menschen vertrieben wurden, wird dann weiter durch die Geschichte verfolgt. Die Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs kommen ebenso vor wie die zwangsumgesiedelten Menschen an der deutsch-deutschen Grenze danach.

Zwangsumsiedlung im Jahr 1952

Eine solche Zwangsumsiedlung im Jahr 1952, bei der Menschen aus der Altmark bei Salzwedel ihre Wohnungen und ihr Hab und Gut verlassen mussten, bildet den Kern der Ausstellung. Im Mittelpunkt stehen vier Einzelschicksale, exemplarisch für die 400 Menschen, die per Dekret ihre Heimat verlassen mussten. Nur drei Tage nachdem Ministerpräsident Otto Grotewohl seine Unterschrift unter ein Gesetz gesetzt hatte, dass vorsah, die Grenze zur Bundesrepublik zu befestigen und einen fünf Kilometer breiten Grenzstreifen zu errichten, ging es los: Am 29. Mai 1952 wurden im Landkreis Salzwedel Hunderte ausgesiedelt. Binnen vier Stunden mussten die Menschen, deren Grundstücke von der Polizei umstellt waren, zusammenpacken, was sie hatten. Ein halber Zugwaggon stand einer Familie dafür zu, der Rest blieb zurück. Bei Fahrtantritt wussten sie nicht, wohin die Reise gehen würde oder wie lange sie dauern würde. Viele glaubten, so Museumsleiter Jürgen Geisler, es gehe nach Sibirien. Erst in Delitzsch erfuhren sie, wo sie gelandet waren.

Wissen bewahren für kulturelles Gedächtnis

Ihre Geschichte konnten sie zu DDR-Zeiten kaum erzählen. Auch wenn sie sich in den Familien hielt. Für Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos), der die Ausstellung mit eröffnete, wurde es daher „höchste Zeit“, dass auch diese Familien sich mit ihrer Geschichte beschäftigen. Zu wenige sichteten ihre Dokumente und Fotos, das Wissen ginge nach zwei Generationen verloren. Die Ausstellung sei daher nicht nur ein Appell, aus der Geschichte und Fehlern zu lernen, sondern auch individuelle Schicksale, aus denen sich das kulturelle Gedächtnis speist, zu bewahren.

Einzelschicksale beleuchten die Willkür des Staats

Ein solches Schicksal ist das der Eltern von Marlies Wagenknecht. Wenn sie mit ihr und ihrer Schwester von Krensitz nach Cheine fuhren, hieß es stets: „Wir fahren jetzt nach Hause.“ Eine Heimatbindung an den neuen Ort fiel da selbst der Tochter schwer, die erst zwei Jahre nach der Umsiedlung geboren wurde. Zumal auch ihre Aufarbeitung des verwaltungsrechtlichen Unrechts erst in den 1990er Jahren beginnen konnte.

„Mein Vater war damals für die CDU im Gemeinderat. Ein Zerwürfnis mit dem damaligen Bürgermeister reichte, damit der ihn auf die Liste setzte“, erzählt Marlies Wagenknecht. Bei einer zweiten Umsiedlungswelle musste der frisch vermählte Landwirt seinen Hof verlassen. Ähnlich willkürlich erlebte auch Anneliese Fleischer die Aktion: Damals 14 Jahre alt, war sie im April noch in einem Nachbarort konfirmiert worden, der jetzt tabu war. Dass sie in Delitzsch gleich Anschluss fand, lag daran, dass sie im Schulstoff schon weiter waren. Die Ausstellung findet sie gelungen, auch wenn sie manche Wunde aufreißt.

Dokumentarfilm zeigt Zeitzeugen

Der Delitzscher Untere Bahnhof bildet auf einer historischen Aufnahme den Ausgangspunkt beim Blick auf diese unbekannte Vergangenheit. „Die Jübarer Bürger kennen alle Delitzsch – aber nur unter diesen Vorzeichen“, berichtet Hartmut Bock. Der Lehrer, Museologe und Heimatforscher aus dem kleinen Ort Jübar ist einer von denen, die die Aussiedlung als Kind miterlebt haben, aber in der Altmark blieben. Zusammen mit Schülern der 10. Klasse der Sekundarschule Jübar interviewte er Zeitzeugen der sogenannten „Aktion Ungeziefer“. Entstanden ist dabei ein 45-minütiger Film, der auch in der Ausstellung zu sehen ist.

Kleine Zimmer statt Porzellan und Fuchsstola

Die Ausstellung lebt vom Erlebten, daher wurden nicht nur Aktenbestände ausgewertet, sondern auch Gegenstände aus dem Alltag zusammengetragen. Was in Koffer gerafft wurde und wie die Leute da noch dachten, dass dies zunächst einmal nur für vier Wochen genügen sollte. Bis offenkund wurde, dass man einen neuen Hausstand ganz woanders zu gründen hatte. Was das hieß, versucht die Ausstellung anschaulich zu machen, so trägt sie nicht nur das gute Porzellan und die Fuchsstola zusammen, die den Weg nach Delitzsch fanden, sondern zeigt mit einem Nachbau eines Zimmers, was die Menschen hier erwartete. Statt der bäuerlichen Gehöfte, die die Grenzregion zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt damals prägten, fanden die Bauern, Gewerbetreibenden und Händler sich hier in kleinen Zimmern wieder.

Die Sonderausstellung „Neue Heimat Delitzsch“ ist im Delitzscher Schloss bis zum 5. November 2017 zu sehen. Begleitet wird sie von zwei Vorträgen: Am 13. September 2017 spricht Eva-Maria Zehrer zur „Zwangsumsiedlung an der innerdeutschen Grenze“ und am 5. Oktober 2017 Joachim Reisaus unter dem Titel „Nicht sterben kann die Lauterkeit oder Wie wir zu leben hatten“. Beide Vorträge startet jeweils um 19 Uhr.

Von Manuel Niemann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Delitzsch
Delitzsch in Zahlen

Bundesland: Sachsen

Landkreis: Nordsachsen

Fläche: 85,92 km²

Einwohner: 24.850 Einwohner (Dezember 2015)

Bevölkerungsdichte: 289 Einwohner/km²

Postleitzahl: 04509

Ortsvorwahlen: 034202

Stadtverwaltung: Markt 3, 04509 Delitzsch

Ein Spaziergang durch die Region Delitzsch
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Kreuzfahrtmesse
    Infos zur LVZ-Kreuzfahrtmesse

    Willkommen an Bord: Am 22. Oktober 2017 luden LVZ und Vetter Touristik zur 1. Kreuzfahrtmesse ein. Hier gibt es einen Rückblick. mehr

  • Leserreisen
    Leserreisen

    Kreuzfahrt in der Karibik, Städtetour durch die Toskana oder Busreisen in Deutschland - die Leserreisen der LVZ bieten für jeden Anspruch genau das... mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

18.12.2017 - 07:48 Uhr

Aussprache der Mannschaft, Trainer sitzt weiter fest im Sattel

mehr
  • Zoo Leipzig
    Zoo Leipzig

    Infos und Events aus dem Zoo Leipzig sowie zahlreiche Bilder aller Vierbeiner und der geflügelten Zoobewohner. mehr

  • Panometer Leipzig - Dresden
    Panometer Leipzig: Alle Infos zum "Titanic" und den weiteren Panoramaprojekten von Yadegar Asisi

    Erfahren Sie im Special von LVZ.de alles zu den Panoramen "Titanic" und "Dresden im Barock" mehr

  • Touristik & Caravaning
    Themen, Tickets, Öffnungszeiten: Die wichtigsten Infos zur Messe Touristik & Caravaning (TC) 2017 im Special auf LVZ.de

    Urlaubsstimmung im Novembergrau: Alle Infos und News zur Reisemesse Touristik & Caravaning (TC) 2017 in unserem Special. mehr

  • Jahrtausendflut 2002

    Entlang von Mulde, Elbe und Pleite brach im August 2002 eine verheerende Flutkatastrophe herein. Die LVZ zeigt eine Bestandsaufnahme. mehr