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Nordsachsen droht Aderlass in der Landwirtschaft

Bauernverband warnt Nordsachsen droht Aderlass in der Landwirtschaft

Sie ackern gegen einen Haufen Probleme: Nordsachsens Bauern sind in Sorge um Preisverfall, die Arbeitsplätze und den ländlichen Raum. Solange nur rund 6 Cent vom Glas Milch, 6 Cent vom Ei, 1 Cent bei der Kartoffel und 27 Cent für das Kotelett beim Landwirt bleiben, droht Betrieben der Ruin.

In aller Munde ist der Preisverfall bei den Erzeugerpreisen nicht mehr nur bei der Milch – auch für Fleisch und Eier, Getreide und Kartoffeln bekommen die Bauern immer weniger.

Quelle: LVZ

DOBERSCHÜTZ. Sie wollen nicht als die Jammerlappen der Nation dastehen. Und doch bleibt den Bauern nichts anderes, als Alarm zu schlagen. „Die Lage ist angespannt“, formuliert es Erhard Neubauer, Vorsitzender des Regionalbauernverbands Torgau, vergangene Woche noch vorsichtig. Gemeinsam mit dem Regionalbauernverband Delitzsch hat er im Rasthof Doberschütz zur Mitgliederversammlung geladen. Der Saal ist voll. Mehr Landwirte als erwartet folgen der Einladung. Stühle müssen noch geholt werden. Es zeigt: die Probleme sind drängend, der Gesprächsbedarf überdeutlich.

Zu wenig Geld bleibt beim Betrieb

„Angespannt bis katastrophal“ sei die Lage, schiebt Neubauer nach. In der Landwirtschaft greife ein massiver Kapazitätsabbau und hätten die Kapitalverluste zugenommen. Damit, so Neubauer, drohe im ländlichen Raum auch der Abbau von Arbeitsplätzen – und davor sei auch die Region Nordsachsen nicht gefeit. „Die ländlichen Räume veröden immer mehr“, warnt der Chef des Regionalbauernverbands, „es droht der Aderlass.“ Die Gründe? Bekannt: Die fallenden Preise für Lebensmittel. Die wiederum haben vielschichtige Gründe vom Russland-Embargo über eine schwächelnde Konjunktur auf Absatzmärkten wie China, den Wegfall der Milchquote, aber federführend auch die Einkaufs- und Preispolitik des Einzelhandels. Die Erzeugerpreise sind im Keller. Im Durchschnitt bleiben 6 Cent vom Glas Milch, 6 Cent vom Ei, 2 Cent pro halben Liter Bier, 1 Cent bei der Kartoffel, 13 Cent fürs Kilo Getreide pro Mischbrot und 27 Cent für das Kotelett beim Betrieb. Davon ist kein Betrieb wirtschaftlich zu führen. Was bislang noch immer gut ging, falle nun zusehends auch weg: Die Querfinanzierung über Ackerbau und Biogas, der Bodenpreis allein schon sei zu hoch und die für eine Menge Bürokratie verantwortliche Politik insgesamt „landwirtschaftsfeindlich“. Betriebsaufgaben seien damit wohl nicht mehr zu vermeiden, da fast alle Betriebe – auch in Nordsachsen – von Kapitalverlusten betroffen seien. Die bis heute angefallenen Verluste allein für sächsische Bauern belaufen sich nach Angaben des Landesverbands mittlerweile auf über 200 Millionen Euro.

Offener Brief an Tillich

Daher haben sich die nordsächsischen Bauern am offenen Brief des Sächsischen Landesbauernverbands an Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) beteiligt: „Seit mehr als 15 Monaten kämpfen insbesondere wir Milchbauern und Schweinehalter mit niedrigsten Preisen. Für ein Kilogramm Milch erhalten wir zwischen 25 bis 26 Cent. Die Kosten betragen aber 35 Cent je Kilogramm. Auch beim Schweinefleisch liegen die Erzeugerpreise mit 1,25 bis 1,30 Euro weit unter den Produktionskosten von 1,65 Euro je Kilogramm“, heißt es darin. Der Lebensmitteleinzelhandel dagegen erlöse bei Milch mindestens 59 Cent und beim Schweinefleisch 5,96 Euro je Kilogramm. „Die Schere zwischen unserem Erzeugerpreis und dem, was der Verbraucher beim Lebensmittelhandel bezahlt, ist seit vier Jahren nachweislich immer weiter auseinandergegangen“, warnen die Bauern. Dass Bundeswirtschaftsminister Siegmar Gabriel (SPD) sich erst vor Kurzem über die ablehnende Haltung des Bundeskartellamtes zur Übernahme von Kaisers-Tengelmann in den Edeka-Verbund hinweggesetzt und damit für noch mehr Konzentration auf dem Lebensmittelmarkt gesorgt habe, sei ein Zeichen, dass die Politik den Bauern schadet.

Die nordsächsichen Bauern wollen sich nun am 23. März an einem bundesweiten Aktionstag beteiligen und Flagge zeigen, um Politik und Bevölkerung wachzurütteln. Verbesserungen in Markt- und Agrarpolitik seien am Ende eben auch Sache der Konsumenten.

Von Christine Jacob

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