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Nordsachsens Bauern ackern gegen Billig-Milch

Schleuderpreise bei Lebensmitteln Nordsachsens Bauern ackern gegen Billig-Milch

Die Milch in Deutschland ist inzwischen so billig, dass man tatsächlich darin baden könnte. Literpreise um die 20 Cent bekommen die Bauern für das Produkt. Das wollen und vor allem können die Landwirte auch in Nordsachsen so nicht hinnehmen, finden kämpferische und kreative Lösungen gegen die Billig-Milch.

Milchtankstelle in Brodau.

Quelle: Wolfgang Sens

Nordsachsen. Lautstark haben sich auch nordsächsische Bauern am Donnerstag in Dresden zu Wort gemeldet und an einer Demo teilgenommen. Transparente wie „Keine Kriminalisierung von Landwirten – Wir machen Euch satt“ hatten sie dabei. Demonstrieren, argumentieren, investieren in neue Ideen, die Politik überzeugen – so ackern die Bauern im Kampf gegen die Schleuderpreise.

„Was haben wir für Möglichkeiten?“, überlegt Tilo Bischoff von der Agrargenossenschaft Hohenprießnitz-Zschepplin. „Wie im Betrieb ein Band abstellen, das geht nicht.“ Die Melker und Tierpfleger würden ausgezeichnet arbeiten, eine „Super-Milchqualität“ abliefern und dafür sorgen, dass gesunde Tiere im Stall stehen. Das sind in Zschepplin 200 Milchkühe plus Nachzucht, was bedeutet, insgesamt kümmert sich der Agrarbetrieb um rund 400 Tiere, „Die Pflanzen- und Tierproduktion ist bei unseren leichten Böden in einem Betrieb immer noch die nachhaltigste Art zu wirtschaften und damit durchaus eine Wertschöpfung möglich“, so der Vorsitzende, der außerdem Vorstandsvorsitzender des Regionalbauernverbandes Delitzsch ist. Trotzdem würde auch hier wegen der Milchepreise am Limit gearbeitet. „Es täte mir in der Seele weht, wenn wir Leute entlassen müssten.“ Aber die Hoffnung würde bekanntlich zuletzt sterben. Auch wenn er von der Protestaktion in Dresden nicht mit dem Gefühl zurückgekehrt ist, dass die Politik den Stein der Weisen findet. Es sei aber die Politik gewesen, die dafür gesorgt habe, dass Märkte kaputt gegangen sind. So der russische. „Unsere Kühe bekommen keinen Mindestlohn.“

Scharfe Worte

In seiner herzhaften Art findet Karsten Ittner von der Agrargenossenschaft Sprotta wesentlich schärfere Worte: „Den Kühen die Schwänze abschneiden und den Politikern um die Ohren hauen“, ist der Chef des Betriebes mit 300 Milchkühen und insgesamt 600 Rindern inklusive Nachzucht stinksauer. „Doch wir sind in Zwängen gefangen, haben Vorräte angelegt, die Fruchtfolge auf die Tierhaltung ausgerichtet, daraus können wir nicht so einfach aussteigen.“ Der Grundpreis für den Liter Milch liegt in diesem Monat noch bei 21 Cent, was schon die absolute Grenze ist, denn schon bei 23 Cent wird aus anderen Bereichen subventioniert. „Und das schon seit über einem Jahr“, so Ittner. Acht bis neun Arbeitsplätze hängen in Sprotta unmittelbar an der Milchviehwirtschaft. Die Spirale drehe sich weiter zu den Pflanzenproduzenten, die mit den Getreidepreisen ebenfalls Probleme haben. Auch Landtechnikumsätze seien bis zu 30 Prozent eingebrochen, weiß der Fachmann. Der zudem gehört hat, dass in Paschwitz, ebenfalls ein Ortsteil der Gemeinde Doberschütz, ein Familienbetrieb die Rinderhaltung bereits aufgab. Öffentliche Milchtankstellen wie in Brodau und Hohenroda bei Delitzsch können sich die Sprottaer und Zscheppliner momentan aber nicht vorstellen. Dazu seien sie zu weit weg vom Schuss.

Frische Milch zapfen

Einen fairen Preis für die Milch bekommen jene Bauern, die Milchautomaten aufstellen. Das Prinzip ist kinderleicht: Rohmilch, die lediglich gekühlt wird, kann nach Einwurf von Geld frisch aus dem Automaten gezapft werden. Eine Bedienungsanleitung ist am Edelstahlgehäuse angebracht, erklärt alles. Die Bauern kümmern sich um Wartung und Pflege. In Brodau gibt es bereits einen, der sehr gut läuft. “Die derzeitigen Milchpreise sind heute ruinös, das muss man klar sagen“, erklärt Erich Beitinger, Chef des Landgutes Brodau. Es ginge nicht darum, ob man die Situation überstehen könne, sondern wie lange. „Das ist abhängig von der Liquidität“, betont er. Was danach kommt, will er sich gar nicht vorstellen. Natürlich könne er die Ställe schließen, die Kühe verkaufen, die Angestellten entlassen. Es sei eine Option, aber keine Lösung. Die erst vor ein paar Wochen eingerichtete Milchtankstelle „rettet uns nicht, sie bringt uns auch nicht um“, beschreibt Beitinger die Lage. Fünf seiner insgesamt 320 Kühe würden sich über die Tankstelle bezahlt machen. Längst habe sich der Ort, an dem Rohmilch getankt werden kann, auch zum Kommunikationspunkt mit den Leuten entwickelt. „Wir haben hier nur nette Leute kennengelernt, die auch ein gewisses Verständnis für unsere Situation entwickelt haben.“ Allerdings scheint dies nicht die Auffassung des Durchschnitts der Bevölkerung zu sein, meinte er. Die jetzt eingeräumte Möglichkeit, über Mengesteuerungen die Lage der Milchbauern zu entschärfen, bringe nach Ansicht von Beitinger nicht eine schnelle Entlastung. „Dafür hätte man ein, zwei Jahre Vorlauf haben müssen“, ist seine Auffassung.

Faire Preise am Milchautomaten

Auch in Hohenroda, einem Ortsteil der Gemeinde Schönwölkau, wird demnächst eine Milchtanke eröffnet. Spätestens am 12. Juni soll es so weit sein. „Es geht darum, einen fairen Preis für unser Produkt zu generieren“, sagt Jörg Reihe, Vorstand der Agrargenossenschaft. Die Bauern sind sich einig: An allen Milchtanken soll der Liter einen Euro kosten, die Preise werden überall gleich sein – Dumping und Wettkampf sowie Kampfpreise, wie sie die Molkereien und der Handel machen, wird es nicht geben. Zudem, so Jörg Reihe, verknüpfe er mit dem Milchautomaten auch die Hoffnung eines Imagegewinns für die Landwirtschaft

Von Karin Rieck, Christine Jacob und Ditmar Wohlgemuth

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