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Delitzsch Nordsachsens Tafeln: Flüchtlingskrise spitzt alte Probleme nur zu
Region Delitzsch Nordsachsens Tafeln: Flüchtlingskrise spitzt alte Probleme nur zu
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Wie jeder andere Kunde auch werden Flüchtlinge bei der Tafel in Oschatz behandelt, Bevorzugungen gibt es nicht. Quelle: Dirk Hunger
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Delitzsch/Oschatz

"Aktuell erleben wir eine Nachfrage nie dagewesenen Ausmaßes. Über 200.000 Flüchtlinge sind bei den Tafeln. Diese enorme Nachfrage bringt die Tafeln an ihre Grenzen", schildert Jochen Brühl, Vorsitzender des Bundesverbands der Tafeln. Erste Tafeln müssen Aufnahmestopps verhängen, die alten Kunden fühlen sich benachteiligt, es gibt Berichte von Zoff und Schuldzuweisungen an Flüchtlinge. Dabei, so macht das Beispiel der nordsächsischen Tafeln deutlich, spitzt sich ein lange bestehendes Problem einfach nur zu.

"Das Grundproblem für die Tafel ist schon lange da, nicht erst jetzt", erinnert Jutta Faak, Vorsitzende der Delitzscher Tafel mit Ausgabestellen in Laußig und Eilenburg. Zirka 2000 Personen pro Monat helfe man in der Region um Delitzsch, hinzukommen würden nun eben noch die Flüchtlinge - knapp 100. Die Tafel Delitzsch beliefert zum Beispiel das Asylbewerberheim in Spröda und die Unterkunft in Zschortau. Sie könne verstehen, dass andere Tafeln aufgeben beziehungsweise Aufnahmestopps verhängen, schildert Faak. Auch bei der Delitzscher Tafel wisse man oft nicht, wie es weitergehen soll. Das habe aber mit immer schwierigeren Bedingungen für die Tafeln im Allgemeinen zu tun. Dabei, betont Jutta Faak, sei nicht einmal das Essen das Hauptproblem. "Meine Autos fahren nicht mit Wasser, das Benzin macht die Kosten so hoch und alles, was sonst noch anfällt wie die Energie für die Kühlung der Lebensmittel", sagt die Tafel-Vorsitzende. Schon seit Langem spart der Verein zum Beispiel die Hälfte der bis zu 6000 Euro Heizkosten jährlich, indem die Mitarbeiter in den Ausgabestellen und Büros lieber frieren. Teilweise müssen die Lebensmittelspenden aus Bayern oder Hamburg geholt werden, weil es immer weniger Spender direkt vor Ort gibt. Das finanzielle Problem spitze sich im Kontext der Flüchtlingskrise also nur noch zu, Armut sei so oder so leider da und müsse bekämpft werden. Von Aufgeben will man in und um Delitzsch derzeit also nicht sprechen.

150 Flüchtlinge sind in Oschatz gemeldet und könnten sich bei der Tafel anmelden, wenn sie ihre Bedürftigkeit nachweisen können. Etwa 60 pro Woche kommen zu der Essensausgabe und holen sich einen Korb mit Lebensmitteln ab. Genau wie die anderen Tafelkunden auch bekommen sie nur das, was da ist, betont Joachim Rolke, der zur Oschatzer Tafel gehört und gleichzeitig der Vorsitzende im Landesverband Sächsische Tafeln ist. Jeder Tafelkunde darf angeben, was er nicht isst - damit zum Beispiel Vegetarier oder laktoseintolerante Menschen bei der Verteilung der Lebensmittel berücksichtigt werden können. "Die Flüchtlinge geben natürlich auch an, was sie nicht essen und wir nehmen darauf Rücksicht", so Rolke. Immerhin sei der Grundgedanke der Tafel, Bedürftigen zu helfen und Essen nicht wegzuschmeißen. Würde auf die unterschiedlichen Allergien oder Überzeugungen bei der Verteilung der Lebensmittel keine Rücksicht genommen werden, würde einiges doch nur im Müll landen. Die Flüchtlinge in Oschatz und Delitzsch müssen sich wie jeder andere Tafelkunde auch registrieren und bei der Erstanmeldung ihre gesamten Daten offenlegen, damit die Bedürftigkeit geprüft werden kann. Außerdem bezahlen sie ebenfalls den üblichen Unkostenbeitrag – sie werden also nicht besonders behandelt oder gar bevorzugt.

Bei allen Tafeln hofft man derzeit dringend auf zusätzliche Lebensmittel-, Geld- und Sachspenden – am besten von vor Ort.

Von Christine Jacob und Andrea Schrader

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