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Delitzsch Nur singen im Unterricht? Evangelische Schule in Delitzsch entkräftet Vorurteile
Region Delitzsch Nur singen im Unterricht? Evangelische Schule in Delitzsch entkräftet Vorurteile
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07:03 30.04.2018
Der Vorstand besteht aus Stephan Pecusa, Maria Dösinger-v. Wolffersdorff , Nico Eckert, Ines Adamski, Tobias Münscher-Paulig, Konstanze und Jörg Topfstedt (von links). Quelle: privat
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Delitzsch

Die Bildungslandschaft wächst: Im Schuljahr 2018/19 sollen bereits die ersten Kinder an der Evangelischen Grundschule Delitzsch eingeschult werden. Noch nicht einmal gestartet, gibt es aber auch Vorurteile. Was ist da dran? Der Trägerverein und die LVZ klären auf:

Die Kinder lernen dort doch nur singen und klatschen!

„Wer klatschen und singen im guten Rhythmus erlernt hat, dessen Gehirn ist zu Höchstleistungen in der Mathematik und in Naturwissenschaften fähig. Nicht umsonst spielen die meisten Nobelpreisträger auch hervorragend ein Instrument und singen und klatschen im richtigen Takt. Heute weiß die Wissenschaft, wie wichtig Bewegung und Musikalität für das kindliche Gehirn sind. Beim Stillsitzen kann kein Kind lernen. Stille brauchen wir für die Träume und die Fantasie. Und beides muss einen gesunden Wechsel haben. Ansonsten erfüllen wir natürlich alle Anforderungen des sächsischen Bildungsplanes in allen Schulfächern. Und wenn dies in Verbindung mit dem eigenen Rhythmus und der Musik geschieht, gelingt es umso besser und nachhaltiger. Und vielleicht, wenn unsere Schüler und Schülerinnen mal erwachsen sind, können sie bei einem Konzert auch im Takt mitklatschen. Das gelingt der heutigen bewegungsarmen Handygeneration nämlich kaum noch. Und vielleicht berechnen sie dabei gleich noch den Rauminhalt des Saales. Wer weiß.“

Montessori? Die Kinder lernen dort nix oder nicht genug, um später an einer „echten“ Schule zu bestehen.

„Was ist eine echte Schule? Das Wort Schule hat die Ursprungsbedeutung „Müßiggang“, „Muße“ beziehungsweise freie Zeit. In den Schulen, die nach reformpädagogischen Konzepten unterrichten, haben die Schüler die Zeit, neben der Aneignung von Wissen, ihre Interessen, Anlagen und Gaben zu entdecken, die von Geburt an in jedem Kind schlummern und diese zu entfalten und zu stärken. Montessori ist nur ein Bestandteil unseres Konzeptes, wir werden auch andere reformpädagogische Konzepte in unseren Unterricht einfließen lassen. Unter Anleitung, Unterstützung und Kontrolle von Pädagogen, lernen die Kinder von Anfang an selbstständig zu lernen, sich selbst zu organisieren und sich aus verschiedenen Wissensquellen Informationen, die sie benötigen zu suchen - eine wichtige Voraussetzung für das Lernen an weiterführenden Schulen. Unsere Schule wird sich an den sächsischen Lehrplan halten und somit alle landesrechtlichen Vorgaben zu Lerninhalten erfüllen. Als Lehrkräfte werden zuallererst Lehrer angestellt, die das 2. Staatsexamen erfolgreich bestanden haben. Meist haben diese auch mehrere Zusatzqualifikationen. Die Reformpädagogik legt großen Wert auf Alltagstauglichkeit. Teamfähigkeit, Kreativität und Flexibilität werden heute erwartet - Eigenschaften die an unserer Schule erlernt und gefördert werden. Vielfältige Lernmethoden führen die Kinder zum Ziel und wecken Eigeninitiative beim Lernen und Arbeiten.“

Schulgeld? Das ist doch eine Schule nur für Reiche!

„Staatliche Schulen bekommen eine bestimmte Summe pro Schüler pro Jahr. Private Schulen bekommen von diesem Geld nur 90%. Um dieses Defizit ausgleichen zu können, nehmen wir Schulgeld. Ansonsten müssten die Angestellten weniger verdienen und das wäre unfair. Da sie für das Vor- und Nachbereiten für reformpädagogische Lehr- und Lernmethoden sowieso mehr Aufwand haben. Unsere Schule begrüßt jeden, der seinerseits dem christlichen Glauben und unserem Schulkonzept offen gegenübersteht. Eine konfessionelle Bindung ist dabei nicht Voraussetzung. Das Schulgeld wird gestaffelt, somit bekommen Geschwisterkinder Rabatt. Für diejenigen, die sich das Schulgeld nicht leisten können, sind Schulgeldpatenschaften angedacht, hinzu kommt die Möglichkeit, über Sozialfonds eine gewisse Summe zu bekommen. An dieser Stelle möchten wir noch einmal betonen, dass Unterschiedlichkeit an unserer Schule gewünscht ist. Wie in unserer Gesellschaft sollen Kinder, die nicht dem „Normalen“ entsprechen, integriert werden. Das beginnt bei Hochbegabten über Kinder, die es mit dem Lernen schwerer haben und geht bis zu geistig behinderten Kindern. In so einer gemischten Grundvoraussetzung werden die Schüler diese entstehende Heterogenität als normal empfinden. In den Kindergärten ist dies heutzutage auch nichts Ungewöhnliches mehr, warum geht das dann nicht in der Schule?“

1,5 Millionen Euro für den Umbau?! Na toll, die machen ihre Privatschule auf Kosten der Steuerzahler.

„Privat bedeutet nicht ausgrenzend. Wie schon oben erwähnt, wird unsere Schule für jeden offen sein. Die Stadt begrüßt unser Vorhaben und sieht es als Entlastung der bestehenden Delitzscher Grundschulen. Die Kinderzahlen steigen massiv an und es ist jetzt schon zu erkennen, dass die Schulplätze in ein paar Jahren knapp werden, so wie es in den Kindertageseinrichtungen bereits der Fall ist. Somit wird ein Ausbau unserer Schulplätze unumgänglich werden. Und was gibt es denn Schöneres als eine bunte Bildungslandschaft beziehungsweise was sollte falsch daran sein, Steuergelder in die Bildung unserer Kinder zu stecken? Allerdings haben wir derzeit noch keine Aussicht auf Fördergelder, sodass der Ausbau des Gebäudes, welcher ein Prozess von 4 Jahren wird, anders finanziert werden muss. Alles in allem – bis jetzt sind keine Steuergelder in irgendeiner Weise für den Umbau des Gebäudes geflossen. Obwohl die Eltern unserer Schüler natürlich auch Steuerzahler sind!“

Da herrscht doch Chaos, da kann doch jedes Kind machen was es will!

„Ja, – die Schüler an unserer Schule werden mehr Dinge entscheiden und mitbestimmen können. Sie werden Demokratie leben und lernen. Trotzdem wird es Regeln geben, welche von den Pädagogen und den Kindern gemeinsam aufgestellt werden und nach denen sich jeder richten muss. Durch diese Regeln wird eine gewisse Lernfreiheit geschaffen, welche von außen vielleicht das Bild von „Jeder kann machen was er will“ hervorruft. Ziel ist es, dass die Kinder lernen wollen und ihr natürliches Interesse an den Dingen ausleben können. Die Schüler müssen in der Freiarbeit nicht an ihren Tischen sitzen, sie müssen mit dem Trinken auch nicht bis zum Ende der Stunde warten, sie sollen sich in ihrer Schule, in der sie sich die meiste Zeit des Tages befinden, wohl und heimisch fühlen. Somit ist ein hoher Lernerfolg wahrscheinlicher. Nichtsdestotrotz wird es auch Frontalunterricht geben, bei dem neuer Lernstoff vermittelt und dann in der Freiarbeit wiederholt und gefestigt wird.“

Freiarbeit gibt es doch auch an Regelschulen, dazu brauchen wir nicht noch eine in Delitzsch.

„Nun, noch eine Schule brauchen wir schon, weil die Kinderzahlen steigen, Gottseidank. Die Grundschulen in Delitzsch machen eine gute Arbeit, viele erinnern sich gerne an ihre Schulzeit. Und es gibt viele Lehrer und Lehrerinnen, die sich aufopfern in der Begleitung und Erziehung der Kinder. Unsere neue Grundschule, die nach reformpädagogischen Ideen unterrichtet, kann ein weiterer Farbtupfer in der Delitzscher Schullandschaft sein. So, wie jedes Kind eine ganz eigene Persönlichkeit entwickelt, wenn es dabei liebevoll und klug angenommen und freigelassen wird. Durch die altersübergreifenden Gruppen, in denen Kinder von 6-9 Jahren gemeinsam lernen, werden jene ermutigt, die langsamer vorankommen. Sie können plötzlich den Kleineren etwas beibringen und werden dafür geachtet. Das ist Gold wert für das Selbstbewusstsein. Wer aber auf einem Gebiet viel schneller ist, findet in diesen Gruppen ebenso seinen Platz und kann schon mit den Großen mitziehen. Freiarbeit in diesen Gruppen bedeutet: Ich lerne das Lernen! Und ich lerne es in meinem Tempo und behalte so die Lust und Leidenschaft, mit der alle Kinder auf die Welt kommen.“

Da gibt es keine Noten, wie soll ich da wissen, wo mein Kind steht?

„Durch die Unterschiedlichkeit der Gaben und der Entwicklung der Kinder entsteht mit der Bewertung durch Zensuren schnell eine tiefe Ungerechtigkeit. Für ein und dieselbe Aufgabe kann einfach kein gleicher Bewertungsmaßstab funktionieren, da jedes Kind unterschiedliche Voraussetzungen hat. Für den einen ist 4+4 eine schwere Aufgabe und ein anderer löst sie schon vor seiner Schulzeit. Aus diesem Grund wird es bei uns so lange wie möglich keine Zensuren geben. Stattdessen wird es regelmäßige Kind-Eltern-Lehrergespräche und Beurteilungen in schriftlicher Form geben. Weiterhin wird jeder Schüler ein Portfolio erstellen, welches die Lernentwicklung und die einzelnen Lernerfolge eines Kindes beschreibt und dokumentiert. Somit lernt jedes Schulkind, sich selbst reell einzuschätzen und zu bewerten.“

Infos gibt es unter www.ev-schule-delitzsch.de

Von Christine Jacob

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