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Pfarrer Taatz aus Schenkenberg feiert sein 25-jähriges Jubiläum

LVZ-Gespräch Pfarrer Taatz aus Schenkenberg feiert sein 25-jähriges Jubiläum

Matthias Taatz trat am 4. November 1991 seinen Dienst als Pfarrer in der Kirche in Schenkenberg an. Der 57-Jährige hat seine Spuren hinterlassen. Er ist ein Macher aus und mit Leidenschaft. Die LVZ sprach mit ihm über Gott und die Welt.

Feldwebel-Boldt-Kaserne Benndorf 2007: Verabschiedung von Pfarrer Matthias Taatz mit Verabschiedungsappell und Abschreiten der Front

Quelle: Rolf Schrader

Schenkenberg.  

25 Jahre sind Sie inzwischen hier Pfarrer. War das damals so geplant?

Nein. Ich stamme aus Halle und kannte Delitzsch. Links `ne Grube, rechts `ne Grube und dazwischen nicht viel. Die Kirche hat damals jemanden gesucht, der die Seelsorge in der Heeresunteroffiziersschule übernimmt.

Im friedensethisch geprägten Delitzsch eine Herausforderung, oder?

Durchaus. Aber die Kirche hatte Schwierigkeiten, Soldatenseelsorger zu finden.

Warum Sie?

Ich hatte Bismarck an der Wand hängen und Friedrich den Großen in der Vitrine stehen. Da hat der Probst gesagt, ich sei der Richtige für die Soldaten.

Was haben Ihre Kollegen Pfarrer dazu gesagt?

Ich war nicht unumstritten, das ist nur teils gut angekommen, war einigen suspekt, aus der DDR-Erfahrung heraus. Ich habe auch ein paar Freunde verloren, die das nicht gut fanden.

Sie haben den Wehrdienst verweigert, wie passt das?

Ich war im Friedenskreis Halle aktiv und engagiert unterwegs. Ich hatte eine andere Position dazu, bin dann aber aus Überzeugung Militärseelsorger geworden.

Preußische Tugenden sind Ihnen also wichtig. Heißt das: Frauen an den Herd, Herd ins Stadion …?

Frauen an den Herd ist nicht unbedingt eine preußische Tugend. Ich bin in meinem lieben Elternhaus preußisch geprägt und aufgewachsen, liebevoll und geradeaus.

Was sind preußische Tugenden für Sie?

Pünktlichkeit, Akribie, Verantwortung und der Gedanke der Freiheit. Nicht jammern, arbeiten und seine Schuldigkeit tun. Wir sind auf die Welt gekommen, um unsere Pflicht und Schuldigkeit zu tun. Der Körper hat nicht zu räsonieren, sondern zu funktionieren.

Ankunft im November 1991 – Woran erinnern Sie sich?

Es war ein regnerischer Novembertag. Das Haus hatte DDR-Charme, war ABM-mäßig hergerichtet. Wir haben aus- und eingeräumt als Familie. Die Möbelpacker haben meinen schönen, großen runden Tisch vom Lkw fallen lassen und kaputt gemacht. Ich habe zu meiner Frau gesagt, hier bleiben wir nicht lange.

Sie sind inzwischen bekannt wie der bunte Hund, von Delitzsch bis Torgau und noch weiter. Woran liegt das?

Sicher an einer gewissen Umtriebigkeit, aber auch an der langen Zeit hier. Da bauen sich pastoralseelsorgerische Netzwerke auf, wird ein Pfarrer bekannt.

Wann ist ein Pfarrer ein guter Pfarrer?

Ein Pfarrer muss bereit sein zu dienen. Er muss bereit sein, eigene Befindlichkeiten zurückzustellen. Das aller wichtigste ist jedoch: Ein Pfarrer muss die Menschen lieben.

Worauf sind Sie besonders stolz mit Blick auf die vergangenen 25 Jahre?

Schön ist, was man sieht, zum Beispiel die Scheune, an der ich mitgewirkt habe. Beim Pfarrdienst ist es aber so, dass das, was zu sehen ist, das wenigste ist, was der Pfarrer macht. Das Schönste für mich ist es, wenn die Menschen Zutrauen und Zugang zu Gott kriegen. Wenn die Menschen anfangen, den Seegensreichtum zu entdecken.

Wie kam die Pfarrscheune, Ihre Scheune, nach Schenkenberg?

Ich habe dieses Gemeinschaftswerk nur angestiftet. Die alte Lehmscheune musste abgerissen werden. Mir fehlte ein ordentlicher Saal. Da habe ich mit Lothar Reichenbach, meinen Haus- und Hofarchitekten, gesprochen. Wir wollten was Altes aus der Braunkohle erhalten und haben in Breunsdorf bei Borna eine Scheune gefunden. Die haben wir 1994 abgebaut und erst 1999 angefangen, sie wieder aufzubauen. Ich habe vier Jahre davon erzählt. Bis die Frage im Raum stand: Was ist denn nun mit Deiner Scheune? Dann haben wir sie aufgebaut.

Was würden Sie gern rückgängig oder ungeschehen machen?

Es gibt immer Leute, die nicht miteinander klarkommen, mit denen man nicht kann. Ich habe auch anonyme Briefe und andere Utensilien bekommen. Ich habe auch Menschen weh getan. Einige Fälle würde ich gern rückgängig machen.

Sie wurden auch schon einmal nach drei halben Litern Weizenbier verpetzt, von der Polizei erwartet und mussten pusten. Kennen Sie ihre schwarzen Schäfchen inzwischen?

Pusten musste ich nicht, weil ich alkoholfreies Bier trinke, wenn ich fahren muss. Sonst gern auch richtiges Bier. Ansonsten war das so.

Hochzeiten, Trauerfeiern, Beerdigungen, Gottesdienste, manchmal an einem Tag. Wie gehen Sie damit um, wie emotional sind Sie?

Alt werdenden Männer wie ich neigen zur Rührseligkeit. Das entdecke ich an mir, ich werde bewegter. Menschliche Schicksaale erfordern die richtige Balance zwischen Nähe und Distanz. Und Beten hilft unglaublich viel, mir jedenfalls.

Wo finden Sie vor allem Trost, wenn Sie Trost brauchen?

Ich bin in einer sehr engen Denkbeziehung zu Gott. Mir hilft Beten und natürlich finde ich Stärkung in der Familie, im Freundeskreis, bei vertrauten Menschen.

Sie haben die Kirche auch für Nichtchristen geöffnet. Ist das für Sie ein Zukunftsmodell für die kriselnde Kirche, wo geht die Reise hin?

Die Kirche muss sich Sorgen machen und muss sich verändern. Allein betriebswirtschaftlich betrachtet brauchen wir um die 1500 Gemeindeglieder pro vollbeschäftigtem Mitarbeiter. Und die gibt es nur in der Fläche. Es gibt ja hier nur noch 15 Prozent evangelische Christen. Mitteldeutschland ist die einzige Region auf der ganzen Welt, außer vielleicht Nordkorea, die so wenig religiöse Bindung hat. Normalität auf der Welt ist es, religiös zu sein. Ich finde das alles nicht schön, wie es ist. Warum der Liebe Gott diese Dürre hat über uns hereinbrechen lassen und das zulässt und andere Sachen zulässt, das ist die Frage. Er wird sich was dabei denken. Der Glaube wird nicht untergehen. Das Evangelium hat immer überlebt.

Bleiben Sie Schenkenberg erhalten?

Ja, so Gott will und ich gesund bleibe. Wo soll ich noch hin?

Interview:

Von Frank Pfütze

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