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Delitzsch Rettende Hilfe mit dem Regenschirm – Courage von Bürgern soll Mut machen
Region Delitzsch Rettende Hilfe mit dem Regenschirm – Courage von Bürgern soll Mut machen
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12:58 31.03.2017
Die Dresdnerin Ursula Franke und der Leipziger Hans-Jürgen Sievers lesen Geschichten aus dem Lesebuch „Nachdenken über Zivilcourage“. Quelle: Ditmar Wohlgemuth
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Delitzsch

„Wenn ein Kind in einer Straßenbahn einer älteren Frau seinen Platz anbietet, ist das schon Zivilcourage?“ – Eva Marie Zehrer von der sächsischen Landeszentrale für politische Bildung bezieht die Gäste des ersten Kamingesprächs in diesem Jahr im Delitzscher Barockschloss am Mittwochabend sofort ein. Sie bittet um eine Meinung. Fast alle sind sich sicher, dass das noch nicht unter den Begriff Zivilcourage fällt. „Das ist einfach nur gute Erziehung“, murmelt es in den Sitzreihen. Referatsleiterin Zehrer provoziert die Frauen und Männer geradezu mit weiteren Beispielen, fordert damit ihre aktive Teilnahme heraus. „Wie sieht es in diesem Fall aus: Ein Rechtsradikaler steigt aus der Szene aus.“ Hier scheiden sich die Geister. Nur etwa die Hälfte der Leute sieht darin Zivilcourage, die andere keineswegs. Begründet werden muss es nicht, nur der erhobene Arm zeigte, welche Meinung vertreten wurde.

Bei einem anderen Beispiel sind sich die gut 70 Gäste, darunter gut zwei Drittel Soldaten, die zu einem Lehrgang in Delitzsch weilen, sofort einig. „Jemand beobachtet eine wüste Schlägerei und ruft die Polizei.“ Ja, das sei Zivilcourage.

Aber was ist sie eigentlich? Die Landeszentrale veranstaltete im vergangenen Jahr einen Schreibwettbewerb zu diesem Thema. „Gut 80 Menschen haben sich daran beteiligt, 30 Geschichten haben wir ausgesucht und sie in einem Lesebuch veröffentlicht“, erklärt Eva-Maria Zehrer. Das Kamingespräch trägt haargenau den gleichen Titel wie das Buch: „Nachdenken über Zivilcourage“. Der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt erklärt aus seiner Sicht im Vorwort des Lesebuches, was ist und wofür braucht es Zivilcourage? Courage gleich Mut. Mut brauche es, so schreibt Patzelt, wann immer es gute Gründe dafür gibt, sogar dann etwas zu tun oder zu unterlassen, wenn man sich dadurch wissentlich in eine unsichere, unangenehme, ja gefährliche Lage begibt. Ursula Franke (83) und Hans-Jürgen Sievers (73) haben solche Situationen offenbar erlebt und sie auch aufgeschrieben. Beim von der Landeszentrale ausgelobten Wettbewerb bekamen sie für ihre Geschichten den ersten Preis und Platz im Lesebuch. Die Dresdnerin und der Leipziger lasen ihre Geschichten vor den aufmerksam zuhörenden Gästen vor und bekamen Applaus. Wegen des Inhalts, aber auch, wie sie die Erlebnisse in Worte fassten. Ursula Franke überschrieb ihren Text mit „Einfach zuschlagen“. Eine für eine Rentnerin eher ungewöhnlich drastisch Aussage. Aber genau das hat sie mit ihrem Regenschirm getan, um einem Wanderer bei einer Attacke eines angetrunkenen jungen Mannes zu helfen. Sie tat es, weil kein anderer auf den Hilferuf reagierte, obgleich reichlich Leute in der Nähe waren. „Den Schirm habe ich heute noch, allerdings lässt er sich nicht mehr öffnen“, erzählt Franke. Ein Schmunzeln huscht über die Gesichter der Zuhörer.

Das Kamingespräch, das in Zusammenarbeit mit der Stadt Delitzsch in regelmäßigen Abständen organisiert wird, hat zum Nachdenken angeregt, wie später die Gespräche der Gäste zeigten. Für Werner Patzelt steht übrigens auch fest: „Man kann schlichtweg überfordert sein, wenn es wirklich Zivilcourage zu beweisen gilt.“

Von Ditmar Wohlgemuth

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