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Delitzsch Schaffner steht mit beiden Beinen im Wasser
Region Delitzsch Schaffner steht mit beiden Beinen im Wasser
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14:29 13.10.2009
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Altkreis Delitzsch

Der Regionalhistoriker Hartmut Schöttge ist Experte hierfür und übernahm einmal mehr die Führung. Treffpunkt war der Bahnhof in Krensitz. Von dort aus gingen die Exkursionsteilnehmer mit ihren Pkw auf Tour.

Tiefes Gras und dornige Büsche verhüllen in Krensitz vis-à-vis des Bahnhofgebäudekomplexes einige Meter Gleis, die Geschichten erzählen könnten. Denn hier begann einst, das Dampfross der Kleinbahn zu schnaufen. Am 1.Mai 1902 hieß es „Fahrt frei!“ für die erste Strecke in Richtung Krostitz/Tanne. Und genau dort, wo ein kurzes Verbindungsgleis von der Kleinbahn zum Krensitzer Bahnhof mit seiner Reichsbahnanlage und jetzigen DB-Verbindung Halle-Delitzsch-Eilenburg lag, standen am Sonntag 20Interessierte und ließen sich anhand alter Fotos und Zeichnungen den Verlauf der Kleinbahnlinie erläutern. Von Krensitz führte der Weg dann wie in alten Zeiten nach Niederossig, wo auf der abbiegenden Straße am alten Trafohäuschen ein ehemaliger Bahnübergang gut erkennbar ist.

In Lehelitz künden noch die Bahnhofstraße und die Straße An der Kleinbahn von der alten Eisenbahnstrecke, berichtete Schöttge, bevor es an die Krostitzer „Tanne“ (Gasthaus an der B2) ging. Der ehemalige Lokschuppen gegenüber und ein Gleisstück samt Weiche auf einem anderen Privatgrundstück sind weitere Zeugen der Kleinbahn. „Ich kann mich noch erinnern, dass der Schaffner mit einer roten Fahne und Pfeife den Verkehr auf der Straße gesperrt hat“, erzählte Schöttge.

An der nächsten Station gegenüber der Krostitzer Gemeindeverwaltung hatte Herbert Arndt eine besondere Schnurre parat, die sich in den 1950er-Jahren abgespielt haben soll. Über ein Anschlussgleis zur Brauerei transportierte die Kleinbahn wieder einmal Braunkohle. Die Tour war wohl besonders beliebt, denn in der Kutscherstube der Brauerei hätte es für die Lokführer erst einmal einen kühlen Trunk gegeben. Doch an dem gewissen Tag machte sich ein Zugteil selbstständig und wäre von der Brauerei allein die Gleise bis zur Straße (B2) hinunter gerollt. Als die Eisenbahner das mitkriegten, flitzten sie wie die Wiesel hinterher. Doch zum Glück war nichts passiert.

Für das Dampfross galten laut preußischem Kleinbahn-Gesetz vereinfachte Bestimmungen zum Beispiel bei der Bauweise, berichtete Schöttge. Der offizielle Name war übrigens nie Kreisbahn, sondern erst Krostitzer Kleinbahn AG und später Delitzscher Eisenbahn AG, bevor sie dann in der DDR bis zum Schluss im Jahr 1972 zur Deutschen Reichsbahn gehörte.

Am ehemaligen Bahnhof Delitzsch West ist die Fassade herausgeputzt.

Nach Pröttitz führten die Gleise entlang des jetzigen Radweges, und dort sind auf der linken Seite der B 2 noch Reste einer Ladestraße zu sehen. Hier querte die Bahn die Fahrbahn und fuhr an einem kleinen See vorbei. Der soll einmal dem Schaffner zum Verhängnis geworden sein. Denn dieser dachte an einem nebligen Tag, dass der Zug schon am Haltepunkt war, sprang heraus – und stand mit beiden Beinen im Wasser.

Auch in Kletzen belegt noch eine Steinkante den Ladebereich. In Zschölkau und Hohenossig sei kaum mehr was zu sehen, hieß es. Ohne Stopp ging es zum Bahnhof Rackwitz, wo früher die weitere Verbindung nach Glesien, Kölsa und Delitzsch West führte. Es gab deshalb zwei Bahnsteige, einmal für die Richtung Krostitz und zum anderen in Richtung Delitzsch. Auch der Umstieg in die Züge der Reichsbahn war ohne große Wege möglich. „Hier braucht man viel Fantasie, weil alles weggerissen ist“, kommentierte Schöttge. Weiter ging es entlang der B2. Dort ragt einige 100 Meter hinter der östlichen Rackwitzer Ortsausfahrt auf der linken Seite noch ein Bahndamm in die Höhe.

In Radefeld ist der Bahnhof schon lange ein Wohnhaus. Der Klinkerbau samt Türen zeigt vor allem auf der Rückseite noch das charakteristische Bild des Bahnhofes. Auch in Glesien ist gut erkennbar, dass das zurzeit leer stehende Haus einst Bahnhof war. Es gleicht den anderen Gebäuden, ist aber dennoch nuancenreich, zum Beispiel mit kleinen Vorsprüngen und anderen Details an der Fassade, stellten die Eisenbahnfreunde fest.

Einige Kleinbahn-Gebäude sind heute Wohnhäuser.

Der Kölsaer Bahnhof steht auf freiem Feld, weit weg vom Dorf. Die Kölsaer wollten die Gleise nicht über ihre Felder legen lassen, wusste Schöttge. In Zwochau gab es die längste Ladestraße der Kleinbahn mit einer 75Meter langen Seitenrampe, die noch gut erkennbar ist. Der Haltepunkt in Lissa besteht nicht mehr und im Delitzscher Gewerbegebiet Süd-West sind lediglich noch die Stützpfeiler einer ehemaligen Brücke und Teile des Dammes zu sehen.

Das Ende der Exkursion nahte in der Schkeuditzer Straße der Loberstadt. Der frühere Bahnhof zeigt sich im erfreulichen Outfit. Denn nicht nur die Klinker leuchten seit Kurzem wieder im alten Charme, auch die Schrift „Delitzsch West“ erhielt frische Farbe und kündet von einem Stück Heimatgeschichte, das auch dank der Eisenbahnfreunde und Regionalhistoriker nicht vergessen ist.

Lutz Schmidt

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