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Delitzsch Scherenstich an Delitzscher Schule ist Zeichen von fehlender Kontrolle
Region Delitzsch Scherenstich an Delitzscher Schule ist Zeichen von fehlender Kontrolle
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09:30 21.09.2016
Früh übt sich: Kinder und Lehrer der Rackwitzer Grundschule absolvierten im Vorjahr erfolgreich ein Streitschlichter-Projekt. Quelle: Wolfgang Sens
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DELITZSCH

Der Vorfall hat viele Delitzscher schockiert: Ein zwölf Jahre alter Schüler sticht einen anderen an der Artur-Becker-Oberschule mit einer Papierschere in den Hals, eine verbale Auseinandersetzung ist eskaliert. Die genauen Hintergründe und der Inhalt der verbalen Auseinandersetzung sind nicht bekannt. Bekannt ist: Der eine Junge aus der Klassenstufe 7 musste ins Krankenhaus, die Verletzungen sollen aber nicht lebensbedrohlich sein. Über die Zukunft des anderen wird noch gesprochen. Derzeit, so Bildungsagentursprecher Roman Schulz, laufen – wie üblich nach solchen Ereignissen – Anhörungen des Jungen, der zustach. Auch die Gespräche mit seinen Eltern sind im Gange. Der Siebtklässler ist diese und nächste Woche noch suspendiert und bekommt schulische Aufgaben gestellt, die er daheim erledigt. Eine Entscheidung, ob und wie es für ihn an der Schule weitergeht, ist noch nicht gefallen. Er ist strafunmündig.

Delitzscher Fall ist außergewöhnlich

Viele Menschen sind schockiert von dem Vorfall. Einige reagierten mit Medienkritik – die Berichterstattung sogar im Radio und überregionalen Medien sei übertrieben. Warum? Es sei nun einmal schon immer so gewesen, dass es Streit und auch körperliche Auseinandersetzungen zwischen Schülern gibt, heißt es. Die Aufregung um diesen Fall sei überzogen. Diese Einschätzung kann Kai von Klitzing nicht teilen. Der Professor ist Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters in Leipzig. Bei dem geschilderten Vorfall handle es sich nicht um ein normales Agieren unter Kindern. Der Vorfall sei außergewöhnlich. „Zwar gehört Aggression schon zur menschlichen Natur und gerade ganz kleine Kinder können durchaus sehr aggressives Verhalten gegenüber Gleichaltrigen zeigen“, schildert er. Eine Studie habe gezeigt, dass am Ende des 2. Lebensjahres die Anzahl aggressiver Handlungsweisen gegenüber Gleichaltrigen im Lebensverlauf am höchsten ist. Allerdings: Ein zwei Jahre altes Kind ist nicht so gefährlich, dass aggressive Handlungen alarmierend wären. Dass ein Mensch provoziert wird, ist möglich. Ein Zwölfjähriger könne selbstverständlich auch sehr wütend werden, aber man erwarte, dass er seine Impulse bremsen und regulieren kann, so der Professor.

Professor Kai von Klitzing appelliert zu mehr Aufmerksamkeit für positive Entwicklungen. Quelle: Wolfgang Zeyen

Es gibt laut Kai von Klitzing keine Hinweise, dass Kinder heutzutage mehr Problemverhalten aufweisen als früher. „Die Sensibilität der Gesellschaft gegenüber abweichendem Verhalten von Kindern hat allerdings zugenommen“, schildert der Experte – und dies sei grundsätzlich zu begrüßen. „Mir persönlich scheint es jedoch ein Problem zu sein, dass in der Öffentlichkeit eine größere Tendenz zur Aufmerksamkeit gegenüber negativen und unschönen Ereignissen besteht als gegenüber positiven Entwicklungen. So findet in der Regel ein Artikel über eine Gewalttat mehr Leser und Aufmerksamkeit als ein Bericht über ein engagiertes Streitschlichterprojekt von Schülern, Eltern und Lehrern“, bedauert Klitzing. Ein Appell daher: Es sollte mehr Aufmerksamkeit auch auf die Bedingungen des Aufwachsens vor allem kleiner Kinder gelegt werden.

Die ausführliche Einschätzung des Experten

1. Sind solche Vorfälle im Rahmen eines normalen Agierens unter Kindern, bei dem es auch mal zu Handgreiflichkeiten kommt?

Bei dem in Ihrem Artikel dargelegten Vorfall handelt es sich nicht um ein normales Agieren unter Kindern. Zwar gehört Aggression schon zur menschlichen Natur und gerade ganz kleine Kinder können durchaus sehr aggressives Verhalten gegenüber Gleichaltrigen zeigen (beispielsweise in Kindergärten). Eine Studie hat gezeigt, dass am Ende des 2. Lebensjahres die Anzahl aggressiver Handlungsweisen gegenüber Gleichaltrigen im Lebensverlauf am höchsten ist, nur ist eben ein 2-jähriges Kind nicht so gefährlich, dass aggressive Handlungen alarmierend wären. Es ist dann Aufgabe der primären Beziehungspersonen (in der Regel die Eltern), Kindern bei der Regulation ihrer aggressiven Impulse zu helfen, wobei andere ebenfalls angeborene Verhaltensdispositionen hier hilfreich sind: nämlich der Suche nach und Freude an Kooperation, der zunehmenden Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen und Mitgefühl zu empfinden sowie der Wunsch nach und die Fähigkeit zur Entwicklung von moralischen Regeln. Selbstverständlich kann ein 12-jähriges Kind sehr wütend werden, wenn ihm beispielsweise von einem anderen Kind etwas weggenommen wird oder wenn es sich in seinem Selbstwert erniedrigt bzw. in die Enge getrieben wird. In der Regel erwartet man aber als Ergebnis des Sozialisations- und Erziehungsprozesses von einem 12-jährigen Kind, 1.) dass es seine Impulse bremsen und regulieren kann; 2.) dass es so viel Einfühlungsvermögen in das Gegenüber entwickelt hat, dass dadurch der Drang zur Schädigung gehemmt wird und 3.) dass es ausreichend moralische Standards entwickelt hat, die seinen aggressiven Tendenzen in der Form begrenzen, dass es anderen nicht antut, was es nicht möchte, dass es ihm selbst angetan wird. Ein Kind, das ein anderes am Hals mit einer Schere verletzt, ist zwar noch nicht strafmündig, es hat aber offensichtlich ein erhebliches Entwicklungsproblem, weil es seine Impulse nicht regulieren kann, weil sein Einfühlungsvermögen in das Gegenüber ungenügend entwickelt ist und weil es offensichtlich noch nicht ausreichend moralische Standards für das Zusammenleben mit anderen entwickelt hat. All die genannten Eigenschaften sind zwar angeborene Verhaltensdispositionen, sie müssen sich aber im Zusammenleben mit bedeutungsvollen erwachsenen Beziehungspersonen erst entwickeln. Voraussetzungen hierfür werden durchaus schon in der Schwangerschaft gelegt: so ist beispielsweise bekannt, dass Kinder von Müttern, die während der Schwangerschaft Substanzen konsumiert haben (wie beispielsweise Nikotin oder Drogen), im weiteren Entwicklungsverlauf meist vermehrt Probleme der Impulssteuerungs- und Verhaltensregulationsfähigkeit haben. Allgemein werden die ersten drei Lebensjahre und das Zusammenleben in gesunden förderlichen Beziehungen in der frühen Kindheit als wesentliche Voraussetzungen für die Entwicklung von Empathiefähigkeit, Moralvorstellungen und Verhaltensregulationsfähigkeit angesehen. Vernachlässigung, mangelndes elterliches Vorbild, Gewalt in den Beziehungen zwischen den Erwachsenen und gegenüber dem Kind sowie verschiedene andere negative und nicht förderliche Beziehungskonstellationen gelten als erheblicher Risikofaktor für ein lebenslanges Problem mit Impulssteuerungsfähigkeit, moralischem Funktionieren und Verhaltensregulation.

2. Hat sich das Verhalten unter Kindern verschärft?

Es gibt keine Hinweise, dass Kinder heutzutage mehr Problemverhalten aufweisen als „früher“. Die Sensibilität der Gesellschaft gegenüber abweichendem Verhalten von Kindern hat allerdings zugenommen. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen. Ein 12-jähriges Kind, das einen Gleichaltrigen mit einer Schere verletzt, braucht zum einen eine klare pädagogische Grenzsetzung, zum anderen aber auch Hilfe. Es muss sorgfältig geprüft werden, ob dieses Kind in angemessenen Lebensverhältnissen lebt, von seinen Eltern oder anderen wichtigen Beziehungspersonen ausreichend und emotional-warmherzig betreut wird, ob seine schulische Situation angemessen ist und ob es neben seiner offensichtlichen Aggressivität unter anderen Problemen leidet wie beispielsweise vermehrten Ängsten, verminderten Selbstwertgefühlen und Problemen in Beziehungen zu anderen.

3. Ist es nach Ihrer Einschätzung in solchen Fällen tatsächlich besser, es medial zu verschweigen oder deutlich kleiner zu halten, vor allem in Hinblick auf die Wirkung solcher Berichte auf Kinder und Jugendliche?

Ein solcher Vorfall ist sicher außergewöhnlich und es spricht nichts dagegen, dass hierüber auch öffentlich berichtet wird. Ein Risiko der Berichterstattung besteht darin, dass das öffentliche Bekanntwerden und das Verbreiten der Information in der Öffentlichkeit zu Ansteckungsphänomenen führen können wie beispielsweise bei Selbstmorden oder Amokläufen. Deshalb haben berichtende Journalisten hier eine besonders große Verantwortung. Sie müssen einen Kompromiss finden zwischen einer zu einer Demokratie gehörenden Verpflichtung zum journalistischen Bericht und den Folgen, die solche Berichte bei Betroffenen und Menschen mit ähnlichen Problemen auslösen können. Da es sich bei der Attacke des Kindes aber nicht um einen ungezielten Amoklauf oder um eine suizidale Handlung handelte, sondern um eine Eskalation in einer Auseinandersetzung zwischen Gleichaltrigen, scheint mir im vorliegenden Fall die Ansteckungsgefahr gering. Mir persönlich scheint es allerdings ein Problem zu sein, dass in der Öffentlichkeit eine größere Tendenz zur Aufmerksamkeit gegenüber negativen und unschönen Ereignissen besteht (wie beispielsweise im vorliegenden Fall), als gegenüber positiven Entwicklungen. So findet in der Regel ein Artikel über eine Gewalttat mehr Leser und Aufmerksamkeit als ein Bericht über ein engagiertes Streitschlichterprojekt von Schülern, Eltern und Lehrern. Auch sollte m. E. mehr Aufmerksamkeit auf die Bedingungen des Aufwachsens vor allem kleiner Kinder gelegt werden. Wie kann man Eltern, die beispielsweise selber auch in prekären Lebenssituationen leben, dabei unterstützten, sich ihren Kindern zuzuwenden, ihnen Vorbild beim Umgang mit Aggressionen und Auseinandersetzungen zu sein und sie liebevoll und doch konsequent zu erziehen. Wie können Kinderkrippen und Kindergärten quantitativ und qualitativ ausgestattet sein, damit Kinder dort Regeln im Umgang mit Gleichaltrigen ausreichend lernen und sich im täglichen Zusammenleben ihre Fähigkeit zur Einfühlung, Impulssteuerung und Verhaltensregulation verbessern. Wie können moralische und ethische Standards auch schon kleinen Kindern vermittelt werden? Und wie erkennen wir, dass auch kleine Kinder schon Probleme haben in ihrer Beziehung zu sich selbst und zu anderen? Und wie können wir in solchen Situationen ausreichend Hilfen anbieten. Wenn der Bericht über den vorliegenden Fall in der Kommune zu einer Intensivierung dieser für das Zusammenleben so wichtigen Diskussion führt, wäre das ein Beispiel für zu begrüßenden konstruktiven Journalismus.

Von Christine Jacob

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