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Delitzsch Schweizer Enkelin ist ihrem Zwochauer Urgroßvater auf der Spur
Region Delitzsch Schweizer Enkelin ist ihrem Zwochauer Urgroßvater auf der Spur
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08:00 18.10.2017
Ein Geschenk aus der Schweiz: In der Bibliothek von Anett Hacker sind jetzt die Kriegserinnerungen von Oswald Curt Rühl zu finden. Quelle: Manuel Niemann
Zwochau

„Comines war bis zum Frühjahr 1917 ein schönes Städtchen gewesen“, schreibt Oswald Curt Rühl. Er erreicht die französische Stadt an der Grenze zu Belgien im Spätherbst ebendieses Jahres 1917 und findet eine zerstörte Stadt: „Bewohnbare Häuser gab es nicht mehr. In der Stadt waren viele Betonunterstände, welche gegen Granaten ziemlich sicher waren.“ Rühl diente als Soldat im Ersten Weltkrieg, eingesetzt an der Ostfront, später im Stellungskrieg an der Westfront.

Der unbekannte Urgroßvater

Genau ein Jahrhundert später ist es seine Urenkelin, die der Kirchengemeinde Zwochau und der Delitzscher Stadtbibliothek ein spätes Geschenk macht: Zwischen zwei Buchdeckeln hat Karen Gisler die Erinnerungen versammelt, die Rühl von 1919 bis 1954 verfasst hat. In Kurrent, einer heute nicht mehr gebräuchlichen Laufschrift, hat er sie zügig hintereinanderweg geschrieben. Gisler, 20-jährig, lebt in Rheinfelden in der Schweiz und hat ihren aus Flemsdorf stammenden Urgroßvater Curt nicht kennengelernt. Flemsdorf gehörte zu Zwochau, Verwandte mütterlicherseits leben noch immer in der Region. Ihre Mutter war es auch, die ihr von dem Buch des Urgroßvaters in der unvertrauten Schrift erzählte. Die habe ihre Motivation geweckt: „Um was geht es da?“ Für ihre Maturaarbeit hat sie das Handgeschriebene vor zwei Jahren zunächst erst übertragen und sich anschließend damit wissenschaftlich auseinandergesetzt. In der Schweiz schreiben Jugendliche am Ende des Gymnasiums zu einem frei gewählten Thema eine längere Abhandlung, erklärt sie. Besonders die Kriegserlebnisse interessierten sie. Sie fragte sich, inwiefern diese dem Forschungsstand entsprachen.

Kriegserlebnisse nüchtern geschildert

Nahe gekommen ist sie dem fernen Verwandten dabei nicht. Der liefert einen emotionslosen Erlebnisbericht: „Es ist sehr neutral geschrieben. Man weiß nie, was er denkt“, urteilt sie über den Urgroßvater. Im August 1914 meldet der sich zum Dienst. Der Sohn eines Landwirts wird Fahrer für die Fußartillerie. Pferde, die Kanonen ziehen, sind im Ersten Weltkrieg noch unabdingbar. Er findet sich in Ostpreußen wieder, wo sie die sich zurückziehenden Russen verfolgen. Die dort gefundenen Munitionswagen, abgeworfenen Tornister, und Gewehre wechseln auf dem Rückzug mit geschlachteten Kälbern, Kartoffeln und beschlagnahmten Schweinen. Rühl erlebt Granatangriffe beim Kochen: „Ich überschlug mich mit meiner Bratpfanne von dem Luftdruck und kam mit dem Schrecken davon.“ Krankheiten, wie eine Flechte, behandelte er mit Zinksalbe und Wasser.

Teil einer verlorenen Generation

Nach einer Erholung geht es für ihn nach Belgien. Als Munitionsfahrer weicht er in Granatlöchern den Schrapnells der Artillerie aus, Bomberangriffe begleiten ihn nach Frankreich, nach Comines. Er erlebt die Kämpfe gegen die Engländer, Gasangriffe, Luftangriffe und den Kriegseintritt der Amerikaner, der das Kaiserreich zum Verlierer macht. Während die deutschen Soldaten zurückkehren, erleben sie die Novemberrevolution: „Eine Ordnung gab es nicht mehr. Ein jeder hatte gehandelt, wie er wollte.“ Zwar vermerkt er, er sei im Dezember 1918 glücklich in Zwochau angekommen. Doch auch die Urenkelin kommt zu dem Schluss, dass es sich bei ihrem Vorfahr um einen Vertreter der verlorenen Generation handelt, die der Krieg gezeichnet hatte.

Von Manuel Niemann

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