Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Delitzsch Selbstverteidigung für Frauen – Delitzscher Reporterin probiert’s aus
Region Delitzsch Selbstverteidigung für Frauen – Delitzscher Reporterin probiert’s aus
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:02 14.04.2018
Selbstverteidigung für Frauen ... also mir macht es Spaß. Quelle: Wolfgang Sens
Anzeige
Delitzsch

Ein Abend in der Turnhalle der Delitzscher Sportfüchse, ein seit 1955 bestehender Judoverein, hier sollen mir Kniffe und Tricks der Selbstverteidigung beigebracht werden. Gezielte Abwehrgriffe, Möglichkeiten einen Angreifer aufs Kreuz zu legen und vor allem Tipps, wie es gar nicht erst so weit kommen muss. Ein paar andere Frauen sind auch dabei. Thilo Wolff und der Mühlenpreisträger Andreas Brauer – beide erfahrene Judoka – wollen uns in knapp zwei Stunden jede Menge zeigen. Erstmal, sagt Andreas Brauer, machen wir uns aber warm, danach geht es auch in die Konfrontation. Ich wiege 59 Kilo auf 175 Zentimetern verteilt, ich bin also nicht gerade eine Kampfmaschine – höchstens verbal. Da hinten steht Thilo Wolff. Ein Koloss aus meiner Sicht, reichlich doppelt so schwer und fast zwei Köpfe größer als ich. Während der Erwärmung denke ich noch „Oh, neeeeeee, lass das bitte nicht meinen Gegner sein, da habe ich nie eine Chance, da gebe ich besser gleich auf!“ und ein paar Tricks später blitze ich ihn aus dunklen Augen an und denke „Na gut, dann komm doch, wirst schon sehen, was du davon hast!“ – dieses Selbstvertrauen kommt nicht von ungefähr, und es ist Gold wert in Sachen Selbstverteidigung.

Gar nicht erst Opfer werden

Thilo Wolff (liegend) und Andreas Brauer sind Profis. Quelle: Wolfgang Sens

Zwei Stunden Training und ich glaube nochmal weniger daran, dass mein Geschlecht das Schwache ist – und das strahle ich auch gerne aus. Schon das kann helfen, bestätigt Andreas Brauer. Selbstbewusstes Auftreten ist grundsätzlich gut und kann unter Umständen helfen, gar nicht erst als Opfer infrage zu kommen. Überhaupt ist ihm und Thilo Wolff im Training zum Thema Selbstverteidigung weniger das Haudrauf als vielmehr vor allem wichtig, zu vermitteln, wie es gar nicht erst so weit kommen muss. Frau hört es vielleicht nicht gerne, aber es fängt schon damit an, dass sie nachts besser nicht alleine durch den dunklen Stadtpark läuft. Wenngleich einem auch bewusst sein muss, dass das Horrorszenario, von einem Unbekannten ins Gebüsch gezogen und vergewaltigt und/oder umgebracht zu werden statistisch weit seltener ist als häusliche Gewalt oder Angriffe von einem Mann aus dem eigenen Umfeld...

So oder so: Es ist null hilfreich Angst auszustrahlen. Also, liebe Frauen: Selbstbewusst auftreten! Die Schultern nicht hängen lassen, klarer und offener Blick, starke und zielstrebige Schritte, feste Stimme, festes Auftreten. Weniger einen auf Mäuschen machen. Wichtig ist auch aufmerksames und achtsames Auftreten, damit frau gar nicht erst in die Situation kommt, sich selbst verteidigen zu müssen. Das heißt: Sich nicht vom Smartphone ablenken lassen, während man nachts allein nach Hause läuft und lieber den Blick für die Umwelt bewahren. So kann ich auch mitkriegen, wer da sonst noch so um die Häuser schleicht und wo ich wiederum Schutz suchen könnte, wo Fluchtwege sind.

Lautstärke und Aufmerksamkeit

Was aber, wenn es doch kritisch wird? Was tun, wenn mich jemand angreift und körperlich wird oder es verdammt danach riecht, dass mein Gegenüber gleich auch im wahrsten Sinne zuschlagen könnte. „Als erstes laut machen!“, rät Thilo Wolff. Es ist wichtig Aufmerksamkeit zu schaffen, sich so laut es nur geht der eigenen Stimme zu bedienen und um Hilfe zu rufen oder auch, um den Gegner anzuschreien. „Da sind auch alle möglichen Kraftausdrücke erlaubt, vollkommen egal, einfach alles rauslassen“, rät Thilo Wolff. In vielen Fällen, das wiederum würden Statistiken belegen, helfe schon dies, einen Angreifer abzuhalten. Frau schreit ihn vehement und richtig fies an und er ist erstmal verdutzt, lässt im besten Fall von dieser offensichtlich schon verbal wehrhaften Dame ab. Und dann? „Sich auf die eigenen Beine verlassen“, sagt Thilo Wolff. Damit ist weniger gemeint, dem Angreifer jetzt einen Tritt in schmerzempfindlichste Stellen zu verpassen – was aber natürlich auch immer eine Option ist –, als vielmehr ganz schnell zu rennen.

Arme verdrehen ist immer hilfreich, sofern man sich zu packen bekommt. Quelle: Wolfgang Sens

Was lernen wir daraus, liebe Damen? Vernünftiges Schuhwerk ist nicht nur orthopädisch sinnvoll, pfeifen wir auf High Heels! Es rennt sich besser in flachen Schuhen. Und überhaupt: Statt beim Joggen immer nur an Fettverbrennung und Bikini-Figur zu denken, sollte frau lieber ihre Sprintfähigkeiten und Kondition trainieren. Wer weiß, wie viele Meter er in hohem Tempo wegrennen könnte, hat schon ein sichereres Gefühl und Verlass auf sich selbst. Bauch-Beine-Po ist auch nicht so sinnvoll wie Arme, die nicht aus Pudding sind und auch mal zuhauen können oder Beinmuskeln, die kräftige Tritte austeilen und über lange Strecken davontragen. Ob da Cellulite dran ist, ist im Ernstfall echt sch...nurzegal.

Körperlich wehren

Was aber, wenn das alles nichts hilft, es zur Konfrontation kommt, der Angreifer mich in seinem Griff bekommt? Auch hier haben Andreas Brauer und Thilo Wolff Tipps. Der wichtigste zuerst: So gut möglich, ruhig zu bleiben. Und sich bewusst sein, dass die meisten Angreifer Frauen erst an den Hals gehen werden, um zu würgen und die Stimme abzuschneiden, mit der sie um Hilfe rufen könnte.

Arme zu verdrehen will allerdings auch geübt sein. Quelle: Wolfgang Sens

Szenario 1: Ein Angreifer kommt auf mich zu und legt mir direkt die Hände an den Hals und beginnt mich zu würgen. Jetzt hilft es zuerst einmal die Angriffsfläche zu verkleinern und die Würge zu lockern, indem man die Schultern hochzieht und so den Hals kürzer macht. Als nächstes kann man mit den eigenen Armen zwischen den Armen des Angreifers durchfädeln oder von oben eingreifen und seine mit aller Kraft nach außen und unten wegdrücken. Im besten Falle bekommt man nach dem nach außen drücken auch seinen Arm zu greifen und kann diesen schmerzhaft verdrehen. Ein guter Angriffspunkt sind die Finger – am besten in alle Himmelsrichtungen verdrehen. Wenn sich der Angreifer in Folge dessen winden muss, kann man gerne noch ein paar kräftige Tritte – natürlich in die Schrittgegend, wo es richtig wehtut – setzen, bevor man wiederum laut um Hilfe schreit und wegrennt.

Aus Übungszwecken werfen wir uns immer wieder gegenseitig auf die Matten. Quelle: Wolfgang Sens

Bei „Gewalt“ gegen den Angreifer gilt: Nur kein Mitleid, nur keine Hemmungen! „Wer eine Frau angreift, hat es nicht anders verdient“, sagt Thilo Wolff. Es sei im Falle des Falles also auch absolut in Ordnung, wenn ich als Frau alles einsetze, was mir zur Verfügung steht. Da kommt zum Beispiel der Schlüssel infrage, mit dem ich einem Angreifer fies in die Augen stechen und ihn kampfunfähig machen kann. Das eignet sich als Gegenwehr auch dann, sollte mich der Angreifer schon zu Boden gebracht haben. Gutes Stichwort hin zu einer weiteren wichtigen Grundregel: Ordnung in der Handtasche. Wer erst ewig nach so einem Schlüssel suchen muss, vertut seine Chance auf Gegenwehr – gerade wenn man allein unterwegs ist, sollte man solche Utensilien als Frau immer griffbereit haben. Dann kann man sich zum Beispiel auch schnell ins eigene Auto retten und davonfahren.

Angenommen der Angreifer landet auf Asphalt und keiner Matte, steht er auch nicht so schnell wieder auf – die Zeit nutzt frau am besten und rennt! Quelle: Wolfgang Sens

Szenario 2: Der Angreifer kommt von hinten und würgt von hinten. Dann kräftig mit beiden Händen zupacken, den Griff des Angreifers so gut möglich lösen und versuchen den Angreifer auf die eigene Hüfte zu hebeln, um ihn dann über die eigene Schulter zu werfen. Dazu tief in den Ausfallschritt gehen, die Hüfte des Angreifers auf die eigene hintere Hüfte stemmen und an seinen Armen kräftig zupacken. Weiter in die Knie gehen und mit Kraft den Gegner über die Schulter rollen. Im besten Falle landet der Angreifer dadurch rücklings auf hartem Asphalt und da steht er erstmal nicht gleich wieder auf... Auch dann: Kein Mitleid zeigen, lieber wegrennen und Hilfe holen. Achso: zutreten geht auch noch, dann rennen! Die gute Nachricht: So ein Angreifer wird meist größer sein als die Frau, die er sich als Opfer sucht – ätschbätsch, das lässt sich für unsereins dann aber auch besser hebeln.

Szenario 3: Hat mich der Angreifer zu Boden gebracht und sitzt auf mir, dann Beine aufstellen und zur Blockade um seine schlingen, Becken nach oben schieben und seitwärts wegdrehen. Auf und rennen!

Generell gilt: Laut machen, um Hilfe schreien, den Angreifer anschreien. Greift er an, zuerst die Frage „Draufhauen oder abhauen?“ am besten mit abhauen klären, ansonsten alles an Geschützen auffahren, was nur irgendwie geht. Vom Treten bis zum Boxen oder einem saftigen Überzug mit der eigenen Handtasche – wie gut, dass die Dinger meist so schwer sind –, es ist in so einer Situation wirklich alles erlaubt. Vor allem Genitalbereich, seitlicher Hals, Augen und Ohren sind schmerzempfindlich. Man kann auch Dreck in Augen werfen. Bei alledem sollte frau schnell und entschlossen handeln. Von Utensilien wie Messern, Pfefferspray und anderen Waffen in der Handtasche raten die Experten dagegen ab. Man müsste schon extrem geübt sein, um diese gezielt und gut anwenden zu können. Ist man es dagegen nicht, können diese Dinge schnell zur gefährlichen Waffe gegen einen selbst werden und es kommt zum Schlimmsten.

Selbstverteidigung

In seiner eigenen Gemeinde kann man bei so gut wie jedem Kampfsportverein nach Selbstverteidigungstrainings fragen, auch Volkshochschulen und Sportclubs haben sie immer mal im Programm. Boxen hilft gut, überhaupt die eigene Hemmschwelle zu überwinden und die gezielten Faustschläge zu trainieren. Kampfsport wie Karate oder Taekwondo kräftigt auch die Beine für gutes Austeilen schmerzhafter Tritte. Judo beinhaltet auch den Aspekt, die Kraft des Gegners für sich zu nutzen und ihn zu destabilisieren. Hilfreich ist auch die Fallschule, um sich vor Verletzungen zu bewahren – unverletzt rennt es sich besser weg. All diese Sportarten schulen Konzentration, Kondition und Koordination sowie das Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein – immer gut für die Gegenwehr.

Übrigens: Es ist mir gelungen, sowohl den 25 Kilo schwereren Andreas Brauer als auch den doppelt so schweren Thilo Wolff aufs Kreuz zu legen und den Herren im Training einige Schmerzen zu bereiten. Eines braucht man als Frau also definitiv nicht denken: dass man keine Chance hätte!

Fakt ist: Frau darf sich keine Illusionen machen: Von ein paar Stunden Selbstverteidigungstraining wird keine Frau zur Kampfmaschine, das würde viele Jahre der Übung erfordern. Eine erste Gegenwehr aber wird schon mit ein wenig Übung relativ gut gelingen. Im Video können Sie sich ein paar erste Griffe abschauen. Am besten aber ist es, selbst ein Training zu besuchen und sich im Falle des Falles auf die eigene Laufkraft zu verlassen.

Von Christine Jacob

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Mannschaft des Orgelbauvereins der katholischen Kirche ist eine der erfolgreichsten in Sachen Geldsammlung. In Rekordtempo wurden die Mittel für eine neue Orgel gesammelt. Nun steht der Verein aber vor der Auflösung.

14.04.2018

Als einer der letzten Orte im Altkreis Delitzsch wird in den nächsten Monaten der Krositzer Ortsteil an das zentrale Abwassernetz angeschlossen. Das kündigt der Abwasserzweckverband Mittlere Mulde, in dem die Gemeinde Krostitz Mitglied ist, an.

17.04.2018

Sie nimmt Gestalt an, die neue Vogelvoliere im Tiergarten Delitzsch. Am Freitag ist der Grundstein gelegt worden. Voraussichtlich noch dieses Jahr wird die Anlage fertig und soll den Besuchern einige besondere Ansichten ermöglichen.

02.05.2018
Anzeige