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Delitzsch Tag zwei im Prozess gegen Delitzscher Messerstecher
Region Delitzsch Tag zwei im Prozess gegen Delitzscher Messerstecher
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19:00 08.04.2016
Abdullah F. auf der Anklagebank. Quelle: André Kempner
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Leipzig/Spröda

Ruhig und gefasst sei er gewesen. Scheinbar unbeeindruckt von der Bluttat, die er gerade hinter sich hatte und die er nicht abstritt. So beschreiben Notarzt und Polizisten den 28-jährigen Marokkaner, wie sie ihn in der Nacht zum 1. September 2015 im Asylbewerberheim Delitzsch-Spröda kennenlernten. Alkoholisiert sei er gewesen, aber gut bei Sinnen. „Ich habe das Messer geholt und ihn abgestochen“, hatte Abdullah F. den Ermittlern zu Protokoll gegeben. Das Opfer: ein 27-jähriger Tunesier, mit dem F. draußen an der Grillecke in Streit geraten war.

Küchenmesser traf Herz und Niere

Seit März läuft der Totschlags-Prozess am Landgericht Leipzig (wir berichteten). Am zweiten Verhandlungstag sagten Einsatzkräfte als Zeugen aus, die damals per Notruf als erste an den Tatort beordert worden waren. „Ich traf um 1.19 Uhr mit zwei Rettungsassistenten vor Ort ein. Wir fanden den Mann in Bauchlage auf dem Boden, ohne Puls“, berichtete der Notarzt. Rund 20 Minuten lang sei versucht worden, den Tunesier zu reanimieren – mit künstlicher Beatmung, Medikamenten, Herz-Lungen-Massagen. Vergebens. Der Stoß mit dem Küchenmesser hatte die linke Niere von Imed G. durchstochen, ein weiterer die linke Herzkammer und Teile der Lunge. Der Facharzt für Rechtsmedizin – mit der Obduktion betraut – entdeckte später sogar einen angeschnittenen Lendenwirbel. „Um den Knochen derart zu verletzen, müssen die Messerstiche mit enormer Gewalt ausgeführt worden sein“, stellte er fest. Spuren, die auf eine Abwehr des Angriffs hindeuten, fand er nicht.

Kameras lieferten Bilder aus Tatnacht

Er habe sich von Imed G. beleidigt und bedroht gefühlt, schilderte Abdullah F. vor Gericht. Deshalb habe er das Messer geholt. Kamera-Aufzeichnungen vom Eingang der Wohnbaracke, die vorgeführt wurden, zeigen den Angeklagten, wie er mit einem Gegenstand in der Hand das Objekt in Richtung Freigelände verlässt und nach nur einer Minute wiederkehrt. Die Stichwaffe warf er aus seinem Zimmerfenster. Ein eigens eingesetzter Suchtrupp der Polizei fand sie später hinterm Haus. Auch Flaschen, Scherben, Handys und Zigarettenkippen wurden von den Kriminaltechnikern sichergestellt. Und Blutproben vom Boden. Rund 30 Meter, so legte es die Blutspur nahe, hatte sich Imed G. noch geschleppt. Der Rechtsmediziner zitierte eine Studie aus der Forensik: „Menschen mit derartigen Herzverletzungen bleiben maximal noch eine Minute handlungsfähig, bevor sie kollabieren.“ Offenbar war der Tunesier bereits tot, bevor ihn andere Heimbewohner im Halbdunkel fanden.

Der Prozess wird nächste Woche fortgesetzt.

Von Kay Würker

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