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Delitzsch Was der Delitzscher Norbert Denef zu Aufklärungsstudie der katholischen Kirche sagt
Region Delitzsch Was der Delitzscher Norbert Denef zu Aufklärungsstudie der katholischen Kirche sagt
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13:07 05.11.2018
Norbert Denef am Ostseestrand in Scharbeutz. Für ihn ist das Training am Meer die beste Therapie. Quelle: privat
Delitzsch

Norbert Denef ist eines der bekanntesten Opfer von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Erst 1993, beinah 35 Jahre nach den Taten, konnte der Delitzscher sein Schweigen über den Missbrauch durch den damaligen Vikar Alfons Kamphusmann in der Familie brechen, 2005 ging der heute 69-Jährige damit an die Öffentlichkeit. Seither arbeitet Norbert Denef mit dem Netzwerk für Betroffene von sexualisierter Gewalt (kurz netzwerkB) daran, dass die katholische Kirche die Taten nicht leugnet und vertuscht, sondern aufarbeitet.

Herr Denef, wie war Ihre Reaktion auf die Erklärung der Bischofskonferenz in Fulda zu den Ergebnissen der Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“?

Das war alles überhaupt keine Überraschung. Da kommt nichts Neues. Die Studie war eine Gefälligkeits-Studie der Wissenschaftler. Wenn sie nichts selber untersuchen können und nur eine Akten-Auswahl der Kirche vorgekaut bekommen – was soll da rauskommen? Acht Jahre nach Bekanntwerden der ersten Missbrauchsfälle glaubt doch keiner mehr, dass es noch die Akten gibt, die hochinteressant wären. Das ist doch Quatsch. Die Zahlen sind nur überraschend für die, die bisher blind und taub waren.

Sie sprechen davon,
das laut Studie zwischen 1946 und 2014 insgesamt 1670 katholische Kleriker 3677 meist männliche Minderjährige sexuell missbraucht haben
. An der Haltung der katholischen Kirche hat sich Ihrer Ansicht also nichts geändert?

Gar nichts ist passiert. Die internen Abläufe innerhalb der katholischen Kirche sind so verkrustet, sie bekommen gar nicht mit, wie sehr sie Menschen verletzen.

Und was halten Sie von dem beschlossenen Maßnahmepaket?

Gruselig. Es ist nichtssagend. Darin steht nur: ‚wir werden, wir werden‘. Aber ist denn daraufhin schon etwas passiert? Hat der Bischof des Bistums Magdeburg, Gerhard Feige, schon bei mir angerufen und gesagt: Jetzt geht es los, wir werden Ihren Fall aufarbeiten? Das wäre seine Arbeit gewesen. Richtig ist der Ansatz, dass über mögliche Entschädigungen geredet wird.

Was wäre eine angemessene Entschädigung?

Wenn wir über Geld reden, dann ungefähr in der Größenordnung wie sie in Amerika für sexuelle Misshandlung gehandelt wird. Eine Million Euro gilt dort als Richtwert. Der entstandene Schaden beinhaltet aber weit mehr: Therapiekosten, berufliche und gesundheitliche Schäden, aber auch meine Familie ist davon betroffen. Mit den ganzen negativen Einflüssen, die durch den Missbrauch in Bewegung gebracht werden, bestraft man aber am Ende nur sich selbst. Damit muss irgendwann Schluss sein. Dadurch kam ich vor Jahren auf die Idee mit dem Akt der Versöhnung.

Wenn ich Ihre Idee richtig verstehe, geht es Ihnen um eine gemeinsame Aufarbeitung. Erst danach ist eine Versöhnung überhaupt möglich, richtig?

Eine Aufarbeitung ist ein Akt der Versöhnung. Sie findet aber von Seiten der Kirche nicht statt.

Sie sagen auch, dass das Eingeständnis des Delitzscher Pfarrers Michael Poschlod im LVZ-Interview, die Kirche habe sich schuldig gemacht, weil Ihrer und weitere Fälle von Übergriffigkeit vertuscht wurden, ein erster Schritt in die richtige Richtung war. Ihnen reicht das aber nicht weit genug, richtig?

Das ist soweit richtig. Aber dann macht Herr Poschlod eine Kehrtwende und geht weg von der Aufarbeitung. Das wäre aber sein Job gewesen. Als Seelsorger und Nachfolger trägt er eine Mitverantwortung. Dann muss er seinem Bischof in Magdeburg gegen das Schienbein treten. Aber dann ist er seinen Posten los. Und deshalb sagt niemand etwas. Mir geht es nicht um Strafe, sondern darum, Farbe zu zeigen. Delitzsch ist ein wunderbares Beispiel: Vor 13 Jahren hat es hier diesen Knall gegeben – und nichts ist seither passiert. Meine Familie ist seit 1993 verfeindet. Wir werden seither ausgegrenzt. Aber alle gucken weg.

Haben Sie eine Erklärung, warum sich Familien bei bekanntwerden von Fällen wegducken, sich nicht damit beschäftigen wollen?

Um diesen Schmerz nicht zu spüren, blenden sie es aus. Sie rennen davon weg und fangen erst viel später an, es zu begreifen. Das ist in unserer Gesellschaft drin, dazu sind wir erzogen worden.

Also ein Problem in der gesamten Gesellschaft?

Ja, es ist ein Problem der gesamten Gesellschaft.

Sie haben kürzlich angekündigt zum Jahresende den Vorsitz des Vereins netzwerkB niederzulegen. Was hat das Netzwerk für Betroffene bisher erreicht?

Der Verein ist eine Opfer-Interessensvertretung. Wir helfen den Betroffenen nicht unmittelbar an der Basis, sondern wir treten politisch für sie ein. Wo wir die meiste Bewegung reingebracht haben, ist die Aufhebung der Verjährungsfrist für Sexualstraftaten an Minderjährigen. Dass die Verjährungsfristen von 3 auf 30 Jahre angehoben worden ist, ist allein dem netzwerkB zu verdanken. Wir fordern aber die komplette Aufhebung der Fristen. Juristisch ist das möglich. Wie es uns Spanien aktuell vormacht.

Wie geht es für Sie 2019 weiter?

Ich lebe in Scharbeutz an der Ostsee. Das Meer ist für mich Therapie. Immer wenn ich denke, es geht nicht mehr weiter, gehe ich an den Strand, mache Übungen und tanze mit Hula-Hoop-Reifen. Nach einer Stunde denke ich, was war denn vorhin – alles Negative ist vergessen. Daraus ist die Idee für ein eigenes ganzkörperliches Training mit Reifen entstanden, die ich jetzt seit etwa zwei Jahren unter dem Namen denefhoop vertreibe. Ich möchte auch eine Stiftung gründen, die das gesellschaftliche Schweigen in den Bereichen sexualisierte Gewalt und Misshandlung von Kindern brechen soll. Jeglicher Gewinn der Firma soll dann in diese Stiftung fließen. Ich habe da kein Profitdenken.

Von Mathias Schönknecht

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