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Wenig Hoffnung auf den großen Schulze-Delitzsch-Boom

Wie weiter mit Unesco-Titel? Wenig Hoffnung auf den großen Schulze-Delitzsch-Boom

Schöne Zeiten für die Loberstadt. Mit der Auszeichnung als immaterielles Kulturerbe der Menschheit hat es geklappt für die Genossenschaftsidee von Schulze-Delitzsch und Raiffeisen. Eine ganze Region hofft auf den Durchbruch, glaubt man Politikern. Die Hoteliers in Delitzsch allerdings sehen die Sache schon mit gedämpfteren Erwartungen.

Ob nun Schulze-Delitzsch (rechts) oder Ehrenberg (links), die berühmten Söhne der Stadt sind eben noch nicht berühmt genug.

Quelle: Wolfgang Sens

DELITZSCH. Die touristische Strahlkraft in Nordsachsen wird steigen, sagen sie. Für Delitzsch gibt es jetzt ganz andere Vermarktungsmöglichkeiten, die Stadt spielt in einer anderen Liga, heißt es. Die genaue Wirkung ist jetzt noch nicht abzuschätzen, glaubt man. So weit das politische Lob und die Hoffnungen verbunden mit der Aufnahme der Genossenschaftsidee in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit vergangenen Mittwoch. Eine Region scheint auf den großen Durchbruch zu hoffen. Weniger Euphorie allerdings gibt es bei den Delitzscher Hoteliers.

„Den ganz großen Boom wird es damit nicht geben“, glaubt Gabriele Mertzsch, Inhaberin der Hotel-Pension Grüne Linde in der Eilenburger Straße, mitten an der Einkaufsmeile. Ein schöner Erfolg sei die Anerkennung der Genossenschaftsidee, geboren in Delitzsch, zwar, aber Durchschlagskraft habe das wohl nicht. „Es wird uns in Delitzsch mehr Tages- und Individualtouristen bringen, aber keinen großen Boom.“

Glaube an den großen Boom fehlt

„Delitzsch ist halt nicht der Nabel der Welt touristisch gesehen. Da wünscht man sich mehr“, sagt Hotelier Gerhard Röhm, der in der Ritterstraße den Goldenen Adler in unmittelbarer Nachbarschaft zum Schulze-Delitzsch-Haus betreibt. Bis jetzt habe er noch keine zielgerichteten Fragen zum gerade gefragtesten Sohn der Stadt erhalten, aber ausschließen möchte er das nicht: „Ich kann mir vorstellen, dass das den einen oder anderen Besucher ins Museum lockt. Da muss dann bloß die Ausstellung des Museums entsprechend temperiert und attraktiv sein. Es ist so: Die Leute kommen und möchten ins Museum gehen, da gibt es dann schon eine gewisse Erwartungshaltung. Das Museum ist interessant, keine Frage, aber von Schulze-Delitzsch selbst ist nichts vorhanden: Kein Stuhl, kein Schreibtisch.“ Sicher ist er, dass der Weltkulturerbetitel in irgendeiner Form „ausgeschlachtet“ werden wird, in seinem Gewerbe sei man hier auch auf den Oberbürgermeister und entsprechende Urkunden und Zertifikate angewiesen. Selbst versucht es Gerhard Röhm bereits über das Internet zu forcieren. Unter der Adresse www.dr-schulze-delitzsch.de erfahren Interessierte nicht nur etwas zu Schulze-Delitzschs Werdegang und seiner Ideen, sondern werden auch auf seine Delitzscher Adressen verwiesen. Eine solche Vernetzung kann Röhm sich auch mit der Seite des Museums vorstellen: „Man muss umtriebig sein, damit die Gäste kommen.“ Röhm gelingt das zum Beispiel mit Motorradfreundlichkeit, für die sein Haus ausgezeichnet wurde. Aber: Eine App der auch für das Genossenschaftsmuseum zuständigen Gesellschaft zu Schulze-Delitzsch gibt es bereits.

Schulze-Delitzsch ist ein Punkt von vielen

Für Schulze-Delitzsch wächst dank Kulturerbe-Liste nun der Bekanntheitsgrad. Und er ist, findet Norbert Teresniak vom Schenkenberger Hof, ein weiterer Punkt, mit dem man in Delitzsch punkten kann. „Von Tagungen wie den Delitzscher Gesprächen der Schulze-Delitzsch-Gesellschaft haben wir Hoteliers früher auch schon profitiert“, sagt Norbert Teresniak, „es kann also durchaus sein, dass da auch noch mal mehr dazukommt.“ Aber auch bei „normalen“ Touristen sieht er durchaus Potenzial. „Es wird vermutlich keiner nur wegen Schulze-Delitzsch kommen, aber er ist ein Punkt von vielen, die wir hier in unserer Region zu bieten haben.“ Beim Neuseenland sei es ja auch nicht so gewesen, dass sofort der Boom da war – „alles muss sich erstmal entwickeln“, ist der Chef des Schenkenberger Hofs hoffnungsvoll.

Torsten Anders, Chef im Hotel „Zum Weißen Ross“, glaubt auch eher an einen thematischen Erfolg bei Tagestouristen. Diese könnten durch den berühmten Stadtsohn und die jetzige Auszeichnung der Unesco durchaus in die Loberstadt gelockt werden. Aber auch im ersten Haus am Platz scheint man an den ganz großen Schulze-Delitzsch-Boom nicht zu glauben. Noch nicht vielleicht.

Von Christine Jacob und Manuel Niemann

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