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Wenn es Zoff mit dem Nachbarn gibt

Wenn es Zoff mit dem Nachbarn gibt


Delitzsch. Einmal im Monat, meist am letzten Dienstag ab 16 Uhr, rücken im Delitzscher Rathaus Streitigkeiten auf die Tagesordnung.

. Dann öffnet im Ratszimmer im Erdgeschoss die Schiedsstelle, hilft in Konfliktsituationen, beantwortet Fragen. Im Schnitt kommen zwei Leute pro Sprechstunde. Im zu Ende gehenden Jahr haben Friedensrichter Andreas Walther und Stellvertreterin Solveig Kistler allerdings „nur" beraten. Eine Schlichtungsverhandlung mussten sie nicht führen.

2010 war das anders. Gleich dreimal stand eine Schlichtung an – zweimal mit Erfolg, einmal abgebrochen ohne Ergebnis. Das Schlichtungsverfahren ist die höchste Aufgabe der Friedensrichter. Es soll auf bürgernahe Weise die Justiz entlasten, indem Streitigkeiten außergerichtlich geklärt werden. Ziel ist es, dass die Streitparteien jeweils so weit von ihrem Standpunkt abrücken, dass ein rechtsverbindlicher Vergleich geschlossen werden kann – mit Protokoll, Unterschrift und Stempel.

Wenngleich 2011 ohne ein solches Verfahren verlaufen ist: Gut zu tun hatten Andreas Walther und Solveig Kistler dennoch. An Beratungsuchenden, die das kostenlose Angebot nutzen, mangelt es nicht. „Sehr häufig geht es in den Konflikten um Bebauungen oder Pflanzungen an der Grundstücksgrenze", schildert Andreas Walther. Mal sind Sträucher zu hoch, mal ragen Gehölze zu weit herüber. Dann hängt der Nachbarschaftssegen schief. Auch Lärm von Tieren oder Jugendlichen nebenan ist ein geläufiges Problem. Patentlösungen dafür gibt es nicht. „Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Wichtig ist, dass kein Nachbar eigenmächtig handelt, sondern mit dem anderen das Gespräch sucht", betont der 56-jährige Friedensrichter. Wenn das nicht klappt, empfiehlt er, einen Brief zu schreiben. Die Schlichtungsverhandlung ist immer die allerletzte Option in Walthers Zuständigkeitsgebiet.

Zuständig ist der Friedensrichter im Übrigen nur für ausgewählte Straf- und Zivilsachen: Die Palette reicht von Beleidigung und Hausfriedensbruch über Verleumdung, Bedrohung und Sachbeschädigung bis hin zu Schaden-ersatzforderungen und nachbarschaftlichen Streitigkeiten. Wobei der Nachbars-Clinch offenkundig überwiegt. Keine Beratung gibt es zum Beispiel in Bau- oder Erbrechtsangelegenheiten.

Andreas Walther und Solveig Kistler sind in den Sprechstunden meist beide anwesend. Ein Team, das sich ergänzt, gerade bei schwierigeren Entscheidungen. Beide führen das Ehrenamt seit 2004 aus, wurden 2009 für weitere fünf Jahre wiedergewählt. Und beide sind sich in der Zwischenbilanz einig, dass sich manches anders darstellt als anfangs erwartet. „Man lernt viel, aber ich bin teilweise auch erschrocken, über was sich Menschen alles streiten können", konstatiert Solveig Kistler. „Die Aufgabe ist umfangreicher und vielleicht etwas komplizierter, als ich dachte", ergänzt Andreas Walther. Natürlich werde vor allem gesunder Menschenverstand gebraucht, aber auch viel Fachwissen. Regelmäßig finden Fortbildungslehrgänge statt, die juristische und verfahrenstechnische Grundlagen vermitteln. Hinzu kommt der Erfahrungsaustausch unter Amtskollegen bei jährlichen Treffen.

Immerhin: Beide Delitzscher Friedensrichter sind es schon von Berufs wegen gewohnt, mit Menschen umzugehen. Andreas Walther ist Betriebsratsvorsitzender im Schienenfahrzeugwerk, Solveig Kistler arbeitet als kaufmännische Angestellte. Bereut haben sie die Entscheidung fürs Ehrenamt nicht. Im Gegenteil: Sie hoffen, dass die Schiedsstelle auch 2012 wieder gut besucht wird. „Die Streitigkeiten, die auf unserem Tisch landen", vermutet Walther, „sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs."

Kay Würker

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