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Wie behindertengerecht ist Delitzsch?

Stadt im Check Wie behindertengerecht ist Delitzsch?

Wussten Sie, dass an den Drückern an Ampeln auch ein Richtungshinweis für Blinde- und Sehbehinderte versteckt ist? Wussten Sie, dass das Altstadtpflaster Rollstuhlfahrern eines der größten Ärgernisse macht? Die LVZ hat sich umgeschaut und geht der Frage nach, wie behindertengerecht die Stadt Delitzsch ist.

Ein Blindenführhund hilft Peggy Jacob sehr im Alltag.

Quelle: Wolfgang Sens

Delitzsch. Die Stadt wächst, Straßen werden saniert, Schulen modernisiert. Es tut sich viel in Delitzsch. Doch ist eigentlich allen – oder fast allen – damit auch Genüge getan? Die LVZ will dieser Frage nachgehen und Delitzsch genauer betrachten. Mit Experten nehmen wir die Stadt in den Check. Erste Frage: Wie behindertengerecht ist Delitzsch?

Schon am Treffpunkt Unterer Bahnhof geht es los, findet Peggy Jacob. Die 44-Jährige hat im Kleinkindalter das Augenlicht verloren. Sie engagiert sich im Blinden- und Sehbehindertenverband, mit dem wir gut eine Stunde durch die Stadt gehen. „Es fehlt ein gut spürbarer Leitstreifen hin zu Gleisen und Unterführung“, lautet ein Manko am Bahnhof als Tor zur Stadt. Nächster Punkt: Es gibt am Busbahnhof nicht für jede Buslinie eine feste Parkbucht und so wissen Blinde und Sehbehinderte nicht, welcher Bus dort steht, sondern müssen die Linien erfragen. In den Bussen würden, so der Verband, die Haltestellenansagen teilweise fehlen.

Infosäule zu spät zu erkennen

Zur grundsätzlichen Orientierung am Verkehrsknoten dient eine Infosäule. Dort ist für Blinde ein Drücker, vergleichbar mit denen an Ampeln, angebracht. Nach dem Betätigen kommt eine Ansage, wann welcher Zug oder Bus von welchem Steig oder Gleis fährt – im Prinzip wird die Anzeigetafel vorgelesen. Allerdings stellt sich das Finden der Infotaste als nicht so einfach dar. Das klackende Geräusch ist zu leise eingestellt für den Trubel und ist für Peggy Jacob erst zu hören, als sie unmittelbar daneben steht – schon etwas mehr Lautstärke würde helfen. Wie auch am Bahnhof die Infotaste, ist das Klicken der Ampel in der Bitterfelder Straße zu leise. Vibrieren und das akustische Signal zum Überqueren der Straße dagegen funktionieren einwandfrei. Fasst man mit der Hand unter den Drücker, erfühlt man zudem einen Richtungspfeil, der Blinden und Sehbehinderten die Laufrichtung weist.

Leitsystem nicht deutlich genug

Die Bushaltestellen in Delitzsch sind mittlerweile zum Großteil barrierefrei gestaltet. Rollstuhl und Rollatorenfahrer haben es inzwischen leichter, in die Busse zu kommen. Zudem gibt es an den meisten erst vor Kurzem umgestalteten Haltestellen ein Leitsystem. Die anders als das übliche Pflaster geprägten Bodenplatten – für Sehende an ihrer weißen Farbe zu erkennen – dienen als Signal. Auch hier ein Manko: Die Rillen, welche zeigen, dass da überhaupt eine Haltestelle ist, sind laut dem Verband zu oft zu weit von der eigentlichen Wartestelle entfernt.

Dass ein Leitsystem vor einer komplexen Herausforderung kapitulieren kann, ist an der Ecke von Marien- und Bitterfelder Straße zu erleben. Bodenplatten mit Rillen weisen Blinden- und Sehbehinderten den Weg – aber wohin eigentlich genau? Direkt auf die andere Straßenseite der Bitterfelder? Oder zur Verkehrsinsel in der Mitte? Peggy Jacob ist sich mit ihrem Stock nicht schlüssig. Auf der Verkehrsinsel angekommen, geformt ist sie wie ein Dreieck, ist der Abstand von Leitstreifen zu Leitstreifen in der Spitze bis zu zwei Meter groß – zu groß, um davon korrekt geführt zu werden.

Der Faktor Mensch

Ein weiteres wichtiges Stichwort ist und bleibt der Faktor Mensch. Peggy Jacob und ihre Mitstreiter appellieren daher, Leitsysteme und Fahrbahnabsenkungen nicht zuzuparken oder mit Dingen wie Fahrradständern und Werbeaufstellern zu blockieren. Und wie allen Hunden tut man keinem Blindenführhund etwas Gutes, wenn man im Winter Salz streut – das brennt in den Pfoten, der Hund will nicht weiterlaufen, der Blinde steht auf gut Deutsch dumm da.

Während Blinde vor allem mit zu voll gestellten Geschäften hadern, kommen Rollstuhlfahrer in etliche Läden gar nicht erst hinein. Auch das Altstadtpflaster stellt eine Hürde dar – hier ist aber mit Querungshilfen an einigen Stellen Abhilfe geschaffen worden.

Fazit: Vieles ist in Delitzsch bereits für die Belange von Menschen mit Behinderung getan worden. Vieles davon ist gut gemeint, aber in der Umsetzung noch nicht vollkommen geglückt. Für komplexe Bauthemen, wie zum Beispiel fehlende Leitstreifen an Bahnhöfen, trägt nicht allein eine Stadtverwaltung Verantwortung. Die Stadt Delitzsch bemüht sich um Service: Auf der Seite www.delitzsch.de kann man sich ein Handbuch „Barrierefrei in Delitzsch“ mit vielen Tipps runterladen.

Von Christine Jacob

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