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Wird Genossenschaftsidee aus Delitzsch Weltkulturerbe?

Nächste Auszeichnung möglich Wird Genossenschaftsidee aus Delitzsch Weltkulturerbe?

Kommt nach dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis nun die nächste große, ja noch größere Ehre für die Stadt Delitzsch? In diesen Stunden entscheidet sich, ob die in der Loberstadt geborene Genossenschaftsidee auf die „Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“ kommt.

Daumendrücken für seine Idee: Hermann Schulze-Delitzsch ist der Vater der Genossenschaften.

Quelle: Karl Gräfe

DELITZSCH. Die Genossenschaftsidee auf der „Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit“? Ja? Nein? Nachbessern? Die Entscheidung fällt in diesen Stunden im äthiopischen Addis Abeba, wo Oberbürgermeister Manfred Wilde (parteilos) gerade vor Ort ist. Am Mittwochnachmittag könnte er sich eventuell schon mit einem Ergebnis melden, vielleicht erst am Donnerstag – da wird es auf jeden Fall eine Pressekonferenz im Deutschen Genossenschaftsmuseum in der Kreuzgasse geben. Klappt es mit dem Kulturerbetitel, kann Delitzsch sich auf Prestige freuen – Jurist Hermann Schulze-Delitzsch entwickelte die Idee hier in Delitzsch nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“, 1849 wurde die erste gewerbliche Genossenschaft der Welt in Delitzsch gegründet. Daumendrücken heißt es daher bei denen, die hier heute noch im Ansinnen des Pioniers arbeiten.

Werbung für die Genossenschaftsidee

„Wir würden uns sehr freuen, wenn es klappt“, sagt beispielsweise Gerhard Schladitz, Chef der Agrargenossenschaft Beerendorf. Es würde, so Schladitz stellvertretend für die Agrargenossen, sie ehren. Vor allem aber, so die Hoffnung, könnte der Titel die Genossenschaftsidee noch weiter publik machen und noch mehr Menschen verdeutlichen, dass und wie diese gute in Delitzsch geborene Idee funktioniert. In Beerendorf funktioniert sie seit 25 Jahren und wird mit Überzeugung gelebt: „Wir sind eine sehr aktive und produktive Genossenschaft“, sagt Gerhard Schladitz.

„Grundsätzlich bin ich dafür, dass die Genossenschaftsidee als solche geschützt und bewahrt sein sollte“, erklärt Thomas Ruland, Geschäftsführer der La Belle Friseur und Kosmetik Genossenschaft und hofft auf den Erfolg. Dennoch: Um den Genossenschaftsgedanken in Gänze umzusetzen, seien die Rahmenbedingungen jetzt gerade für das Handwerk eher „unfreundlich“. „Besonders, weil wir ein reiner Wirtschaftsbetrieb sind“, so der Geschäftsführer. Hauptaufgabe sei für ihn, vor allem vor dem Hintergrund des Mindestlohnes, die vorhandenen Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern. Darin sehe er seine soziale Verantwortung. Sie sei auch Grundidee der Genossenschaft und der fühle er sich verpflichtet. Auch Offenheit und Ehrlichkeit gehöre dazu. „Bei uns werden die Probleme, leider gibt es davon im Moment mehr als positive Dinge, offen angesprochen.“ Mitglieder der Genossenschaft besonders zu fördern, sei ebenso Zweck der um 1992 gegründeten Friseur-Genossenschaft. Natürlich gebe es Ausschüttungen zum Jahresende, doch allein damit werde die Mitgliedschaft nicht attraktiv. Es müsse auch andere Alternativen geben.

Idee aus Delitzsch ist einzige Nominierung

Die Genossenschaftsidee in diesem Sinne weiterentwickeln? Vielleicht wird das Kulturerbe auch Ansporn. Als einziger von 27 Vorschlägen bundesweit wurde die Genossenschaftsidee vor zwei Jahren für die Nominierung für die Liste des immateriellen Kulturerbes bei der Unesco vorgeschlagen. Vor etwa fünf Jahren begann die Arbeit. Die Genossenschaftsidee ist zudem die erste deutsche Nominierung für die repräsentative Liste. Der Antrag wurde gemeinsam von der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft und der Raiffeisen-Gesellschaft gestellt. Ob der Vorschlag glatt durchgeht, ist offen. Wie kürzlich bekannt wurde, ist nach einer Vorabprüfung vorgeschlagen worden, die Bewerbung zur Überarbeitung zurückzuschicken. Das Komitee in Äthiopien muss der Empfehlung aber nicht folgen.

Immaterielles Kulturerbe

Als immaterielles Kulturerbe werden kulturelle Ausdrucksformen bezeichnet, die unmittelbar von menschlichem Wissen und Können getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und stetig neu geschaffen und verändert werden, daher im Gegensatz zu unbeweglichen Bauten und beweglichen Gegenständen, beispielsweise den bekannten Welterbestätten oder dem Weltdokumentenerbe, nicht anfassbar sind. Im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes befinden sich derzeit 34 Einträge. Das Verzeichnis soll von Jahr zu Jahr wachsen und langfristig die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen in und aus Deutschland sichtbar machen.

Von Christine Jacob und Ditmar Wohlgemuth

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