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Delitzsch Ziemlich beste Freunde in Beerendorf
Region Delitzsch Ziemlich beste Freunde in Beerendorf
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06:00 13.07.2018
Kathleen Schmidt verhalf Roland Härting gemeinsam mit Anke Tost, Pflegedienstleiterin im Awo-Zentrum Beerendorf (links), zu einem würdigeren Leben. Quelle: Heike Liesaus
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Delitzsch

„Rasender Roland“ steht auf dem T-Shirt von Roland Härting. Kathleen Schmidt, die durchaus als seine „ziemlich beste Freundin“ bezeichnet werden kann, hat es ihm vom Ostsee-Urlaub mitgebracht. Auch Roland Härting ist braun gebrannt. Er betont oft, dass ihm sein jetziges Leben, wie Urlaub vorkommt. Jeden Tag ist er jetzt stundenlang im Freien unterwegs mit seinem Elektrorollstuhl, den er wegen der spastischen Lähmung braucht. Er kann sich diebisch über den Witz freuen, dass er wahrscheinlich zu den kräftigsten Stromverbrauchern im Awo-Seniorenzentrum Beerendorf gehört. Ein Rasender Roland zwischen Delitzsch und Beerendorf. Das genießt er. Das war nicht immer so.

Quereinsteigerin

Kathleen Schmidt ist Quereinsteigerin in der mobilen Pflege und erst seit Dezember im Team der Awo. Im ersten Berufsleben war sie Friseurmeisterin und schon immer fasziniert von den Geschichten in den Köpfen unter den Haaren, die sie verschönerte. Den Schritt in die Pflege, die Bekanntschaft mit neuen Kollegen und den Patienten empfand sie als Bereicherung. „Es ist einfach schön, nicht mehr Einzelkämpferin zu sein. Ich fühle mich aufgehoben.“

Verständigung

Der Kontakt mit Roland Härting sei schon ein besonderer. Ihn traf sie, weil der mobile Pflegedienst mit der Versorgung nach einer Knieoperation beauftragt war. „Ich war fassungslos über den Zustand dieses Menschen und des Zimmers, in dem er hauste. Ein Pflegebett war der einzige Luxus für ihn und für uns als Pflegepersonal.“ Auch sie musste erstmal mit der Situation klarkommen und einen Draht finden. Das klappte, als sie ihn mit ein, zwei Witzen erheiterte. „Seitdem konnten wir über alles mögliche sprechen.“ Die Spastik lässt nicht allein Muskeln von Händen und Beinen nicht so funktionieren, wie sie sollten, sondern auch diejenigen, die fürs Sprechen zuständig sind. Doch Roland Härting ist keineswegs gehemmt, sich zu artikulieren: „Klar, bin ich schlecht zu verstehen, aber geistig behindert bin ich nicht.“

Eiserner Wille

Kathleen Schmidt war bald beeindruckt vom Allgemeinwissen, dem Interesse am Weltgeschehen, aber auch von der Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die ihn versorgten. Sie erlebte auch, mit welcher Zielstrebigkeit ihr Patient, der nach der Knieoperation vollständig ans Bett gefesselt war, daran arbeitete, wenigstens mit dem Rollstuhl mobil zu sein. „Irgendwann meinte er, dass er nun probieren will, im Sessel zu sitzen. In dem Moment ließ er sich aus dem Bett fallen und robbte in Richtung Sessel“, kann sie bis heute nicht fassen, dass die Fortbewegung von Kindheit an so funktionieren musste. Der Kontakt hielt auch, als das mobile Awo-Team nicht mehr mit der OP-Nachsorge beauftragt war. Er hatte ihr auch erzählt, dass er als Kind viele Freunde hatte, dass er seinen Eltern half, sogar Gemüsebeete in Pflege hatte und damit ein wenig eigenes Geld verdienen konnte. Aber generell blieb, nachdem seine Mutter verstorben war, „Zuwendung und Pflege, die er als behinderter Mensch braucht, auf der Strecke “, schätzt Kathleen Schmidt ein. „Die Personen, die ihn versorgen und betreuen sollten, waren mehr an der finanziellen Seite interessiert.“ Zwei mal eine halbe Stunde täglich und nur mit Glück in den Rollstuhl, der Gedanke hatte die 46-Jährige schon sehr verzweifelt gemacht, als sie selbst zu Weihnachten im Kreise ihrer Familie saß.

Eigenständiges Leben

Schon lange hatte sie, aber auch andere Bekannte ihm geraten, ins Pflegeheim zu gehen. „Aber ich fühlte mich zu jung“, merkt Roland Härting an. Doch irgendwann reichte der Humor nicht mehr. Konflikte spitzten sich zu. Zum Glück war zu diesem Zeitpunkt ein Platz im Beerendorfer Awo-Heim frei. Pflegedienstleiterin Anke Tost und das Team setzten sich dafür ein, dass er an Roland Härting ging. Und der erobert sich hier im Alter von über 60 Stück für Stück ein selbstständigeres Leben. Kathleen Schmidt hilft ihm, wo sie kann. „Leider ist er mittellos. Doch vielleicht finden sich Menschen, die ihn Unterstützen möchten, den ein oder anderen Wunsch zu erfüllen. Er war immer bescheiden, aber ich denke, er hat Besseres verdient.“ Und sie hofft, dass andere Verkehrsteilnehmer auf Rollstuhlfahrer auf Gehwegen und Straße aufpassen. Roland Härting zeigt sich gelassen: „Ich habe nie Probleme. Ich fahre hinten an den Gärten lang.“ Diesen Weg kennt Kathleen Schmidt gar nicht. Er lacht: „Weil du immer mit dem Auto fährst.“

Von Heike Liesaus

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