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Abschiebung trotz Integration?

Döbelner SC setzt sich für afrikanische Jugendliche ein Abschiebung trotz Integration?

Abdoul Latif Madjdou aus Benin und Amidu Dadi aus Ghana kamen vor zwei Jahren als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland. Bei den Fußballern des Döbelner SC haben die beiden Jungen ein soziales Umfeld gefunden, das es ihnen leicht gemacht hat, sich zu integrieren. Mit ihrer neuen Familie kämpfen sie jetzt darum, in Deutschland selbstbestimmt leben und arbeiten zu dürfen.


Döbeln.. „Don Quichote hat auch gegen Windmühlen gekämpft und nicht aufgegeben.“ Holger Schmidt ist jemand, der immer positiv denkt. Vor einem Jahr sind Latif und Amidu zu ihm in die A-Jugend des Döbelner SC gewechselt, nachdem sie bereits ein Jahr B-Junioren gespielt hatten. Skeptisch sei er genauso wie viele andere im Verein gewesen, als die Flüchtlingswelle in den Gruner-Sportpark geschwappt ist. Aus der Jugendwohngruppe „Distel“ in Großweitzschen kam ein ganzer Schwung unbegleiteter minderjähriger Asylsuchende, die Fußball spielen wollten – oder sollten.

Nachdem die Jungs zunächst alle zusammen separat von den anderen Fußballern des Vereins trainiert werden, entschließt man sich beim DSC schnell, einen anderen Weg zu gehen. Die Integration entsprechend des Alters in die einzelnen Mannschaften erscheint den Verantwortlichen sinnvoller. „Natürlich haben wir darüber diskutiert und uns gefragt – was bringt uns das?“, erinnert sich Schmidt. Wer macht das schon gern – Zeit und Kraft zu investieren, ohne eine Garantie zu haben, dass sich die Arbeit lohnt. Aber wann gibt es schon Garantien.

Flucht über das Mittelmeer

Eine Garantie hat auch Latif nicht, als er sich mit 16 Jahren von Benin aus auf die Flucht begibt. Wer könnte ihm die auch geben. Seine Mutter stirbt nach langer Krankheit als er fünf Jahre alt ist. Er lebt mit dem Vater allein, Geschwister hat er keine. Er geht zur Schule, läuft und spielt Fußball. „Ich war sehr glücklich“, schreibt der Junge in einem Aufsatz im Deutschunterricht am Döbelner Berufsschulzentrum über diese Zeit. Als sein Vater verhaftet wird, ändert sich für den Jungen alles. Von heute auf morgen ist er allein in dem von Korruption geprägten Land. Vom Vater, von dem er seit dessen Inhaftierung nichts mehr gehört hat, bekommt er die letzten Worte mit auf den Weg: „Versuche, das Land zu verlassen.“

Für Latif, der sich ohne den Vater oft allein fühlt, beginnt eine Odyssee. Über Niger geht es auf Pritschenwagen durch die Wüste nach Libyen. Der 16-Jährige glaubt irgendwann nicht mehr daran, dass er jemals irgendwo ankommen würde. Ohne Wasser, ohne Essen schlägt er sich gemeinsam mit anderen Flüchtlingen durch brennend heiße Tage und eiskalte Nächte. Läuft, wenn das Auto nicht mehr fährt. Er hat Angst zu sterben. „Es war die Hölle, aber Gott hat mir eine Chance gegeben, wieder zu leben“, sagt der gläubige Muslime heute.

Drei Monate etwa – „man hat kein Gefühl mehr für die Zeit“ – verbringt Latif in Libyen, schlägt sich durch, versucht zu überleben in dem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land, in dem Menschen mit schwarzer Hautfarbe diskriminiert werden, die Gesetzeslage unklar und das Leben nicht nur für Kinder gefährlich ist. Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit, dass ein Menschenleben Wert besitzt – für Latif sind das Dinge, die er später in Deutschland mit Staunen und Dankbarkeit wahrnimmt.

Von Libyen aus macht sich der 16-Jährige auf den Weg nach Italien. Mit dem Boot geht es über das Meer. Drei Tage ist die Besatzung unterwegs, weil der Motor kaputt geht. Wasser gibt es irgendwann nicht mehr, die Notdurft muss ins Boot erledigt werden. Durchfall breitet sich aus. Es sind schlimme Erfahrungen für Latif. Nicht alle Erinnerungen kann er immer verdrängen. Auch im Auffanglager in Italien will er nicht bleiben. Alkoholmissbrauch und Gewalt sind dort an der Tagesordnung, es ist ein gefährliches Pflaster für Jungs wie ihn. Irgendwann versucht er sein Glück und setzt sich in einen Zug nach Deutschland. Im Dezember 2015 kommt Abdoul Latif Madjdou in Rosenheim an, ohne Pass, mit Nichts außer dem, was er an sich trägt. Und mit Narben auf der Seele.

Narben am Körper und auf der Seele

Amidu aus Ghana trägt seine Narben nicht nur auf der Seele. Sie sind auch sichtbar an Schulter und Arm und stammen von den Misshandlungen, die er auf seiner Flucht in Libyen erfahren hat. Seit er elf Jahre jung ist, schlägt sich Amidu allein durchs Leben, die Eltern hat er beide verloren, der Onkel kann ihn nicht gebrauchen, die wesentlich ältere Schwester lebt ihr eigenes Leben. Wenn Amidu erzählt, wirkt es immer ein wenig, als würde er sich schämen für das, was er erlebt hat.

Genau wie Latif beginnt Amidu seine Reise, als er 16 Jahre alt ist, schlägt sich durch Niger, Benin bis nach Libyen, wo er versucht, sich mit der Arbeit in einer Autowerkstatt über Wasser zu halten. Er spürt, dass er in diesem Land nicht überleben kann und nimmt die gefährliche Bootsüberfahrt nach Italien in Kauf. Zwei Tage verbringt er auf dem Meer, bevor er im November 2015 in Italien ankommt. Der Junge schläft unter freiem Himmel und entschließt sich bald zur Weiterfahrt. Im Januar 2016 kommt er in München an.

Der Flüchtling bekommt ein Gesicht

Die lange Reise beider Jugendlicher endet in Großweitzschen. Vorerst. So lange sie nicht 18 Jahre alt sind, können sie als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Intensivtherapeutischen Jugendwohngruppe „Distel“ in Großweitzschen leben. Neuen – familiären – Halt finden Amidu und Latif bei den Fußballern des Döbelner SC.

Dort spielen die beiden zurückhaltenden Jungs, die Alkohol strikt ablehnen, Fußball, werden von den anderen schnell akzeptiert und mitgenommen. Zweimal in der Woche wird trainiert, an den Wochenende ist Spiel. Und sie lernen Holger Schmidt kennen. „Das Eis war ganz schnell gebrochen“, erinnert sich der 47-Jährige, der selbst drei Teenager-Söhne hat. Amidu und Latif wecken mit ihrer offenen, freundlichen Art, ihrer Disziplin und ihrer Bereitschaft zum Lernen Holger Schmidts Interesse. Interesse an dem, was bisher ihr Leben war. Interesse dafür, was mit ihnen sein wird. „Plötzlich hatte der Flüchtling ein Gesicht bekommen, eine Geschichte“, gibt der Coach zu, dass sich für ihn plötzlich eine ganz neue Situation entwickelte, mit der er nicht unbedingt gerechnet hatte.

Beide Jungs, die ein Jahr lang an die Berufsschule gehen dürfen, inzwischen richtig gut Deutsch sprechen und alles verstehen, wachsen nicht nur in den Verein hinein, sondern auch ihm ans Herz. Als Amidu und Latif die geregelte Sicherheit der „Distel“ verlassen müssen, weil sie per Gesetz volljährig geworden sind, kümmern sich Verein und Familie. Unterstützen die Jungs, die trotz ihrer inzwischen 18 und 19 Jahre einfach noch Kinder sind, beim Kampf im deutschen Behördendschungel. Versuchen ihnen die Angst zu nehmen, als der Umzug in die Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber ansteht. Teilen Zeit und Erlebnisse mit ihnen. Holger Schmidt und seiner Familie fällt das nicht schwer. Die Dankbarkeit der beiden Jungs, die für die eigenen Söhne fast wie der vierte und fünfte Bruder sind, ihre Anständigkeit und das glückliche Leuchten in ihren Augen machen für sie jeden persönlichen Einsatz wett.

Verein nutzt sein Netzwerk

Amidu nennt Holger Schmidt und seine Frau Papa und Mama. Dass sie bei gemeinsamen Ausflügen mit den Jungs wegen deren dunkler Hautfarbe manchmal schief angeschaut werden, registriert die Familie sehr wohl. Sie steckt es weg. „Ich hätte mir gewünscht, in Deutschland geboren zu sein“, sagt Latif irgendwann einmal ganz nebenbei. Holger Schmidt treibt dieser Satz die Tränen in die Augen.

Der Blick über den Tellerrand hat den Alltag der Döbelner um viele Erfahrungen reicher gemacht. Aber er bedeutet genauso viel Sorge. Sorge darum, dass Amidu und Latif trotz augenscheinlich erfolgreicher Integration vielleicht nicht in Deutschland bleiben dürfen, weil sie per Definition aus sogenannten sicheren Herkunftsländern stammen. Dass sie dorthin zurück geschickt werden könnten, wo sie nichts erwartet, möchte sich auch ihr Coach einfach nicht vorstellen. Der Verein wünscht sich, dass die Jungs bleiben dürfen. Die Mitspieler wollen helfen, überlegen, eine Unterschriftensammlung für die beiden Jungs starten.

Amidu und Latif können die Frage, was sie sich wünschen, schnell beantworten, denn sie haben in Döbeln eine neue Heimat gefunden: „Eine Ausbildung, arbeiten, selbstbestimmt leben, ohne Geld vom Staat.“ Sie wollen nicht wie viele andere weiterziehen in die Großstadt. Sie schätzen das Döbelner Umfeld, wollen sich einbringen, etwas tun. Lernen. Ein Recht darauf haben sie im Moment nicht.

Der Verein, bei dem sie jetzt schon in der Männermannschaft mitspielen – Amidu im Sturm und Latif im Mittelfeld – und als helfende Hand in der A-Jugend das Training unterstützen, nutzt sein Netzwerk. Organisiert für Amidu einen Handwerksbetrieb, der händeringend Nachwuchs sucht und bereit ist, den 19-Jährigen auszubilden. Holt die Handwerkskammer und das Arbeitsamt ins Boot. Am 1. August hätte es losgehen können, es ist alles in Sack und Tüten. Doch Amidus Antrag auf Ausbildungsduldung wird abgelehnt. Derzeit läuft ein neuer Antrag auf Arbeitsduldung. „Wir verstehen die Politik, und es ist sicher auch schwer, angemessene Regelungen für die vielen verschiedenen Schicksale zu finden.“ Aber Holger Schmidt gibt nicht auf. Hofft für Amidu auf ein Wunder. Und denkt weiter positiv.

Das ist auch Latifs Credo, für den die Döbelner ebenfalls daran arbeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Weil man in Benin erst mit 21 als volljährig gilt, kann der 18-Jährige erst einmal noch in Deutschland bleiben. „Ich lebe für das, was der Morgen mir zu bieten hat, nicht für das, was mir gestern weggenommen wurde. Mein Vater hat mir immer gesagt: positiv bleiben. Und alles wird gut.“

Von Manuela Engelmann

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