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Akten können lügen

Akten können lügen

Die DDR ist bereits seit über 23 Jahren Geschichte. Doch was bis 1989 geschehen ist, ist für viele Menschen noch nicht Geschichte.

Gödelitz.

 

 

 

 

"Akten lügen nicht, hat Joachim Gauck einmal gesagt", erklärt Axel Schmidt-Gödelitz, Vorstandsvorsitzender des Ost-West-Forums, als er am Sonnabend das Gespräch eröffnete. Doch teilweise habe das, was in den Unterlagen der Stasi stand, auf purer Verleumdung beruht. Die Frage müsse daher lauten, warum hat sich jemand als IM eingeschrieben. Reagierte dieser Mensch auf Druck oder Angst und was hat er dann überhaupt geschrieben. "Heute wissen wir, dass vieles unbrauchbar war."

1993 tauchte Günter Hanisch plötzlich in den Tagesthemen auf. Es wurde berichtet, wie ein Pfarrer seine Kirchenmitglieder an die Stasi verraten habe. Für den ehemaligen Dompfarrer in Dresden war dies ein Schock. Er war ab 1973 Beauftragter des katholischen Bischofs beim Rat des Bezirks später auch für Gespräche mit dem Ministerium für Staatssicherheit zuständig. Diese Nähe zum DDR-Staatsapparat habe er bewusst gesucht - um Menschen zu helfen. "Ein Mann wollte zur Beerdigung seines Bruders in den Westen, doch die Ausreise wurde ihm verweigert", berichtet Hanisch. Also verwies er auf die KSZE-Akte, die durch die DDR unterzeichnet wurden war. Damit seien die Grundrechte der Bürger akzeptiert wurden. Der Mann durfte zur Beerdigung reisen.

"Was ich nicht wusste, ich wurde zu diesem Zeitpunkt bereits beobachtet. Und ab da an wurde ich zum IM umfunktioniert", sagt Hanisch auf dem Podium im komplett gefüllten Raum des Gut Gödelitz. Ein Journalist habe nach der Wende in die Akte geschaut und sich daraus etwas konstruiert - ohne das der studierte Theologe diese kannte. Zum Glück habe er große Unterstützung erfahren, doch es war eine sehr schwere Zeit.

"Alles was ich kritisches gesagt habe, stand nicht in der Akte", sagt Sigurd Fröhner, der studierte Theologe war von 1973 bis 1999 Gemeindepfarrer in Nossen. Sein Credo war damals: "Nicht schweigend hinnehmen, sondern mindestens einen Aufschrei erzeugen." Eigentlich habe er nach dem Ende der DDR mit einer Belobigung für seinen Widerstand gerechnet, doch es kam anders. Im Buch "SED und MfS im Kirchenbezirk Meißen" des Wurzener Theologen Martin Kupke wird Fröhner der Tätigkeit als IM bezichtigt. "Das jemand sich nur aus den Akten Bild macht, dass hätte ich nicht gedacht", berichtet Fröhner, immer noch fassungslos. Auch er kannte seine Akte nicht. Das Buch ist erst vor knapp einem Jahr erschienen.

"Ich kenne beide Herren", sagt Frank Richter, Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Diese Denunziation sei nicht hinnehmbar. Richter erklärt, dass an dem Begriff IM viel klebt. Der Moderator des Gesprächs, Ulfrid Kleinert, ergänzt, dass dieser Begriff nicht reflektiert werde, sondern durch Kupke einfach das übernommen wurden sei, was die DDR zu Sigurd Fröhner erklärt hat. "Es ist eine Schweinerei Menschen so zu diffamieren", sagt Kleinert und entschuldigt sich anschließend, dass er immer schneller geredet hat.

"Audiatur et altera pas", sagt Richter. Es müsse auch die andere Seite gehört werden. "Ich bin entsetzt, dass ein Wissenschaftler die Stasi-Akten als die Wahrheit ausgibt", so Kleinert. Für Sigurd Fröhner, der mit einer Halbglatze auf dem Podium sitzt, hat das letzte Jahr bedeutet, "ordentlich Haare zu lassen".

"Der Begriff IM ist ein Terminus horribilus", sagt der Roßweiner Siegfried Herzig, bei der Fragerunde aus dem Publikum . Einige Menschen sei diffamiert wurden, andere haben aus Angst unterschrieben Matthias Pöls

 

Sigurd Fröhner, ehemals evangelischer Pfarrer in Nossen: "Als ich erfuhr, dass ich nicht Biologie studieren konnte, kam es mir so vor, als ob ich der DDR hilflos und mit ohnmächtiger Wut gegenüberstehe. Doch die Praxis in der Kirche war ermutigend. Wir wollten nicht schweigend hinnehmen, sondern mindestens einen Aufschrei erzeugen. Ich wollte meine Dienste dem Wohl der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, trotz dieses Regimes."

 

Ulfried Kleinert, ehemaliger Vikar in Marburg, Prorektor und Rektor in Hamburg und Dresden.: "Ich bin entsetzt, dass ein Wissenschaftler einen Text wie die Stasi-Akte, als die Wahrheit nimmt. Martin Kupke hat einfach die MfS-Akte wiedergegeben. Es wird nur das wiedergegeben, was die DDR dazu erklärt hat. Der Begriff IM wird dabei nicht reflektiert. Es ist eine Schweinerei Menschen so zu diffamieren."

 

Frank Richter, Mitbegründer der "Gruppe der 20", Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung: "Ich habe bei vielen Veranstaltungen in den letzten Jahren erlebt, wie das DDR-System Menschen gedemütigt, deformiert hat und zersetzen kann. Mit dem Begriff IM wird häufig direkt verbunden, heimlich und hinterhältig gehandelt zu haben. Es ist ein Begriff an dem viel klebt. Doch es müsste differenzierter betrachtet werden."

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